Kritische Blicke auf eine sich verändernde Kirche
Im Rückblick auf ihren kirchlichen Dienst sprechen Pfarrerin Ivana Bendik und Mesmer Hans Peter von Ott über den gesellschaftlichen Wandel, der ihre Arbeit geprägt hat.

Sie als Pfarrerin in Pension. Was waren für Sie erfüllende Momente in Ihrer Arbeit?
Ivana Bendik: Begegnungen mit Menschen sind es, die mir immer wieder zeigen, dass die Worte der Tradition eine Wirkkraft haben und in die Gegenwart hineingreifen. Dies, obwohl wir in einer Zeit mit einer enormen Gotteskrise leben. Es bedeutet mir viel, wenn mich zum Beispiel ein Erstklässler anstupft und sagt, für ihn sei es das Grösste, in diesem Schulhaus im Religionsunterricht zu sein, die Religion mache ihn so stark wie seinen Vater.
Was verstehen Sie unter Glauben?
Glaube ist für mich mehr als Vertrauen. Glaube ist für mich das irdische Organ der Gotteswahrnehmung. Wie Jesus vertraue auch ich auf die Nähe des Reiches Gottes. «Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter uns.» Auch während wir hier miteinander sprechen. Das versuche ich erfahrbar werden zu lassen in der seelsorgerlichen Begleitung, in der Begegnung mit Jugendlichen, die man auf Lebensentwürfe aufmerksam machen kann, die auf anderes abzielen als den Wettbewerb, das Höher, Schneller, Weiter.
Warum haben Sie sich für die Theologie entschieden?
Ich habe in der Theologie das gefunden, wonach ich zuvor an anderen Orten gesucht hatte. Ich hatte völlig falsche Vorstellungen vom Christentum, bis ich merkte, dass die Offenbarung des Göttlichen Träger und Grund wahrer Religion ist. Diese Erfahrung und Erkenntnis sind für mich die Befreiung, die mich mit Leidenschaft zur Theologie geführt hat. Dies umso mehr, als hier meine Warum-Fragen nicht als Provokation betrachtet werden, sondern erwünscht sind.
Sie sagen, die Kirche müsse sich vor zunehmender Trivialisierung hüten. Was meinen Sie damit?
Die Kirche ist in der Welt, muss aber von ihr unterscheidbar bleiben. Ich sehe jedoch die Tendenz, dass sie sich weltlicher gibt, als es ihrem Wesen, ihrem Auftrag entspricht. Die Verkündigung der guten Botschaft von der Heilskraft Gottes verliert an Klarheit, wenn sie hinter Begriffen wie «Bedürfnisorientierung» und «Eventkultur» zurücktritt. Problematisch dabei sind nicht Offenheit, Wertschätzung oder Begegnungen auf Augenhöhe – all das erachte ich als selbstverständlich. Problematisch empfinde ich das mangelnde Vertrauen in die Relevanz oder auch in die Wirkkraft der christlichen Botschaft, das sich in einer solchen Sprache ausdrückt. Die Kirche sollte ihr eigenes Profil und ihre Sprache bewahren. Wer mit Gott abgeschlossen hat, kommt nicht mehr in die Kirche, selbst wenn dort eine Disco stattfindet. Die Herausforderung besteht nicht darin, das Evangelium an die Welt anzupassen, sondern es der Welt näherzubringen.
«Die Seele leidet leise», haben Sie einmal gesagt. Leidet bei uns die Seele gerade deshalb, weil der Kühlschrank so voll ist?
Die Frage ist, auf welche Stimme wir hören, um ihr Leiden zu beenden. Auf die, die unablässig tönt: «Hol das Beste aus dir raus, verpass nur nichts, sei keine Versagerin!», oder die aus jenem Bereich, den wir Christinnen und Christen das Reich Gottes nennen, und die auch in den Gottesdiensten und in der Heiligen Schrift hörbar wird: «Hört, hört auf mich und es erfreut sich am Nahrhaften eure Seele» (Jes 55,2). Ich denke, ohne diese Sprachbilder der Heiligen Schrift müsste unsere Seele verkümmern.
Ivana Bendik
Geboren in Bratislava in der Slowakei, kam sie 1968 in die Schweiz. Sie studierte Biologie, besuchte eine Schule für Gestaltung und die Schau-spielschule, ehe sie zur Theologie kam. Seit 2014 wirkt die promovierte Theologin als Pfarrerin in Chur. In der Gemeindearbeit schätzt sie die vielfältigen Begegnungen. Bendik ist Initiantin der «Kirche im Dialog».
