«Auch Selbstfürsorge ist sehr wichtig»

Angehörige

Wer ein psychisch erkranktes Familienmitglied begleitet, darf sich selbst nicht überfordern, sagt die Fachfrau Helena Durtschi.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen psychisch erkrankte  Angehörige begleiten, betreuen oder pflegen. Was bewegt sie dazu? 

Helena Durtschi: Das geschieht fast immer unfreiwillig und ergibt sich aus der Lebenssituation. Wenn eine Tochter in der Pubertät eine Angst- und Zwangsstörung entwickelt, ist man als Eltern automatisch involviert, was mit grossem Zeitaufwand und enormer emotionaler Belastung verbunden ist. Dies betrifft übrigens auch Kinder, und auch sie können nicht wählen. Sie übernehmen oftmals Aufgaben, welche nicht kindgerecht sind – und entwickeln dabei häufig selbst eine Störung.

Welche Fragen sollten sich Leute stellen, bevor sie die Betreuung  eines erkrankten Angehörigen selbst in die Hand nehmen? 

Die Fragen können sie sich erst stellen, wenn sie konkret in eine Situation hineingeraten. Wichtig ist, dass sie Anlaufstellen haben. Und ganz wichtig wäre, dass sie von den Kliniken ins Behandlungskonzept integriert würden. Doch dafür fehlen oft noch die Sensibilität und entsprechende Ressourcen.

Wie beeinflusst es das eigene  Leben, eine angehörige Person zu pflegen? 

Massiv! Viele soziale Kontakte brechen plötzlich weg, Freizeitaktivitäten werden nicht mehr wahrgenommen, viele fühlen sich isoliert. Bei alledem werden Angehörige zuweilen selbst zu Betroffenen.

Was ist zumutbar, und ab wann wird es schwierig? 

Das lässt sich generell nicht beantworten, die Menschen sind in dieser Hinsicht sehr verschieden. Schwierig wird es auf jeden Fall, wenn erste Anzeichen von Burn-out missachtet werden. Selbstfürsorge ist das A und O; wenn diese zu kurz kommt, wird es irgendwann für das ganze System problematisch. Es ist wichtig, dass Angehörige wahrgenommen und auch von Leuten aus der Nachbarschaft oder dem Arbeitsplatz angesprochen werden.

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es? 

In den Ensa-Kursen, die wir anbieten – Kurse für Erste Hilfe bei psychischen Problemen –, nehmen auch Angehörige teil. Das bereichert den Kurs und ist eine wunderbare Möglichkeit, sich zu vernetzen. Unterstützung bieten zudem die Dachorganisation Stand by You und vor allem die dazugehörigen regionalen Vereinigungen (Vask). Ganz wichtig sind auch Angehörigenberatungsstellen von Kliniken, falls solche vorhanden sind.

Kann das Begleiten, Betreuen oder auch Pflegen von Angehörigen nebst einer Herausforderung auch ein Gewinn sein? 

Ja, unbedingt. Angehörige könnten von den Erfahrungen anderer vielfältig profitieren. Nur, dass die erworbenen Kompetenzen zu wenig integriert werden. Obwohl bereits zwei Ausbildungsgänge für Angehörige, die andere Betroffene beraten und unterstützen, stattgefunden haben, gibt es von den Kliniken her kaum Anstellungen und Aufträge für diese sogenannten Peers. Hier müsste sich noch einiges bewegen.

Helena Durtschi

Helena Durtschi

Sie ist Theologin und Sozialarbeiterin. Als Fachverantwortliche Psychische Gesundheit bei den Reformierten Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn hat sie ein Projekt lanciert, das Angehörige von psychisch erkrankten Menschen vernetzen soll.