Glaube 27. August 2026, von Wolf Südbeck-Baur

«Ich sehe mich als Verwalter der Schöpfung»

Weinbau

Andrea Davaz ist Winzer mit Leidenschaft. Christliche Grundwerte  sind für den Familienbetrieb keine leeren Worte. Ein Besuch auf dem Weingut. 

Die Sonne brennt. Weinreben, so weit das Auge reicht. Andrea Davaz lässt den Blick über seine Felder in der Bündner Herrschaft schweifen. Nicht ohne Stolz erzählt der Winzer, wie ihm die Leidenschaft für Wein gleichsam in die Wiege gelegt wurde. «Als Kind war der Weinberg primär ein grosser Spielplatz», erinnert sich der 62-Jährige. «Die echte Leidenschaft kam jedoch erst mit der Verantwortung.» Erst nach seinem Önologie-Studium begann der Fläscher, «die biologischen und physikalischen Prozesse im Weinkeller wirklich zu verstehen und», erzählt er fasziniert wie am ersten Tag, «zu sehen, wie aus Natur, Wetter und Handwerk ein toller Wein entsteht». Das Spannende sei dabei, dass «kein Jahrgang dem anderen gleicht». 

Von den Eltern gefördert

Vor 36 Jahren übernahm Davaz zusammen mit seinem Bruder das elterliche Weingut. Schon als 14-Jährige kannten sie jeden Handgriff. «Wir hätten unseren Betrieb auch selbstständig bewirtschaften können», sprudelt es aus ihm heraus. «Diese von den Eltern zugetraute Selbstständigkeit hat uns wahnsinnig viel Selbstvertrauen mit auf den Weg gegeben.» Inzwischen sitzen wir bei einem Glas kaltem Wasser im fein gekühlten Empfangs- und Verkaufsraum des Weinguts. Im Weinkeller nebenan reifen rund 80 000 Flaschen Wein in hellen Holzfässern. Andrea Davaz sitzt zufrieden in seinem Sessel, die Ellbogen auf die runde Lederlehne gestützt. Vergleichsweise wenig seien diese 80 000 gegenüber den sechs Millionen Flaschen alkoholfreien Sekt, die die Winzerfamilie jährlich vor allem über die Grossverteiler verkauft. 2018 hatte Davaz eine damals kriselnde Hallauer Sektkellerei übernommen, saniert und als Verwaltungsratspräsident zusammen mit seinem Sohn zurück in die Gewinnzone geführt. Nach wie vor kümmert sich Micha Davaz als CEO um die Schaffhauser Sektkellerei sowie um die Weinhandlung. 

Hilfe von oben 

Doch der Weg dahin war nicht immer ein Zuckerschlecken. So manches Mal wusste Andrea Davaz nicht mehr weiter, zum Beispiel als er nach der Übernahme der Sektkellerei einem Drittel der Belegschaft kündigen musste, um die Personalkosten in den Griff zu bekommen. Besonders in solchen Situationen bittet er um Hilfe und Rat von oben, «vom obersten Chef», wie er mit inbrünstiger Ehrfurcht sagt. Und bisher sei sein inständiges Bitten, sein Zwiegespräch mit Gott, nie ohne Antwort geblieben. So entliess Davaz nicht die älteren, sondern die jüngeren Mitarbeitenden, die auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen hätten, eine neue Stelle zu finden. 

Ein Gleichnis fürs Leben

Für den Winzer und Unternehmer sind christliche Werte wie Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Demut vor der Natur, die Verantwortung für die Gemeinschaft stete Begleiter. «Sie sind mein innerer Kompass, der mir in schwierigen Momenten und weitreichenden Entscheidungen Orientierung gibt.» Angesprochen auf das von Jesus erzählte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–16), die alle den gleichen Lohn erhalten, unabhängig davon, wie viele Stunden sie gearbeitet haben, hält der Bündner Weinbauer einen Moment inne. «Auf der einen Seite ist Leistung wichtig, und sie muss gerecht honoriert werden.» In der heutigen Leistungsgesellschaft sei es nicht mit der Vorstellung von Gerechtigkeit vereinbar, wenn jemand, der bloss eine oder zwei Stunden gearbeitet habe, denselben Lohn bekomme wie der, der einen ganzen Tag im Schweisse seines Angesichts geschuftet habe. Anderseits gehe es in dem Gleichnis ja nicht um einen Mindestlohn, «sondern um göttliche Grosszügigkeit und soziale Gerechtigkeit». Das Gleichnis erinnere vielmehr daran, dass der Wert eines Menschen nicht allein an seiner messbaren Leistung hänge, sagt Andrea Davaz. 

Das Team zählt

Übertragen auf den Familienbetrieb mit rund 100 Mitarbeitenden folgt für den Winzer daraus: «Jeder Mensch verdient Respekt und faire Bedingungen, unabhängig von seiner Rolle im Betrieb.» Zudem sei auch die Liebe, die Zugewandtheit im Betrieb ein wichtiger Aspekt, der zum Gelingen beitrage. «Wir können zwar leiten und steuern, aber umsetzen müssen das am Schluss die Mitarbeitenden.» Dabei öffnet Andrea Davaz seine Hände, als wenn sie etwas empfangen, während er betont: «Es geht uns nicht darum, das Team zum besseren Schaffen aufzufordern, stattdessen bemühen wir uns, einer Atmosphäre der Zugewandtheit, der gegenseitigen Achtung Raum zu geben, weil so das Zusammenleben der Menschen auch im Betrieb viel schöner ist.» 

Das Lachen wiedergefunden

Ein kleines Beispiel. Ein Mitarbeiter lachte nie mit, wenn es was zu lachen gab. Er schämte sich für seine schlechten Zähne, und die Gebiss-sanierung war für ihn zu teuer. Davaz suchte das Gespräch mit ihm und griff ihm finanziell unter die Arme. Heute kann der Mitarbeiter wieder gut lachen – eine Bereicherung für alle, weiss der Winzer zu berichten. Und weil der Boden ebenso wie der Mensch ein Teil der Schöpfung ist, liegt für den Önologen auch der Brückenschlag zur Ökologie nahe. «Wenn wir sorgsam mit dem Boden umgehen, die Biodiversität fördern und am Ende ein Produkt schaffen, das Menschen zusammenbringt und Freude schenkt, dann leisten wir einen Beitrag zu einer intakten Welt.» In diesem Sinn «sehe ich mich definitiv als Verwalter der Schöpfung». Entsprechend bewirtschaftet die Winzerfamilie ihre Reben nach biologischen Standards. 

Draussen über den Rebstöcken brennt die Sonne, der ersehnte Regen lässt noch auf sich warten. Die nächste Weinlese kommt dennoch bestimmt.