Ein Reformierter zum Vorzeigen
Kirchenbund (SEK)/ Thomas Wipf, Präsident des Evangelischen Kirchenbunds, tritt zurück. Folgt nun ein Berner? Ein Romand? Oder eine Frau?

Rücktrittswelle beim Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK), dem Zusammenschluss der reformierten Landeskirchen: Nebst Präsident Thomas Wipf treten Ende Jahr gleich vier weitere Mitglieder aus der Exekutive zurück (vgl. Kasten unten). Neu bestellt wird das Gremium im Juni von der SEK-Abgeordnetenversammlung (Parlament).

Nach drei Amtsperioden sei ein sinnvoller Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen, sagte Wipf auf Anfrage. Er habe in diesen zwölf Jahren zusammen mit dem kompetenten Ratsteam viel erreicht und könne seinem Nachfolger «einen SEK mit viel Potenzial» übergeben.

Bilanz. Der 64-jährige Zürcher Pfarrer hat als SEK-Präsident seine grossen Erfolge in der «Aussenpolitik» eingefahren: Es wird ihm eine hervorragende internationale Vernetzung attestiert, die im 2006 übernommenen Präsidium der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) gipfelte. Zudem ist Wipf durch sein interreligiöses und gesellschaftspolitisches Wirken aufgefallen: Er machte im Umfeld der Minarett-Initiative mit differenzierten Stellungnahmen von sich reden, er war federführend an der Gründung des Schweizerischen Rats der Religionen beteiligt, und er initiierte das Open Forum Davos, die öffentliche Dialogveranstaltung des WEF. Den beiden Institutionen erwuchs allerdings neben Anerkennung auch Kritik. Der Rat der Religionen wurde – weil erst keine Frau Einsitz hatte – als «Männerrat» gerügt, das Open Forum als vom WEF gesteuerte Feigenblattveranstaltung. Wipf hingegen argumentierte stets, man schaffe am Open Forum in gut reformierter Tradition einen Ort der kontradiktorischen Auseinandersetzung.

Vision. Innenpolitisch hat sich Wipf nach Einschätzung von Abgeordneten mit seiner Vorstellung eines starken Kirchenbunds oft die Zähne ausgebissen. Seine Vision einer «Kirche Schweiz», deren handelndes Zentrum im SEK angesiedelt ist und die sich als geeinte Kraft gesellschaftspolitisch profiliert, ist (noch) nicht Realität. Und mit dem Fünffachrücktritt werde in dieser Sache wohl ein «Paradigmenwechsel» stattfinden, ist zu hören.
So oder so: Mit Thomas Wipf tritt ein kirchenpolitisches Schwergewicht ab, dem ein für kirchliche Verhältnisse souveräner Umgang mit den Medien attestiert wird. Wipf wurde im Amt zum «Vorzeige-Reformierten».

Wunschzettel. Sein Nachfolger müsse in der Lage sein, die erfolgreichen Tätigkeiten Wipfs (Aussenpolitik, Interreligiosität, Medienpräsenz) fortzusetzen, finden die von «reformiert.» angefragten Abgeordneten unisono. Zudem müsse das neue Präsidium die vor zwei Jahren initiierte SEK-Verfassungsrevision so über die Bühne bringen, dass sie Grundlage für eine zukunftsträchtige Zusammenarbeit der 26 Mitgliedkirchen mit ihren rund 2,5 Millionen Mitgliedern sei. Letzteres dürfte nicht ganz einfach sein. In der neuen SEK-Verfassung kristallisieren sich nämlich auch die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitgliedkirchen. Die grossen Kantonalkirchen – vor allem Bern und Zürich, die das SEK-Budget zu einem wesentlichen Teil bestreiten – möchten keinen allzu starken Kirchenbund, sondern innenpolitisch lieber selbst eine führende Rolle spielen. Die kleineren Kantonalkirchen hingegen wünschen sich einen starken Kirchenbund, der sie operativ und ideell unterstützt.
Das heisst: Aussenpolitisch hat der neue SEK-Präsident freie Bahn, innenpolitisch muss er sich im Spagat zwischen den unterschiedlichen Kräften üben. Die Kunst dürfte sein, mit der reformierten Vielfalt pragmatisch umzugehen und die Kirchen dennoch vorwärts zu bringen. Oder wie es eine Abgeordnete sagte: «Entweder stirbt der Protestantismus an seiner Vielfalt, oder er lebt damit.»

