Rassismus und Angst untergraben Menschlichkeit

Kultur

Der Film  «Promis le ciel» erzählt die Geschichte von drei Frauen aus Subsahara-Afrika, die in Tunesien auf ein besseres Leben hoffen. Ein Gespräch mit Regisseurin Erige Sehiri.

Sie haben einen Film über drei Frauen aus Côte d’Ivoire gedreht, die in Tunis leben. Weil sie Mig­rantinnen sind, geraten sie immer mehr unter Druck. Wie ist das Projekt entstanden?
Erige Sehiri: Es entwickelte sich über mehrere Jahre. 2016 drehte ich einen Dokumentarfilm über die Erfahrungen von Frauen aus Subsahara-Afrika, die in Tunesien studierten. Ich blieb danach mit der ivorischen Gemeinschaft in Kontakt und hörte, die Lage werde immer angespannter.

Was hatte sich verändert?
Menschen von schwarzer Hautfarbe wurden zunehmend stigmatisiert, selbst wenn sie legal im Land lebten, zum Beispiel eine meiner ivorischen Bekannten, die Radiojournalistin ist. Sie spürte den zunehmenden Druck auch in der Kirche, in der sie evangelische Pastorin ist. Ich habe sie an einigen Sonntagen in die Kirche begleitet.

Wie ist der Druck dort bemerkbar?
Evangelische Kirchen sind in Tunesien illegal, anders als katholische Kirchen, Synagogen oder Moscheen. Die Versammlungen finden deshalb in Privathäusern statt. In den vergangenen Jahren sind diese Kirchen verstärkt auf den Radar der Behörden geraten, man beschuldigt sie, dass sie Migranten und Migrantinnen unterstützen würden.

Hat Sie diese Pastorin für den Film «Promis le ciel» inspiriert?
Ja, ich wollte zeigen, wie sich die politische Lage auf das Leben zugewanderter Menschen auswirkt. Marie, die Pastorin im Film, bildet gemeinsam mit Jolie, einer freiheitsliebenden Studentin, und Naney, die sich durch allerlei Geschäfte über Wasser hält, eine Art Schicksalsgemeinschaft. Diese Verbindung wird durch die Ankunft des Waisenmädchens Kenza auf die Probe gestellt, aber ebenso durch die vorherrschende politische Unsicherheit.

Ihr Film spielt vor dem Hintergrund des Migrationsabkommens, das Tunesien und die EU 2023 unterzeichnet haben. Tunesien wird von der EU schon länger finanziell und technisch dabei unterstützt, die Migration nach Europa zu bekämpfen. Wie wirkt sich das Abkommen in Tunesien aus?
Tunesien verfügt nicht über die nötigen Institutionen, um mit den Menschen, die nach Europa wollen, umzugehen. Alles wirkt chaotisch und erzwungen, und es führt zu grossem Leid. Ich bin sicher, man könnte dieses Problem anders angehen und die Migranten würdevoller behandeln. Menschen, selbst Kinder, ohne Wasser in der Wüste auszusetzen – ich hätte niemals gedacht, dass mein Land so etwas tun könnte! Es gibt mir das Gefühl, dass wir nirgendwo geschützt sind.

Die Gewalt gegenüber Migranten ist auch im Film zu sehen.
Wir haben 2024 gefilmt und live aufgenommen, was um uns herum geschah. Es war für die Schauspielerinnen sehr emotional. Auch die Leute in den Kirchenszenen erleben genau das, wovon sie Marie erzählen. Die Geschichte selbst ist Fiktion, aber sie basiert auf realen Erfahrungen der Menschen. Die Gewalt, die Atmosphäre sind authentisch.

Dass mein Land so etwas tut, gibt mir das Gefühl, nirgendwo geschützt zu sein.
Erige Sehiri, Regisseurin

Wie haben Sie selbst diese Situation erlebt?
Es war beängstigend. Wir mussten Vorkehrungen treffen, die Dreharbeiten aus Sicherheitsgründen reduzieren. Wir filmten daher vor allem in Innenräumen.

