Der Regionalzug von Luzern nach Sachseln ist an diesem Sommertag mitten im Juli dicht belegt. Wohin wollen all die Reisenden? Vermutlich nicht dorthin, wo es mich hinzieht, denke ich. Denn ich bin nicht wegen einer der gängigen Touristenattraktionen unterwegs, sondern wegen eines Steins. Eines besonderen, eines gewissermassen spirituellen Steins, der sich in der Ranftschlucht unterhalb des Ortes Flüeli-Ranft befindet.
Bei diesem Namen dämmert es der historisch kundigen Leserin und dem geistlich beschlagenen Leser: In der Ranftschlucht lebte und wirkte der berühmte Eremit Niklaus von Flüe (1417–1487) alias Bruder Klaus, von der Nachwelt als Heiliger verehrt und wahlweise als Mystiker, Weiser oder Prophet bezeichnet. Manche sehen in ihm sogar einen alpinen Schamanen im christlichen Gewand. Und dort, in der Abgeschiedenheit der Ranftschlucht, wo er in seiner Klause während zwanzig Jahren als Einsiedler, Beter, Gottesmann und Ratgeber wirkte, befindet sich ebenjener Stein, den ich heute aufsuchen, sehen und berühren will. Davon später mehr.
Alpnachstad an der südwestlichen Ausstülpung des Vierwaldstättersees. Der Zug hält. Die meisten Paassagiere steigen hier aus. Nun wird mir klar, warum so viele Leute auf dieser Strecke unterwegs sind: wegen des Pilatus! In Alpnachstad befindet sich die Talstation der Bahn auf den markanten Gipfel. Daran habe ich nicht gedacht.
Kleines Dorf, grosser Name
Und weiter geht die Reise, nunmehr im fast leeren Zug. In Sachseln steige ich auf das Postauto um, das mich in einer kurzen Fahrt auf einer kurvenreichen Strasse nach Flüeli-Ranft bringt, ein kleines Bauerndorf mit einer schönen, prominent auf einer Anhöhe thronenden Kirche und einem pittoresken, grossen Jugendstilhotel. Und einer besonderen Anziehungskraft, die das Dorf wegen seines berühmten Sohns, des Einsiedlers Bruder Klaus, seit Jahrhunderten auf Pilgersleute und andere spirituell bewegte Menschen ausübt.
Die Weihestätte selbst ist vom Ort aus über einen geteerten Fussweg innert weniger Minuten gut zu erreichen. Steil geht es abwärts, der Blick öffnet sich auf ein stilles Waldtal, das sich zu einer Schlucht verengt. An einem begrasten Hang ist eine kleine Kapelle mit angebautem Holzhäuschen zu sehen, und unten im Talgrund, nahe am Bergfluss Melchaa, steht eine zweite, grössere Kapelle.
