Der vergessene Held
Er hat das Friedensgebet initiiert: Christoph Wonneberger

6. November 1989: Fernsehbilder von tanzenden Menschen auf der Berliner Mauer flimmern vor den Augen des Leipziger Pfarrers Christoph Wonneberger. Bereits eine Woche liegt er nach einem Hirninfarkt auf der Intensivstation. Der Schwerkranke kann die Bilder der Zeitenwende vor seinen Augen nicht einordnen. «Mein Sprachzentrum war völlig gestört. Ich konnte das nicht verknüpfen», sagt er rückblickend.

Friedensgebet.
Erst später sollte er begreifen, dass sich damals auf dem TV-Monitor eines der Schlüsselereignisse des 20. Jahrhunderts abspielte. Und Wonneberger hatte persönlich einen entscheidenden Beitrag dazu geliefert, dass die Mauer fiel. Bereits 1982 hatte er die Friedensgebete in Dresden initiiert, aus denen die Leipziger Montagsdemonstrationen hervorgingen. In seiner Pfarrwohnung spuckte die Druckmaschine Tausende Flugblätter aus. Zum ersten Mal war auf ihnen die zündende Parole «Wir sind ein Volk» aufgedruckt. Nach seiner Predigt über Freiheit und Ungehorsam, gehalten am Montag, 25. September, in der Nikolaikirche wagten sich Tausende von Menschen erstmals auf die Ringstrasse rund um die Leipziger Altstadt – der Auftakt zu den grossen Montagsdemonstrationen, die letztendlich das Stasi-System der DDR zum Kollabieren brachten.

Sprachlos. Heute, zwanzig Jahre später, sieht Wonneberger seinen Hirnschlag als Wink des Schicksals. «Es war nicht mehr nötig, dass ich für das freie Wort stritt. Die Leute hatten sich tausendfach von den Zwängen des SED-Regimes befreit und die Sprache gefunden.» Er selbst war in diesen Tagen sprachlos und musste die Sprache erst wieder lernen, «wie ein Kind». In einer Zeit, in der andere Pastoren und Oppositionelle den Journalisten ihre Geschichten erzählten, rang Wonneberger in der logopädischen Praxis um die Worte. Er sollte zum vergessenen Helden werden.

Vergessen. «Das hat auch etwas Gnädiges», sagt er. Denn: «Nichts mehr zu tun und trotzdem zu reden, das ist nicht mein Ding.» Er räumt aber ein: Die Gnade, sich als vergessener Held nicht selbst zu betrauern, kam nicht über Nacht. «Ich musste schon an mir arbeiten.» Aber schliesslich das Wunder, die Sprache wieder zu erlernen, wieder Velo fahren zu können und endlich als Pfarrer im Ruhestand nicht mehr getrieben zu sein von den Ereignissen, sondern für die Familie da zu sein – «all das gab mir Gelassenheit».

Es ist eine erstaunliche Gelassenheit – selbst seinen Stasi-Spitzeln gegenüber. «Die Stasi hat immer eine Drucksituation der angeworbenen IM (der inoffiziellen Mitarbeiter, die Red.) ausgenutzt. Die IM waren oft Täter und Opfer zugleich.»

Stasi. Wonneberger war im Dauervisier des Staatssicherheitsdiensts, seit er, der gelernte Maschinenschlosser, das Theologische Seminar absolviert hatte und wie sein Vater Pfarrer geworden war. Schon an seiner ersten Stelle engagierte er sich für die Friedensbewegung, die sich Anfang der 80er-Jahre in der evangelischen Kirche der DDR sammelte. Er initiierte einen Kettenbrief, um Pazifisten zu einem sozialen Friedensdienst zuzulassen. Das Echo auf die Briefaktion war so gross, dass die Stasi eine operative Zersetzungsmassnahme gegen ihn einleitete. Wonneberger hielt dem Druck stand und machte die von ihm und seiner Gruppe entwickelten Friedensgebete zum Kristallisationspunkt der kirchlichen Basisgruppen.

1986 setzte er als Pfarrer in Leipzig die Friedensgebete in der Nikolaikirche fort. Jeden Montag sammelten sich dort die Oppositionellen, die zusammen mit den Ausreisewilligen anfingen, im kirchlichen Raum frei über den Staat zu sprechen. Im August 1988 war dann aber Schluss damit. Superintendant Christian Magirius entzog Wonneberger brieflich die Koordination der Friedensgebete. Wonneberger, der sich sonst der Kritik an konkreten Personen enthält, sagt dazu heute: «Das war schon unwürdig von Magirius, mir einfach brieflich die Leitung der Friedensgebete zu entziehen.»

Schrittmacher. Christoph Wonneberger selbst liess sich vom Machtwort des Superintendanten allerdings nicht einschüchtern. Seine Rolle, die Kirche auf regimekritischem Kurs zu halten, beschreibt er im Nachhinein so: «Ich war derjenige, der die Kirche immer nötigte, einen Schritt weiter zu gehen, als sie eigentlich wollte.»
Zeitenwende. Ganz typisch dafür ist der «Statt-Kirchentag», der zeitgleich mit dem offiziellen Leipziger Kirchentag im Juli 1989 in Wonnebergers Gemeinde über die Bühne ging. Unter dem Druck der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) hatte der offizielle Kirchentag bewusst brisante Themen gemieden. Beim «Statt-Kirchentag» war es gerade umgekehrt: Das brennendste Thema der Zeit, das brutale Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking, wurde zum zentralen Thema. Und trotz Drohungen des Staates predigte Wonneberger am 14. September 1989: «Die Stasi ist ein Papiertiger.» Mit «We Shall Overcome» zogen die ermutigten Dissidenten aus der Kirche. Am 30. Oktober, als 200 000 Menschen auf dem Leipziger Ring demonstrierten, wurde Wonneberger ins Spital eingeliefert. Erst Wochen später sollte es ihm langsam dämmern: Eine Zeitenwende hatte stattgefunden – ohne ihn.

Moskau. Während sich heute andere im Interviewkarussell drehen, tritt der vergessene Held ganz entspannt in die Pedale. Vergangenes Jahr war er bei der Velo-Friedensfahrt Paris– Moskau dabei. Dieses Jahr ging es nach Lettland. Eines sticht schon bei seinem Radtenue ins Auge: Das Sportliche und Politische ist beim pazifistischen Pfarrer bis heute nicht zu trennen. Auf dem Rücken seines Dresses ist der Bibelspruch aus Micha 6 zu lesen, der in der DDR so vieles in Bewegung brachte: «Schwerter zu Pflugscharen.» Delf Bucher

CHRISTOPH WONNEBERGER, 65 lag auf der Intensivstation, als die DDR zusammenbrach – nachdem er wesentlich zum Mauerfall beigetragen hatte. Heute nicht im Rampenlicht zu stehen, ist für den ehemaligen Pfarrer eine Gnade: «Nichts mehr zu tun und trotzdem zu reden, das ist nicht mein Ding.»