«Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet.» Der Autor dieses Satzes könnte am 18. Mai dieses Jahres seinen 100. Geburtstag feiern. Allerdings wurde er nur etwas mehr als halb so alt: Bereits mit 55 Jahren wurde bei Peter Noll – prominenter Strafrechtler und philosophisch, literarisch sowie theologisch belesener Mensch – ein unheilbares Karzinom festgestellt. Gelassen blickte er der schlimmen Diagnose ins Auge und lehnte alle medizinisch-kurativen Behandlungen ab.
Damit brüskierte er die damalige medizinische Fachwelt, im Weiteren seine Familie und viele seiner Freunde. Peter Noll wollte seinen eigenen, selbstbestimmten Weg beschreiten und die tödliche Erkrankung als Anlass nehmen, sich mit seinem bevorstehenden Tod sinnstiftend auseinanderzusetzen.
Dieser Entschluss und das tagebuchartige Protokoll, das er fortan führte, mit aussergewöhnlichen philosophischen, biblischen, theologischen und juristischen Reflexionen, wurden posthum von seinem langjährigen Freund, dem prominenten Schriftsteller Max Frisch, als «Diktate über Sterben und Tod» herausgegeben. Das Buch ist eines der ersten Zeugnisse, das das Nachdenken über Sterben und Sinnfragen mit skeptischen Überlegungen zu den Errungenschaften der modernen Medizin verbindet.
Kurze Notiz zu Exit
Palliativpflege und Sterbehilfe waren zu jener Zeit noch keine breit diskutierten und gesellschaftlich etablierten Themenfelder. Die Sterbehilfe-Organisationen Exit – ein Verein für die Westschweiz sowie ein weiterer für die Deutschschweiz – wurden im Jahr 1982 gegründet, lediglich ein paar Monate vor Nolls Ableben. Dieser nimmt in seinen Diktaten wohlwollend, jedoch kurz und sachlich Stellung: «Neuestens gibt es eine Vereinigung ‹Exit›, die sehr vernünftige Aufklärung betreibt, letztlich auch für den ‹Freitod›. Vor allem aber geht es darum, dem einzelnen zu ermöglichen, dem Automatismus der medizinischen Technologie zu entrinnen. Das ist sehr gut. Dazu gehörte aber auch die Aufklärung darüber, dass Sterben und Tod immer nahe sind und dass man sich schon früh darauf vorbereiten soll.»
