Die Krux mit der Ungerechtigkeit
Diskussion/ Am 18. Februar startet die ökumenische Kampagne «Stoppt den unfairen Handel». Was denken Jugendliche über die ungleiche Verteilung von Gütern? Ein Gespräch unter Badener Konfirmanden.

Es ist halb sechs Uhr abends. Nach einem langen Schultag trudelt eine Handvoll Jugendlicher ins reformierte Kirchgemeindehaus Baden. Zeit für den Konfirmationsunterricht. Am Tisch sitzen drei Mädchen und zwei Jungen, der eine gähnt. Als Pfarrer Stefan Blumer ihnen erzählt, dass sie anlässlich der Kampagne «Stoppt den unfairen Handel» der kirchlichen Hilfswerke «Brot für alle», «Fastenopfer» und «Partner sein» über die gerechte Verteilung von Gütern wie Nahrung oder Kleider diskutieren sollen, schweigen sie mit skeptischen Mienen.

Als Einstieg zeigt ihnen Stefan Blumer eine Szene aus «We feed the world», einem Dokumentarfilm über die Folgen der profitorientierten Massenproduktion von Nahrungsmitteln. Die Jugendlichen sehen einen Abfallwagen, der jede Nacht durch die Stadt Wien fährt und dabei Tausende Brote als Retourware einsammelt, die er anschliessend in eine Mülldeponie kippt. In der nächsten Szene erklärt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, dass die Schweiz ihr Brot aus Getreide herstellt, das zu achtzig Prozent aus dem Ausland, vornehmlich aus Indien, stammt – aus einem Land, in dem 200 Millionen unterernährte Menschen leben. Pfarrer Blumer stellt die erste Frage.

Stefan Blumer:
«Gibts solche Brotabfälle auch in der Schweiz?»
Hannah: «Die gibts in allen reichen Ländern.»
Myriam: «Das kommt wohl daher, dass wir meinen, wir hätten ein Recht auf frisches Brot bis Ladenschluss.»
Linus: «Das ist halt so. Wir wollen eben auf nichts verzichten.»
Sandra: «Ich bin schockiert! Wir schmeissen tonnenweise Brot weg, und in Indien verhungern die Menschen!»
Linus: «Irgendwoher müssen wir das Getreide doch nehmen!»

Die Mädchen schauen Linus missbilligend an. Aber Linus Kommentar dürfte der Haltung der meisten Konsumentinnen und Konsumenten hierzulande entsprechen. Kaum jemand quält sich mit der Frage, ob das Essen auf seinem Teller ethisch korrekt produziert und verteilt wurde.

Myriam: «Wir finden das zwar ungerecht. Trotzdem werden wir kaum unser Verhalten ändern. Man kann ja gar nichts machen!»
Linus: «Man kann schon, wenn man will. Aber wir sind eben verwöhnt. Und entwöhnen geht nicht so schnell.»
Hannah: «Das Brot, das bis am Abend nicht verkauft wird, könnte man zumindest gratis an arme Leute geben, statt es wegzuwerfen.»

In einem Spiel lässt der Pfarrer die Jugendlichen erfahren, dass die Verteilung von Gütern nach dem Prinzip «wer hat, dem wird gegeben» stattfindet. Alle bekommen ein Kuvert mit bunten Fäden, die, je nach Farbe, einen unterschiedlichen Wert haben. Das Ziel ist, durch Tauschen und Verhandeln möglichst viele Punkte zu sammeln. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden rechnen und argumentieren. Niemand ist bereit, auch nur einen Faden zu verschenken. Myriam gewinnt das Spiel und bekommt dafür ein Körbchen voller Schoggistängel. Die andere Schokolade wird je nach Punktezahl verteilt. Linus kommt dabei schlecht weg.

Linus: «Ich fühl mich verarscht! In meinem Kuvert waren so wenig Fäden, dass ich keine Chance hatte, viele Punkte zu machen!»
Myriam: «So ist das doch. Man kann sein Schicksal nicht auswählen. Genau so läuft es: Wir hier sind reich, und in den Entwicklungsländern ist man arm.»
Linus: «Ein doofes Spiel – nun gut, man muss sich halt damit abfinden.»

