Das Volkslied «Hab oft im Kreise der Lieben» preist Singen als Medizin für alle möglichen Lebenslagen, ob man sich nun «einsam härmt in bangem Mut», ob Erfahrungen «in stiller Wut verkocht» werden oder Schmerzen und Leid uns plagen. Durchs Singen «wird alles wieder gut».
In diesen Aussagen widerspiegeln sich verdichtet menschliche Erfahrungen. Altes indigenes Heilwissen und moderne Wissenschaft bestätigen, dass mithilfe von Singen und Summen Seele und Körper berührt werden. Wenn Klangwellen sich durch den Körper bewegen, entsteht ein Puls. Alles Lebendige pulsiert, Körpervorgänge sind eine Form von Welle: Das Herz schlägt, die Lungen öffnen und schliessen sich, und die Gehirnflüssigkeiten wogen wie ein langsamer Ozean.
Die ständige Veränderung dieser Rhythmen zeigt uns unsere Befindlichkeit an: was mit uns passiert und wie wir es empfinden. Mit Singen und Summen können wir den Körper streicheln, ihn bis in die kleinsten Strukturen der Zellen und Neurotransmitter berühren und dadurch verändern. Wir geben so eine neue Form hinein, und diese wirkt als neue Information. Natürlich spielen die Absicht des Singens und der Text eine wichtige Rolle, denn mit Musik können Menschen auch negativ beeinflusst werden.
Abwehr, Beschwörung, Ekstase
Im Zusammenhang mit dem Kultus waren Stimme und Musikinstrumente seit alters wichtige Ausdrucksformen. Spezielle Töne, Klänge, Rhythmen, Melodien und Harmonien besassen je eine eigene Wirkung. In biblischer Zeit diente Musik der Dämonenabwehr, der Geisterbeschwörung und dazu, sich in Ekstase zu versetzen und Gott herbeizurufen. Bekannt ist David, der am Hof die Leier spielt und damit den rasenden König Saul besänftigt.
Heute noch berühren die traditionellen geistlichen Gesänge vom Berg Athos Menschen unmittelbar im Herzen. Nach dem vierstündigen Gottesdienst in aller Frühe, noch vor dem Morgenessen, fühlen sich Menschen voller Energie und emotional hochgestimmt.
Ähnliches erzählen Toggenburger Bauern, wenn sie stundenlang in den Klang des «Graadhebe» eintauchen. Diese Begleitung der Jodelsolistin durch einen mehrstimmigen Akkord wird ausschliesslich in Vokalen gesungen. Auch das Singen von Mantras hat eine solche Wirkung. Aus alledem können wir schliessen, dass es Gott gefällt, wenn wir singen. Der Liedtext «Nur frisch gesungen, und (fast) alles wird wieder gut» lädt uns zu eigenen Erfahrungen ein.
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