Ein Berner? Seit 1986 ist das SEK-Präsidium fest in Zürcher Händen: Auch Wipfs Vorgänger Heinrich Rusterholz war Zürcher Pfarrer. Deshalb werde sich Zürich diesmal «personell zurückhalten», erklärt der Zürcher Kirchenratspräsident Ruedi Reich auf die Frage möglicher Zürcher Kandidaturen. Bern vermeldet, man habe «valable Kandidaten», allerdings ist weder von Synodalratspräsident Andreas Zeller noch von den Synodalräten Gottfried Locher – er ist Vizepräsident des Reformierten Weltbunds und ehemaliger «Aussenminister» des SEK: also ein profunder Europakenner – und Lucien Boder zu erfahren, ob sie eine Kandidatur erwägen. Boder, Pfarrer in Vauffelin und Mitglied des SEK-Rats, ist bilingue und dürfte dem verbreiteten Wunsch, einen Frankofonen zu wählen, entgegenkommen.

Ein WelscheR? Allerdings haben die Welschen einen noch aussichtsreicheren Anwärter aufs SEK-Präsidium: Der 55-jährige Antoine Reymond galt jedenfalls lange als Favorit – allerdings ist er im vergangenen Jahr unter merkwürdigen Umständen aus dem Synodalrat der Waadtländer Kirche abgewählt worden. Ob dies seine Wahlchancen schmälert, wird sich weisen. Gute Karten hat auch der erst 47-jährige Theologe Didier Halter aus Sion, der das Büro des SEK-Parlaments präsidiert und dort dem Vernehmen nach eine gute Figur macht. Gegen eine allfällige Kandidatur von Gabriel Bader, Neuenburger Synodalratspräsident, oder von Charlotte Kuffer, Vizepräsidentin der Église protestante de Genève, dürfte deren geringe SEK-Erfahrung sprechen.

Eine Frau? Seit seiner Gründung 1920 wurde der Kirchenbund noch nie von einer Frau geleitet – wäre es nicht Zeit für eine Präsidentin? Chancen ausrechnen könnte sich nach Angaben mehrerer SEK-Abgeordneter die Aargauer Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen: Sie gilt als engagierte Macherin und ist Präsidentin der Nominationskommission.
Keine Frau, aber bestens vernetzt ist der Luzerner Synodalratspräsident David Weiss: Er ist Präsident der reformierten Medien, hat langjährige SEK-Erfahrung – und könnte sich eine Kandidatur, je nach Profil, vorstellen. Der St. Galler Kirchenratspräsident Dölf Weder hingegen winkt ab: Mit 59 Jahren sei er zu alt für dieses Amt: «Man muss eine Zeitperspektive von zehn Jahren haben.» Daniel Klingenberg

Wahlprozedere

Neben SEK-Ratspräsdident Thomas Wipf treten per Ende Jahr auch die beiden Vizepräsidentinnen Irene Reday (Genf) und Silvia Pfeiffer (Schaffhausen) sowie die Ratsmitglieder Helen Gucker-Vontobel (Zürich) und Urs Zimmermann (Aargau) zurück. Die siebzigköpfige SEK-Abgeordnetenversammlung - das Parlament - wird Mitte Juni in Herisau die neuen Mitglieder der auf sieben Sitze verkleinerten Exekutive wählen. Peter Schmid (Baselland), Lucien Bodmer (Bern-Jura-Solothurn) und Krisitin Rossier Buri (Waadt) stellen sich zur Wiederwahl.
www.sek.ch

 

Poleposition

Folgende Personen werden u. a. als Anwärterin / als möglicher Anwärter fürs SEK- Präsidium genannt:

Claudia Bandixen, 53
Kirchenratspräsidentin AG; zuvor Pfarrerin und in der Mission tätig; Mitglied SEK-Abgeordnetenversammlung

Andreas Zeller, 55
Synodalratspräsident BE-JU-SO; zuvor Pfarrer; Mitglied SEK-Abgeordnetenversammlung; Dr. theol.

Lucien Boder, 51 Pfarrer in Vauffelin BE; Synodalrat BE-JU-SO; Mitglied des SEK-Rats; Bilingue

David A. Weiss, 55
Synodalratspräsident LU; Pfarrer, Präsident Reformierte Medien; Mitglied SEK-Abgeordnetenversammlung

Antoine Reymond, 55
Pfarrer im Waadtland, als Synodalrat und ehemaliger Präsident der Conférence des Eglises protestantes romandes (CER)