Starke Gefühle, intensive Sinneseindrücke: Patrick Schwarzenbach im Steineggwald oberhalb St. Gallen (Bild: Reto Schlatter)
Starke Gefühle, intensive Sinneseindrücke: Patrick Schwarzenbach im Steineggwald oberhalb St. Gallen (Bild: Reto Schlatter)
Erstellt: 27.07.2012
«Ich habe nicht vor, ein Heiliger zu werden»
Porträt/ Drei Monate allein im Wald leben: Das nahm sich Pfarrer Patrick Schwarzenbach zum Gallusjahr vor. Allein aber bleibt er nicht.

Allein sein, unter freiem Himmel schlafen, den eigenen Ängsten begegnen, das Leben spüren, ohne Konsumdruck – es gab viele Gründe, die Patrick Schwarzenbach in den Wald trieben. Drei Monate lang, von Anfang Juni bis Ende August, lebt der 28-jährige evangelische Pfarrer und Doktorand aus Wädenswil im Steineggwald oberhalb von St. Gallen. Unweit jenes Orts, wo 1400 Jahre zuvor Mönch Gallus, der Gründer der Stadt St. Gallen, dasselbe tat. Die Idee, «etwas Verrücktes zu tun» und das auf eine spirituelle Art und Weise, kam ihm letzten Herbst im Gespräch mit einem Pfarrkollegen. Er wollte zur Ruhe kommen und lernen, sein Leben auf das Nötigste zu reduzieren. Dabei will er «nicht Gallus nachspielen, sondern eine Form des Alleinseins suchen, die heute lebbar ist».

Beten. Schwarzenbach steht um 7 Uhr auf, betet und meditiert zweimal eine halbe Stunde lang, frühstückt, liest danach in der Bibel oder geht spazieren. Am Nachmittag erhält er häufig Besuch. Abends sinniert er vor dem Feuer und verfolgt bewusst den Übergang vom Licht ins Dunkel, betet eine Stunde lang und legt sich um 22 Uhr schlafen im Zelt neben seiner Waldhütte. In den ersten Nächten verfolgten ihn noch diffuse Ängste. Im Dunkeln Wasser zu holen, kostete Überwindung. Doch er lernte, die Angst zuzulassen und mit ihr umzugehen.

Besuche. Auch die Furcht, vergessen zu werden, muss ihn nicht mehr plagen. Der Rückzug ermöglichte zahlreiche Begegnungen. Rund 120 Leute haben ihn bisher besucht, er kerbt jeden Besuch in einem Holz ein: Freunde, Bekannte, Medienleute, Spaziergänger. Alle wollen etwas von ihm. Für viele lebt er das aus, was sie gerne auch einmal machen würden, aber nicht umsetzen. «Die Sehnsucht, allein im Wald zu leben, ist verbreitet. Viele Besucher suchen auch Rat bei mir. Doch ich bin zu jung, um einen grossen Schatz an Weisheiten preisgeben zu können», sagt Patrick Schwarzenbach. Trotz der Gespräche findet er ruhige Momente. «Stille ist eine innere Haltung und nicht das Fehlen von Geräuschen», hat er getwittert. Seiner Freundin schreibt er Briefe, «um den Fast-food-Charakter der SMS zu vermeiden».
Gefühle und Sinneseindrücke spürt Schwarzenbach im Wald stärker als im normalen Alltag. Die Wut, wenn etwas nicht gleich klappt, bricht vehementer aus. Doch eine wirkliche Auszeit von der Zivilisation zu nehmen, ist nicht einfach: Die wohlgeordnete Gesellschaft lässt den Pfarrer nicht aus ihren Klauen. So musste er ein Toi-Toi-WC neben der Hütte aufstellen; die vom Förster ausgehändigten Regeln, wie man sich hierzulande im Wald zu verhalten hat, hängen neben der Hüttentür.

Botschaft. Alleinsein als Selbstzweck? Oder hat Patrick Schwarzenbach eine Botschaft? «Ich will zeigen, dass es möglich ist, auf Zeit eine andere Lebensform zu praktizieren.» Und alte Praktiken des Christentums leben: beten, meditieren, fasten, Rückzug in die Einsamkeit. «Aber», sagt er am Schluss lachend, «ich bin kein Heiliger und habe auch nicht vor, einer zu werden.» Stefan Schneiter

Gallus 2.0S
Stadt und Kanton St. Gallen feiern 2012 die Ankunft des Heiligen Gallus vor 1400 Jahren. Im Gedenkjahr lebt Patrick Schwarzenbach von Juni bis August im Steineggwald. Gallus wurde um 550 geboren, wirkte als Wandermönch und Missionar und gilt als Gründer der Stadt St. Gallen. Schwarzenbach will nicht die Lebensweise des Mönchs kopieren, sondern lebt im Heute: Er twittert und geht wöchentlich in der Stadt einkaufen, wo er auch sein Handy auflädt und sich eine Dusche gönnt.

www.gallus2punkt0.ch

 

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