Gesellschaft 22. April 2026, von Marilene Hess

Er wehrte sich gegen das Räderwerk der Medizin

Gesellschaft

Der Zürcher Jurist und Autor Peter Noll war ein Pionier auf dem Gebiet des achtsamen Sterbens. Seine über 40-jährigen «Diktate über Sterben und Tod» sind noch immer hochaktuell.

«Wir leben das Leben besser, wenn wir es so leben, wie es ist, nämlich befristet.» Der Autor dieses Satzes könnte am 18. Mai dieses Jahres seinen 100. Geburtstag feiern. Allerdings wurde er nur etwas mehr als halb so alt: Bereits mit 55 Jahren wurde bei Peter Noll – prominenter Strafrechtler und philosophisch, literarisch sowie theologisch belesener Mensch – ein unheilbares Karzinom festgestellt. Gelassen blickte er der schlimmen Diagnose ins Auge und lehnte alle medizinisch-kurativen Behandlungen ab. 

Damit brüskierte er die damalige medizinische Fachwelt, im Weiteren seine Familie und viele seiner Freunde. Peter Noll wollte seinen eigenen, selbstbestimmten Weg beschreiten und die tödliche Erkrankung als Anlass nehmen, sich mit seinem bevorstehenden Tod sinnstiftend auseinanderzusetzen. 

Dieser Entschluss und das tagebuchartige Protokoll, das er fortan führte, mit aussergewöhnlichen philosophischen, biblischen, theologischen und juristischen Reflexionen, wurden posthum von seinem langjährigen Freund, dem prominenten Schriftsteller Max Frisch, als «Diktate über Sterben und Tod» herausgegeben. Das Buch ist eines der ersten Zeugnisse, das das Nachdenken über Sterben und Sinnfragen mit skeptischen Überlegungen zu den Errungenschaften der modernen Medizin verbindet.

Kurze Notiz zu Exit 

Palliativpflege und Sterbehilfe waren zu jener Zeit noch keine breit diskutierten und gesellschaftlich etablierten Themenfelder. Die Sterbehilfe-Organisationen Exit – ein Verein für die Westschweiz sowie ein weiterer für die Deutschschweiz – wurden im Jahr 1982 gegründet, lediglich ein paar Monate vor Nolls Ableben. Dieser nimmt in seinen Diktaten wohlwollend, jedoch kurz und sachlich Stellung: «Neuestens gibt es eine Vereinigung ‹Exit›, die sehr vernünftige Aufklärung betreibt, letztlich auch für den ‹Freitod›. Vor allem aber geht es darum, dem einzelnen zu ermöglichen, dem Automatismus der medizinischen Technologie zu entrinnen. Das ist sehr gut. Dazu gehörte aber auch die Aufklärung darüber, dass Sterben und Tod immer nahe sind und dass man sich schon früh darauf vorbereiten soll.»

Mit Sterben und Tod sollte man sich bereits früh beschäftigen.
Peter Noll, Rechtsprofessor und Schriftsteller

Zur Welt gekommen im Jahre 1926 in Basel, studierte er Jurisprudenz – «weil ich dachte, da hätte ich […] am meisten Zeit für die Schriftstellerei» –, wurde zu einem angesehenen Strafrechtler, war Professor in Mainz und schliesslich in Zürich. Zeitlebens genauso interessiert an Philosophie und Literatur, pflegte er Freundschaften zu den Schriftstellern Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. 

Noll stammte aus einem Pfarrhaus und verfügte, wie er selbst sagte, trotz intellektueller Skepsis über «viel christliche Erbmasse». So war denn sein juristisches und philosophisches Denken auch theologisch geprägt. Hinzu kamen poetische Innigkeit, geistreicher Schalk sowie Sprachwitz, zuweilen gepaart mit sarkastischem Humor. 

Kann Peter Noll als ein Vor- und Querdenker in Fragen rund um Palliativpflege und Sterbehilfe gelten? Sicher als Pionier einer achtsamen Kunst des Sterbens. Als einer, der sich von ganzem Herzen und mit ganzer Vernunft für einen selbstbestimmten und würdigen Weg im Angesicht des Todes einsetzte – verpflichtet dem christlichen und humanistisch-philosophischen Gedankengut. Und als einer, der öffentlich über Sterben und Tod nachdachte und das blosse Über- bzw. Etwas-länger-Leben zum Preis von fragwürdigen medizinischen Leistungen infrage stellte. Er selber ist im Beisein seiner Nächsten am 9. Oktober 1982 an seiner Krankheit verstorben, ohne Sterbehilfe.

Immer noch hochaktuell 

In Erinnerung bleibt Peter Noll vor allem dank seines mutigen Entscheides, im Angesicht des nahen Sterbens seinen eigenen Weg zu gehen. Seine theologischen, juristischen, philosophischen und gesellschaftspolitischen Reflexionen haben nichts an Brisanz und Aktualität verloren, ganz im Gegenteil: Das Nachdenken über ein selbstbestimmtes Leben und ein ebensolches Sterben, über eine lebenszugewandte Konfrontation mit der Endlichkeit ist aktueller denn je.