Glaube 03. April 2025, von Noemi Harnickell/kirchenbote.ch

Wege der Mönche, die das Christentum in die Schweiz brachten

Pilgern

Der Chamer Pfarrer Michael Sohn wanderte von der Schweiz nach Schottland. Was er unterwegs über Gott gelernt hat und warum er den irisch-schottischen Missionaren dankbar ist.

Eine Wanderung von der Schweiz nach Schottland, das könnte für manche traumhaft klingen. Die sanften Hügel der Highlands, die tobende Brandung, Schlossruinen, wilde Tiere. Die Ruhe zum Nachdenken und Meditieren. Doch ganz so idyllisch verlief die Studienreise von Michael Sohn nicht. 

«Abgesehen vom allerersten Tag regnete es drei Monate lang fast jeden Tag», sagt der reformierte Pfarrer von Cham (ZG). «Ich hatte geplant, unterwegs zu zelten und viel nachzudenken. Aber versuchen Sie mal, mit 18 Kilo auf dem Rücken tiefe Gedanken zu fassen. Das geht nicht.»

Drei Monate lang täglich um 20 Kilometer

Die Wanderung machte Michael Sohn im Rahmen einer Studienreise. Los ging’s am 1. Mai 2024 von Riehen und durch den Schwarzwald weiter bis Amsterdam. Von da flog er nach Glasgow und wanderte dann weiter. Das Ziel: die Insel Iona in den Hebriden. Insgesamt 1300 Kilometer legte er zurück, jeden Tag zwischen 16 und 27 – drei Monate lang.

Einmal fuhr eine Frau auf einem Fahrrad an mir vorbei und fragte, ob ich ein Pilger sei. Als ich bejahte, stieg sie ab und sagte: ‹Dann müssen sie mich jetzt segnen!›
Michael Sohn, Pfarrer in Cham

Sohn ging quasi den Weg der irisch-schottischen Mönche zurück, die vor rund 1500 Jahren das Christentum in die Schweiz brachten. Das Kloster Iona wurde vom irischen Missionar Kolumban gegründet. Bis heute lebt dort eine spirituelle Gemeinschaft. 

Am Ende seiner Reise lebte Michael Sohn dort eine Woche. «Es war ein Höhepunkt der Begegnungen. Ich erlebte eine grenzenlose Offenheit und fühlte mich bedingungslos angenommen. Das hat mich schwer beeindruckt.»

Was uns prägt

Mit 59 Jahren sah sich Michael Sohn auf der Zielgeraden seines Berufslebens. Er habe angefangen, sich zu fragen, was ihn in all den Jahren geprägt habe. Diese Frage übertrug er schliesslich auf die Kirche: «Wo kommen wir eigentlich her? Wie geht’s uns? Und wohin gehen wir? Folgt man den Fragen in die Vergangenheit, landet man rasch bei den irisch-schottischen Missionaren.»

Bis heute sei er den schottischen und den irischen Mönchen dankbar für das Geschenk des Glaubens. «Sankt Gallus, Kolumban, Bonifatius – sie haben uns die Basis für Hoffnung gebracht», sagt der Chamer Pfarrer. «Diese Hoffnung macht mich neugierig fürs Leben. Sie lässt mich immer wieder Menschen begegnen.»

Besondere Begegnungen unterwegs

Ein Höhepunkt seiner Reise seien die vielen Begegnungen mit wildfremden Menschen gewesen, die sich Michael Sohn gegenüber komplett öffneten. «Einmal fuhr eine Frau auf einem Fahrrad an mir vorbei und fragte, ob ich ein Pilger sei. Als ich bejahte, stieg sie ab und sagte: ‹Dann müssen sie mich jetzt segnen!› Danach fuhr sie pfeifend mit ihrem Rad davon.» 

Es ist doch so: Im Stall brauchst du keinen Hirten.
Michael Sohn, Pfarrer in Cham

Sohn begegnete aber auch Menschen mit schweren Schicksalen. An manchen Tagen hätte er das Gefühl gehabt: «Vielleicht bist du heute nur gelaufen, um genau diesem Menschen zu begegnen.»

Trotz Regenwetter und anstrengender Tage dachte Michael Sohn nicht oft ans Umkehren. Da war die Verpflichtung gegenüber der Gemeinde zu Hause in Cham – Studienferien machen zu dürfen, ist ein grosses Geschenk. 

Weitergehen – trotz allem

Und wann immer unterwegs etwas nicht funktionierte – dass Sohn zum Beispiel nachts im Zelt vor Kälte nicht schlafen konnte –, habe er scherzhaft zu sich selbst gesagt: «Das wird sowieso überbewertet!»

Auch der Psalm 23 begleitete ihn: «Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.» Und so war es auch: «Oft wusste ich nicht, wo ich am nächsten Tag sein würde und ob’s da Essen gibt. Aber mir mangelte es an nichts. Es ist doch so: Im Stall brauchst du keinen Hirten. Du erlebst ihn erst draussen.»