Der Chorleiter, der Zeitreisen ermöglicht

Musik

Professor Peter Baumann weckt mit seinem Weisch-no-Chor Erinnerungen an die Jugend – auch bei von Demenz betroffenen Menschen. 

Peter Baumann steht vorne im Saal, lässt die gestreckten Arme langsam kreisen: «Kein kleines Regenbögeli, macht ein grosses», ruft er. Bei der nächsten Übung biegen sich die Seniorinnen und Senioren vor ihm wie Tulpen im Frühlingswind. Dass hier kein Yoga stattfindet, wird klar, als  der 71-Jährige am schwarzen Flügel schliesslich die ersten Akkorde anschlägt. «Ma-me-mi-mo-mu» – das Einsingen beginnt.

Baumann ist Chorleiter, Singen bedeutet für ihn vollen Körpereinsatz. Auch in anderen Chören sei Bewegung wichtig, sagt er nach der Probe. «In diesem Chor achte ich aber noch mehr darauf.» Seine Sängerinnen und Sänger sind zum Teil hochbetagt, haben im Alltag wenig Bewegung. Viele sind an Demenz erkrankt, andere begleiten Betroffene. Es ist ein Inklusionsprojekt, bei dem es nicht nur ums Singen, sondern auch ums Erinnern geht. 

Ich werde mit dem Leben in der ganzen Breite konfrontiert.
Peter Baumann, Chorleiter

«Weisch-no» heisst darum das Ensemble, zu dem sich jeden Donnerstagnachmittag im Pfarreizentrum der katholischen Guthirt-Kirche in Wipkingen 30 bis 50 Menschen treffen. Baumann hat den Chor vor drei Jahren gemeinsam mit der Ärztin Irene Bopp-Kistler und Alzheimer Zürich gegründet. Die Resonanz war so gross, dass der Musiker und Alzheimer Aargau auch in Brugg jüngst einen Weisch-no-Chor lancierten. Die Chormitglieder schenken dem Dirigenten viel Vertrauen. Er sagt: «Das berührt mich. Und ich werde dabei mit dem Leben in seiner ganzen Breite konfrontiert.» 

Es ist sein Projekt nach der Pensionierung und von der Klientel her ein Kontrast zu seiner Erwerbsarbeit. Als Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz lehrte er die Studierenden, Musik an der Primarschule zu unterrichten. Zudem war er als Organist der Pfarrei Guthirt tätig. Dass er sich sozial engagieren wolle, sei für ihn selbstverständlich gewesen. «Das ist notwendig, ohne Care-Arbeit würde die Gesellschaft nicht funktionieren.» 

Zentral für das Erinnern

Wichtig ist ihm auch, dass Musikangebote der ganzen Bevölkerung offenstehen. Erst schwebte Baumann ein Chor für Geflüchtete vor. Doch der Gründung kam die Pandemie zuvor. Nach dem Gespräch mit einem befreundeten Musiker, der in Seniorenheimen musizierte, reifte die Idee, sich für die eigene Altersgruppe einzusetzen. Zumal Musik fürs Erinnern zentral ist: «Das musikalische Gedächtnis bleibt am längsten, Musik spricht viele Hirnregionen an», beruft sich Baumann auf Ärztin Bopp-Kistler. 

Den medizinischen Fakten tragen die Stücke Rechnung, die der Chor angeht. Es wird selten mehrstimmig gesungen, und es gibt keine Oratorien. Stattdessen bekanntes Schweizer Liedgut und Evergreens, die zur Reise in die eigene Jugend einladen. Diesen Nachmittag werden Mundart-Stücke geprobt, die der Chor an einem Konzert singen wird. «Luegid, vo Bärg und Tal» oder «S’isch mer alles ei Ding» – «das ist kollektives Gedächtnis», sagt Baumann. 

Musikalisches Rollenspiel

Jetzt stimmt der Chor «Anneli, wo bisch geschter gsi?» an. Baumann animiert zu einem Rollenspiel zwischen den Geschlechtern. Die vier Sänger stehen im Halbkreis neben dem Flügel, zwischen ihnen und der deutlich grösseren Gruppe der Sängerinnen entspinnt sich der gesungene Dialog von Anneli und ihrem Vater. «Geht in die Kommunikation», ruft Baumann, die Frauen lachen. 

Humor ist dem Musiker wichtig. «An der Fachhochschule und in diesem Chor noch mehr, denn wir wollen hier alle eine gute Zeit haben.» Dazu gehört auch die Gemeinschaft, die nach dem Singen bei Kaffee und Kuchen gepflegt wird, unterstützt von Freiwilligen. 

Gegen Ende der Probe kündigt Baumann «Yesterday» von den Beatles an. «Oh schön!», seufzt eine Sängerin. Kurz herrscht nach dem letzten Akkord Stille und Ergriffenheit. «Ist es danach so ruhig, haben wir etwas richtig gemacht», freut sich der Chorleiter.