«Haiti braucht uns – noch ganz lange»
Solidarität/ Er ist Journalist und Kommunikator. Und wenn das Unglück am grössten ist, sammelt er Millionen. Roland Jeanneret (62) über Macht in der Ohnmacht, Glück im Unglück.

Medienrealität im Januar 2010: Bilder vom nackten Grauen in Haiti, namenlose Leichen auf offener Strasse, unerträglich leere Kinderaugen, Berichte von überforderten Hilfskräften. Daneben im Grossformat die jubelnden Lauberhornsieger, Fotos aus einer satten Schweiz. Und irgendwo dazwischen der Hinweis, dass die «Glückskette» für die Erdbebenopfer sammelt. Es werden Millionen zusammenkommen. Denn: «Die Menschen wollen unbedingt helfen», sagt Roland Jeanneret. Der Berner Radiomann ist die Deutschschweizer Stimme und das Gesicht der «Glückskette». Und diese ist für viele in diesem Land das Katastrophenkonto schlechthin.

Der Journalist. Das gesammelte Geld fliesst zu hundert Prozent in Projekte. Möglich ist das, weil die «Glückskette» eine Stiftung der SRG/SSR idée suisse ist, in Radio- und Fernsehsendungen also zu bester Zeit Spendeaktionen durchführen kann. Weil zudem die Administration mit Zinsen aus noch nicht eingesetztem Geld berappt wird, arbeitet die «Glückskette» konkurrenzlos günstig. Gibt das nicht Probleme mit Hilfswerken, die diese Vorteile nicht haben? Jeanneret verneint. Da die «Glückskette» keine eigenen Projekte habe und nur als Sammelstelle fungiere, arbeite man mit verschiedensten Hilfswerken bestens zusammen. Seine eigene Tätigkeit sieht er vorab als Fortsetzung seiner Journalistenarbeit in der Informationsabteilung von Radio DRS. «Wir geben den ansonsten ohnmächtigen Medienkonsumenten eine Möglichkeit, gemeinsam mächtig zu werden.» Unterstützt wird in erster Linie die nachhaltige Hilfe. Für Jeanneret ist auch jetzt klar: «Haiti braucht uns – noch ganz lange.»

Der Eventmanager. Ein nationaler Sammeltag ist jeweils ein Grossanlass. Dutzende von Helferinnen und Helfern werden innert weniger Tage aufgeboten, Sendeabläufe umgestellt, der Journalist Jeanneret wird zum Eventmanager. Eine heikle Gratwanderung, findet Jeanneret: Einerseits sei da der traurige Anlass, anderseits das ehrgeizige Sammelziel – «da könnte man schon in Basarstimmung kommen». Es gehe darum, die Solidarität spürbar zu machen und die Menschen zum Spenden zu animieren. Er vertraue auf seine Erfahrung als Journalist, dass dies in angemessenem Ton geschehe.

Der Mensch. Sich selbst bezeichnet der Stadtberner als «privilegiert». Ist er auch glücklich? «Nicht immer. Glück ist kein Zustand – es umfasst bloss einzelne Momente.» Aber die weiss er zu geniessen. Umso mehr, als er das Unglück schon oft hautnah erlebt hat. Jeanneret, der wortreiche Erzähler, wird nachdenklich, wenn er über seine Aufenthalte in den Katastrophengebieten spricht: «Wenn Men- schen noch nach Jahren traumatisiert sind und ein Unglück einfach nicht vergessen können, wird einem bewusst, dass Geld zwar Wunden heilen kann – doch die Narben bleiben oft ein Leben lang.» Geld und Worte seien nicht alles, es gehe auch um ein «tätiges Christentum». Dieses Stichwort ist ihm aus seinen «Zwinglibund»-Zeiten in Erinnerung. Es beeindruckte den Arbeitersohn aus Bern-West so sehr, dass er sich mit zwanzig Jahren in den Kirchgemeinderat (Kirchenpflege) wählen liess. Als Jüngster in der ganzen Stadt Bern. Rita Jost

«Glückskette» und «Heks»
Die «Glückskette» hat im letzten Jahr Hilfsprojekte mit insgesamt 42 Millionen Franken unterstützt. Der grösste Teil der Spenden wird für die Langzeithilfe aufgewendet. Geld, das noch nicht in Projekte investiert werden, ist zinsbringend angelegt. Daraus werden Inlandprojekte und Infrastruktur finanziert. Die «Glückskette» arbeitet mit rund dreissig Partnerorganisationen zusammen, unter anderem mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Dieses hat bereits eine Million Franken für Haiti gesprochen.

Spendenkonto Heks: PK 80-1115-1 (Haiti) Spendenkonto Glückskette: PK 10-15000-6 (Haiti)