Gesellschaft 28. Oktober 2026, von Stefan Welzel

Corona-Debatte: Versöhnung ist eine Frage des Willens

Pandemie

Hitzige Diskussionen um Prominente wie Granit Xhaka, die sich in der Pandemie falsche Impfzertifikate beschafft haben, reissen Wunden auf. Versöhnungsarbeit wäre dringend nötig.

Kaum ein Ereignis in der jüngeren Zeit hat so tiefe Gräben aufgerissen wie die Corona-Pandemie. Rund drei Jahre lang dominierte sie die Agenda der Weltpolitik. Die Folgen sind nicht nur medizinisch vom Virus geschädigte Menschen, sondern auch versehrte Demokratien. 

Die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung fand in der Pandemie einen Brandbeschleuniger – auch hierzulande. Massnahmenbefürworter und Kritiker der Einschränkungen stehen sich Jahre nach Ende der Krise noch immer unversöhnlich gegenüber. Sorgt der Zertifikatsbetrug von Fussballnationalspieler Granit Xhaka oder von Eishockeynationalcoach Patrick Fischer für Schlagzeilen, wird die Debatte sofort kontrovers, hitzig und medial breit geführt. 

Die Faulheit überwinden

Auf administrativer Ebene wurden viele Lehren gezogen. In der Schweiz ist man daran, das Epidemiengesetz anzupassen. Der schnell veraltete Pandemieplan aus dem Jahr 2018 wurde bereits revidiert. Eine wohl noch viel entscheidendere Frage für die Zukunft unserer Demokratie ist aber, wie eine öffentliche und gesamtgesellschaftliche Verarbeitung vonstattengehen soll – inklusive gründlicher Versöhnungsarbeit.

Wenn etwas nicht aufgearbeitet wird, lädt das spä­ter zu politischer Instrumenta­lisierung ein.
Christine Schliesser, Theologin und Ethikerin

Theologin Christine Schliesser ist Friedens- und Konfliktforscherin und hält eine aktive Versöhnungskultur für zwingend nötig, denn die Geschichte habe immer wieder gezeigt: «Wenn Ereignisse nicht aufgearbeitet werden, droht später eine politische Instrumentalisierung.» Kommen die umstrittenen Themen dann wieder an die Oberfläche, würden sofort die alten Stereotypen und verfestigten Positionen bezogen. 

Für Schliesser liegt die Betonung auf dem «aktiv»: «Einfach nur darauf zu warten, dass die Wunden mit der Zeit schon heilen, wäre ein fataler Trugschluss.» Grundlage für eine konstruktive Aufarbeitung mit Ziel einer Versöhnung sei der Wille zu verzeihen. «Vergebung ist keine spontane Emotion, sondern ein bewusster Entscheid», sagt Schliesser. 

Insbesondere die Kirchen können einiges zum Heilungsprozess beitragen. «Ein Kernthema der christlichen Botschaft ist die Versöhnung», so Schliesser. Die Theologin spricht von vier Etappen auf dem Weg dahin. «Zunächst braucht es Transparenz seitens der Politik, die Fakten müssen auf den Tisch.» Dem folgen Einsicht und Reue aller, dass man selbst auch Fehler gemacht habe. Über die nächsten Schritte Vergebung und Wiedergutmachung könne Versöhnung gelingen. Schliesser spricht hierbei von einer Art Roadmap, die aus Theologie und Kirche heraus in die Gesellschaft getragen werden könne. Dabei sei jede und jeder Einzelne gefragt. 

Konsens ist nicht das Ziel 

Auch Che Wagner, Co-Leiter von Pro Futuris, einem «Think & Do Tank für demokratische Kultur», sieht alle Seiten in der Verantwortung. Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen genauso wie die Politik und die Verwaltung. 

Ziel eines solchen Prozesses ist es nicht, sich einig zu werden über die Vergangenheit, sondern die Wiederherstellung gesellschaftlicher Kooperationsfähigkeit.
Che Wagner, Co-Leiter Pro Futuris

«Versöhnungsarbeit braucht sowohl eine transparente politische Aufarbeitung als auch Räume für den Dialog», sagt Wagner. Ziel eines solchen Prozesses sei nicht, sich einig zu werden über die Vergangenheit, sondern die Wiederherstellung gesellschaftlicher Kooperationsfähigkeit. Oder anders gesagt: Überhaupt miteinander ergebnisoffen zu reden, ist die erste Bedingung für gelingende Versöhnung.