Auch Maries Vermieter bekommt es mit der Angst zu tun, weil Marie eine Hauskirche leitet. Ist Angst ein Feind der Menschlichkeit?
Definitiv. Die Politik schürt sie absichtlich. Der Vermieter mag Marie und möchte helfen, bekommt jedoch Angst wegen dem, was um ihn herum alles passiert. Er will ihr kündigen, weil er nicht kriminalisiert werden möchte.

Sie sind in Frankreich als Tochter tunesischer Einwanderer aufgewachsen. Wie hat Sie selbst die Migration geprägt?
Ich empfinde die Migrationsstrategien als heuchlerisch, in Tunesien und in Europa. Meine Mutter und mein Vater verrichteten in Frankreich die Arbeiten, welche die Franzosen nicht machen wollten. Sie trugen zur Entwicklung des Landes bei und zahlten Steuern. In Tunesien ist es ebenso. Menschen aus Subsahara-Afrika arbeiten in Privathaushalten als Putzhilfen oder in der Landwirtschaft. Tunesien braucht sie. Trotzdem will man ihren Aufenthaltsstatus nicht legalisieren.

Amnesty kritisiert brutale Abschiebungen

Die tunesischen Behörden haben den Schutz für Geflüchtete und Migrantinnen, besonders für Menschen aus Subsahara-Afrika, in den letzten drei Jahren systematisch abgebaut. Das zeigt ein am 6. November 2025 veröffentlichter Bericht von Amnesty International. Im Februar 2023 hielt Tunesiens Präsident Kais Saied eine Anti-Immigrations-Rede. Seither ist es zu rassistisch motivierten Festnahmen, kollektiven Abschiebungen von Tausenden nach Algerien und Libyen sowie zu Folter und Misshandlungen gekommen. Amnesty International kritisiert, die EU mache sich mitschuldig, wenn sie ihre Zusammenarbeit mit Tunesien in der Migrationskontrolle ohne wirksame Menschenrechtsgarantien fortsetze. Sie fordert zudem die sofortige Freilassung inhaftierter NGO-Mitarbeiten der und Menschenrechtsverteidiger. 

In Ihrem Film denkt Naney darüber nach, in ihre Heimat nach Côte d’Ivoire zurückzukehren, zu ihrer Tochter. Was für ein Leben erwartet sie dort?
Tatsächlich ist die Schauspielerin nach Beendigung der Dreharbeiten zurückgekehrt. Das Land ist zwar arm, aber in der Hauptstadt Abidjan gibt es viele Start-ups, sie hat einen Job in der afrikanischen TV-Branche gefunden. Es geht ihr heute besser als zuvor.

Sie musste also weg, um zu realisieren, was sie im eigenen Land hat?
Ja. Fühlt man sich wie im Gefängnis, will man erst recht raus. Hat man die Möglichkeit zu sehen, wie es anderswo ist, merkt man vielleicht, dass man sich im Heimatland wohler fühlt. Die meisten Menschen leben am liebsten dort, wo sie aufgewachsen sind und die Sprache sprechen, in der Nähe von Familie und Freunden. Viele Migrantinnen und Migranten kehren denn auch nach einiger Zeit zurück, darüber wird aber kaum gesprochen. 

Erige Sehiri, 43
Die in Frankreich aufgewachsene Regisseurin hat in den USA und in Kanada studiert. Seit der tunesischen Revolution 2011 lebt sie in Tunis und Frankreich. «Promis le ciel» ist nach «Under the Fig Trees» (2022) ihr zweiter Spielfilm. Er belegte am Marrakesch Filmfestival 2025 den ersten Platz.

Promis le ciel. Tunesien, 2025, 92 Min. 

Kinostart: 19. Februar 2026