Mesmer sein war mehr als nur ein Job
Hans Peter von Otts neues Zuhause liegt hoch über Chur. Im Entrée der Wohnung im 11. Stock fällt die rund 250 Jahre alte Standuhr sofort ins Auge. «Endlich habe ich Zeit, dieses Erbstück wieder in Stand zu bringen», sagt der frisch pensionierte Mesmer der Martinskirche. Otts handwerkliches Können war auch gefragt, als es galt, die mechanische Turmuhr der bereits 769 erbauten Martinskirche in Chur von Sommer- auf Winterzeit umzustellen. Von der Standuhr schweift sein Blick aus dem Fenster hinaus zur Turmuhr. «Es war jedes Jahr eine Herausforderung», erzählt der 63-Jährige, «bis die Turmuhr wieder einwandfrei funktionierte.»
Konzertreihe lanciert
Mit Herzblut und Liebe zum Detail sorgte von Ott 33 Jahre für die Pflege des historischen Kulturguts der reformierten Kirche. Zuverlässig wie ein Uhrwerk kümmerte sich der gelernte Schreiner um die zahlreichen Aufgaben eines Mesmers: kleine Reparaturen, Reinigungs- und Vorbereitungsarbeiten für die Gottesdienste, Kirchenbesichtigungen, Konzerte und Apéros, um nur einige zu nennen. Heute, als Pensionierter, vermisst von Ott, der 15 Jahre lang auch den Bündner Sigristen-Verband präsidierte, die Begegnungen mit den «treuen Gottesdienstbesuchern, mit einigen Pfarrerinnen, Pfarrern und Konzertveranstaltern».
Apropos Konzerte. Unter dem Motto «Musik verbindet anhand verschiedener Stile Generationen und Konfessionen» begann Hans Peter von Ott vor 15 Jahren, Konzerte in der Kirche zu organisieren. «Anfangs», so erinnert sich der Hobby-Alphornbläser, «habe ich diese Anlässe, zu denen bis heute mehr als 500 Leute kommen, aus dem eigenen Sack finanziert.» Heute sind sie Teil des fixen Veranstaltungsprogrammes, finanziert von der reformierten Kirche Chur. Sehr an seiner Arbeit geschätzt hat der kommunikative Prättigauer die Bekanntschaften mit Menschen aus Politik und Kultur. Auch Künstler wie den Sänger Iwan Rebroff durfte er kennenlernen. Zunehmend schwer tat er sich mit den Menschen, die die Martinskirche für Konzertveranstaltungen ohne den nötigen Respekt benutzten. Unverständlich sind für ihn die Vandalenakte: Drei Brandanschläge musste er miterleben. Und mehrfach wurde auch der
Opferstock aufgebrochen.
All diese unschönen Vorkommnisse hätten gegen Ende seiner Mesmerei, ärgert sich von Ott, leider zugenommen. Möglicherweise hänge das mit dem sinkenden Stellenwert von Religion und Kirchen zusammen, sagt der Ex-Mesmer. «Entsprechend steigt die Respektlosigkeit gegenüber den Werten, die die Kirche vertritt.» Für ihn war die kirchliche Anstellung nie nur ein Job gewesen. Sie war ein inneres Engagement, vom Glauben getragen.
Neues Team, neue Abläufe
Ein weiterer Aspekt, auf den von Ott hinweist und der von der kirchlichen Öffentlichkeit kaum registriert wird, ist der häufige Personalwechsel in Kirchengremien. So sei es stets eine «wiederkehrende Herausforderung» gewesen, dass Kirchenvorstandsmitglieder und Präsidien oft aufgrund von Abgängen und Neuwahlen neu zusammengesetzt wurden. Für den Mesmer bedeutete dies, dass er sich immer wieder neu auf Änderungen individueller Gewohnheiten und auf neue Ideen zum Beispiel bei Abdankungen oder Taufen einstellen musste. «Das war nicht immer einfach in den Arbeitsabläufen umzusetzen.»
Von Otts Resümee von 33 Jahren Mesmerdienst: «Wenn auch nicht alles Gold war, was glänzt, bereue ich keinen einzigen Tag in diesem abwechslungsreichen Dienst in der Kirche in Chur.» Von Otts Blick wandert beim Abschied wieder zur alten Standuhr, deren Uhrwerk der Revision harrt. «Dies in Angriff zu nehmen, ist eines meiner nächsten Projekte», sagt der Rentner.