Jetzt lässt Stefan Blumer die Konfirmanden den Wert ihrer Kleider schätzen. Die einen kommen auf 150 Franken, die anderen auf 250 bis 500. Der Pfarrer selbst schätzt seine Kleidung auf 2000 Franken, inklusive Brille. Anschliessend zeigt er das Bild eines T-Shirts, auf dem die Anteile der Produktions- und Handelskosten prozentual dargestellt sind: Auf zehn Prozent Produktionskosten kommen über achtzig Prozent für Handel und Marketing.

Hannah: «Die Kleider werden billig hergestellt und teuer verkauft. Am wenigsten verdienen dabei die Näherinnen.»
Myriam: «Wer Geld hat, bestimmt.»
Linus: «So ist das. Da kann man nichts machen.»
Stefan Blumer: «Wirklich nicht?»
Dominic: «Doch, wir könnten zum Beispiel weniger T-Shirts kaufen. Ich kaufe mir wenig Kleider. Warum braucht man zehn verschiedene T-Shirts?»
Linus: «Aber wenn wir weniger kaufen, haben die Leute weniger Arbeit.»
Hannah: «Da gibt es doch dieses Fair-Trade-Zeug. So Labels, die darauf hinweisen, dass bei der Herstellung dieses Produkts bessere Löhne bezahlt werden.»
Dominic: «Nie gehört.»
Linus: «Diese Produkte sind aber teurer.»
Hannah: «Dafür sind sie besser, genau wie Bio-Produkte.»
Sandra: «Man sollte auf den Produkten angeben, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden.»
Linus: «Das interessiert ja doch niemanden.»

Stefan Blumer liest einen Text zum Thema «Was heisst Armut?» vor, der von den Dingen erzählt, die wir alle nicht mehr hätten, wenn wir arm wären.

Linus: «Eigentlich wissen wir alle, dass viele Menschen arm sind. Aber das verdrängen wir.»
Sandra: «Wer arm ist, ist ja nicht automatisch deprimiert. Ich habe in Südamerika Menschen gesehen, die wenig Geld hatten und trotzdem glücklich waren. Sie entwickelten sehr kreative Ideen, um zu Geld zu kommen.»
Myriam: «Ein Kind kann mit einem Tannenzapfen genauso zufrieden spielen wie mit irgendeinem Plastikspielzeug. Wir machen uns abhängig von Dingen, die überhaupt nicht wichtig sind für das Lebensgefühl.»
Stefan Blumer: «Warum schrauben wir dann unsere Ansprüche nicht einfach herunter?»
Linus: «Das macht niemand freiwillig!»
Myriam: «Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, aber ich fühle mich machtlos. Was bringt es, wenn ich Strom spare, und der Stromverbrauch steigt trotzdem weiter?
Hannah: «Wenn alle so denken, verändert sich nichts. Wenn viele ihr Verhalten ändern, hat das sehr wohl eine Wirkung! Es braucht wenig, und deswegen lebt man ja nicht schlechter.»
Myriam: «Ich gebe mir auch Mühe, Strom zu sparen und möglichst ohne Auto irgendwohin zu gelangen. Aber manchmal frage ich mich trotzdem, ob das irgendeinen Einfluss hat.»
Hannah: «Der Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt macht mir richtig Sorgen.»
Linus: «Mir auch.»
Myriam: «Jetzt erzählst du einen Seich!»
Linus: «Es ist mir wirklich nicht egal! Darf man die Dinge nicht beim Namen nennen?»
Dominic: «Ich gebe mir Mühe, Dinge möglichst lange zu benutzen, bevor ich sie wegschmeisse.»
Myriam: «Ich fühle mich so klein in diesem ganzen System.»
Hannah: «Jeder Einzelne ist aber ein wichtiger Teil davon.»

Die Stunde ist vorbei. Myriam leert ihr Körbchen mit den Schoggistängeln auf den Tisch. «Nehmt ruhig! Ich brauche doch nicht alle!»
Anouk Holthuizen

Die Kampagne
Erstmals in der Geschichte leiden über eine Milliarde Menschen an Hunger und Unterernährung. Darauf weisen die kirchlichen Hilfswerke «Brot für alle», «Fastenopfer» und «Partner sein» mit ihrer diesjährigen ökumenischen Kampagne zur Fastenzeit hin. Die Kampagne mit dem Titel «Stoppt den unfairen Handel» startet am 18. Februar. Materialien für Kirchgemeinden fordern zum Handeln auf, darunter sind Plakate, Werkhefte und eine World-Fair-Trade-Poker. Informationen und Materialbestellung unter www.oekumenischekampagne.ch