Berührende Bilder von dem, was bleibt

Fotografie

Sterben ist nicht nur Abschied. Gaëtan Ballys Fotografien erzählen von einem Alltag, in dem Krankheit präsent ist, aber vieles weitergeht, was den Menschen ausmacht.

Gaëtan Bally wischt über das Display seines Handys. Er zeigt jene Bilder, die bald als eindrückliche Serie in der Wasserkirche zu sehen sein werden. Für Palliaviva hat der Zürcher Fotograf schwer kranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleitet – zu Hause, in Pflegeheimen und Spitälern. Vor der Ausstellung spricht er mit «reformiert.» darüber. Seine Bilder sollen nichts beschönigen, aber auch nichts dramatisieren. Sondern einfach zeigen, wie es ist. 

Warum ihm realistische Bilder wichtig sind, verdeutlicht Bally anhand einer Begegnung in der Villa Sonnenberg, dem Zentrum für Palliative Care des Spitals Affoltern. Eine Frau, die ihren schwer kranken Mann lange zu Hause gepflegt hatte, erzählte ihm von einem Prospekt für einen Treppenlift: Darauf sass ein perfekt gekleideter Mann aufrecht und strahlte in die Kamera. Die Frau habe sich darüber geärgert. Mit dem beschwerlichen Alltag des Paars habe diese Darstellung doch überhaupt nichts zu tun. Auch mit verbreiteten stereotypen Bildern von Palliative Care möchte die Ausstellung aufräumen.


Patientin tröstet Arzt

Nun erscheint eine von Krankheit gezeichnete, abgemagerte Frau auf dem Display. Sie stammt aus einem Kriegsgebiet. Bally hat sie auf der Palliativstation des Spitals Bülach besucht. Sie beugt sich über Blumen auf dem Fenstersims. Um ihren Duft zu riechen, hat sie die Sauerstoffmaske abgenommen. «Ein sehr intimer Moment», sagt Bally. Neben dem Bett stehen zwei Abfallkübel, wie in Spitälern üblich. «Ich hätte sie wegschneiden können.» Er tat es nicht. Denn auch sie gehörten zur Authentizität dieser Szene. 

Die Aufnahme, die nun folgt, ist besonders eindringlich. Ein Palliativmediziner sitzt am Bett derselben Frau. Kurz zuvor hat er ihr gesagt, dass medizinisch nichts mehr getan werden könne. Seine Hand liegt auf ihren Händen. Es sieht aus, als würde er sie trösten. Tatsächlich sei es umgekehrt gewesen, erzählt Bally. Die Frau habe dem Arzt gesagt, er solle nicht traurig sein. Er habe alles getan, was in seiner Macht stehe. Bally war später unsicher, wie sie auf die Fotografien reagieren würde, auf denen ihre Schwäche so sichtbar ist. Doch sie habe die Bilder schön gefunden. «Da war ich beruhigt.» Eine Woche später starb sie, keine 40 Jahre alt. Viele Menschen auf den Fotos leben nicht mehr. Das führt ihn auch zu einer Erinnerung an den eigenen Vater. Kurz vor dessen Tod sah Bally dabei zu, wie ein Pflegefachmann ihn ein letztes Mal rasierte. Schon damals dachte er: Das wäre ein starkes Bild. Fotografiert hat er die Szene nicht. Heute fragt er sich manchmal, ob das ein Fehler war.

Nähe ohne Voyeurismus

Wie nah darf ein Fotograf schwer kranken Menschen kommen? Bally fragte jeweils, ob sie erkennbar abgebildet werden wollten. Manche sagten zunächst Nein und änderten später ihre Meinung. Wollte jemand mit den Angehörigen allein sprechen, verliess Bally den Raum. Oft aber durfte er bleiben. Dann versuchte er, möglichst wenig präsent zu sein. Seine Kamera arbeitet mit einem lautlosen elektronischen Verschluss. Niemand solle sich «wie ein Tiger im Zoo» fühlen. 

Gaëtan Bally begleitete Fachpersonen von Palliaviva bei vielen Besuchen. Sie kennen die Patientinnen und Patienten und sind rund um die Uhr erreichbar, unterstützen bei Medikamenten und koordinieren zwischen Hausarzt, Spitex und Angehörigen. Dass jemand dabei war, der die Situation einschätzen konnte, gab auch Bally Sicherheit in seiner Arbeit. Die entstandenen Bilder wirken ruhig, fast beiläufig. Dabei gibt es in der Palliative Care ebenso Atemnot, Angst und hektische Situationen. Solche Szenen erlebte er nicht. Ihn interessierte vielmehr, was neben Krankheit bestehen bleibt. Oft zeigt sich das in kleinen Dingen: Ohrringe, Lippenstift, ein alkoholfreies Bier am Krankenbett. Details, die davon erzählen, dass die Persönlichkeit, die Vorlieben und die Schönheit auch am Lebensende nicht einfach verschwinden. 

Eine Frau, die früher bei Pfarrer Ernst Sieber arbeitete, fotografierte Bally in ihrer Wohnung. Marilyn-Monroe-Poster, Discokugeln und Erinnerungsstücke füllen die Räume. Obwohl sie Sauerstoff braucht, will sie die Ausstellung besuchen. Sie habe nichts zu verbergen, sagte sie ihm. Für Bally steckt darin etwas Grundsätzliches: «Die Menschen wollen auch in dieser letzten Lebensphase gesehen werden.» Verändert haben die Begegnungen auch seinen Blick auf das eigene Leben. «Ich nehme es bewusster wahr.» Menschen lebten oft, als seien sie unsterblich, sagt Bally. Sie treiben Sport, scrollen durch Instagram, planen den nächsten Urlaub. Aber vielleicht sei das auch gar nicht falsch. «Man kann schliesslich nicht jeden Morgen aufstehen und denken, dass man sterben wird», sagt der Fotograf. 

Zu Hause und in Heimen

Unter dem Titel «Endlich menschlich» lädt eine Aktionswoche in Zürich dazu ein, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Teil des Programms ist die Ausstellung «Palliative Care – Bilder einer Realität». Initiiert wurde das Projekt von Palliaviva. Die Zürcher Organisation bietet Palliative Care zu Hause an. Seit Anfang 2026 unterstützt sie auch Pflegeheime in komplexen palliativen Situationen.

Bis 1. November, jeweils 14–17 Uhr, montags geschlossen. Wasserkirche, Zürich.
Vernissage: 22. Oktober, 18 Uhr