In meiner Kindheit, im Bukarest der 1990er-Jahre, haben wir uns zum Geburtstag immer nur Bücher geschenkt: drei Bücher, schön eingepackt, mit grosser Schleife versehen, und einen Blumenstrauss für die Mutter des Geburtstagskinds. In jedem Buch stand eine lange, persönliche Widmung: warum es zum Beschenkten so gut passt und was wir an diesem Buch lieben.
Als ich meinen Mann, den Schriftsteller Perikles Monioudis, kennenlernte, staunte er, dass ich in «fremde» Bücher hineinschreibe. Tatsächlich fiel mir auf, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller nur eigene Bücher signieren. Ausnahmen sind selten, bei Sammlern unter «Fremdsignaturen» katalogisiert. Heute geniere auch ich mich, ins Werk eines Kollegen zu schreiben, und signiere nur eigene Bücher, auf Lesungen und in Buchhandlungen. Ich setze an, mit schwungvoller Schrift, aber manch einer bremst mich aus: «Bitte nur Ihren Namen und das Datum, ich weiss noch nicht, wem ich es schenke!» Auch wird mir da und dort die Widmung diktiert: «Für den Nicht-Leser Hans-Ueli, ein Buch, das Dich bekehren wird!» Freundinnen lassen sich manchmal zu zweit ein Buch signieren: So gehört ihnen das Buch zusammen.
Ein ungewolltes Autogramm von Frau Müller
Beim Literaturfestival, das ich dieses Jahr in München kuratierte, sind jeden Abend Leute am Eingang gestanden, um sich Autorenwidmungen zu holen. Ein Mädchen, von ihrer Tante vorgeschickt mit einem Stapel Bücher, sprach mich an: Sie habe die falsche Frau um eine Widmung gebeten, und diese habe tatsächlich das eine Buch signiert und nicht mal mit dem Namen der Autorin, sondern mit «Sabine Müller». Was tun? Ihre Tante würde sich sehr ärgern. Ich führte das Mädchen zur Autorin des Buchs, eine ältere Kollegin, die herzhaft lachte und ihre Feder in die Hand nahm, um die Widmung der Frau Müller zu ergänzen.
Wer von den Damen im Publikum wohl die Frau Müller sei, fragten wir uns auf der Bühne. Darauf sagte die ältere Kollegin, sie hoffe, wir alle seien die eine Frau Müller, die den Mut dazu hatte, das Buch als ihr eigenes zu betrachten. Denn das sei die Literatur: ein Angebot zur Selbstbespiegelung. Das Buch gehöre dem Leser. Den kühnen unter ihnen besonders.
