Kultur 26. Oktober 2026, von Werner Eichenberger

Hat Gotthelf uns noch etwas zu sagen? Aber sicher

Literatur

Den Lützelflüher Dichter Jeremias Gotthelf verbinden heute nicht wenige mit drögem Konservatismus. Gotthelf-Kenner Werner Eichenberger kontert in diesem Gastbeitrag dezidiert.

Jeremias Gotthelf begleitet mich schon lange: am Gymnasium, an der Uni, als Sekundarlehrer im Gotthelf-Dorf Lützelflüh; von 2012 bis 2022 als Co-Leiter des Gotthelf-Zentrums und seither als Leiter von Museumsführungen. Und da höre ich gelegentlich: Der Gotthelf habe vor 200 Jahren gelebt, erzkonservativ sei er gewesen, ein rückwärtsgewandter Bauerndichter, so richtig «bluemets Trögli»! Der habe uns wohl nichts mehr zu sagen, heute.

Damit bin ich nicht einverstanden: Darum hier ein anderes Bild von Gotthelf in Puzzle-Form. Richtig: Pfarrer ist er, Glaube und Religion sind ihm wichtig, ohne Zweifel. Schon im ersten Satz seines Erstlings kommt das zum Ausdruck. «Der Bauernspiegel»,  die Autobiografie des fiktiven Verdingbuben Jeremias Gotthelf, beginnt mit einem eindrücklichen Opener: «Ich bin geboren in der Gemeinde Unverstand, in einem Jahre, welches man nicht zählte nach Christus.» Ja, fehlenden Glauben spricht er an – aber eben auch: Unverstand, Dummheit sowie Boshaftigkeit.

In der «Armennoth», so etwas wie eine Kampfschrift, steht aber auch dies: «So wie wir denn an Gott glauben, wollen wir auch an unsere Kräfte glauben!» «Hey!», will er sagen, «fromm tun, Psalmen singen, in die Predigt gehen reicht dann im Fall nicht! Wir müssen auch selbst handeln.»

Sein Blick auf die USA

Seine Weitsicht beeindruckt immer wieder: Im Roman «Der Herr Esau», 1922 posthum erschienen, nicht zuletzt wegen seiner Kritik an der Berner Regierung, lesen wir Erstaunliches: «Amerika, es Donners e lustigs Land, dert mach en iedere, was er well, u wenn eine de angere nit aständig syg, su schlay me ne zTod, und wer drümal geltstaget heyg, werd Ratsherr!» Das lasche Waffengesetz in den USA lässt grüssen: Heute wird weniger dreingeschlagen, dafür gleich abgedrückt. Und wer den alten berndeutschen Begriff «geltstage» nicht kennt: Er bedeutet «Bankrott machen». Wie oft ist Donald Trump schon wieder «verlumpet»? Ganze sechs Mal! Und er ist nicht nur Ratsherr geworden, sondern gleich Präsident.

Im «Neuen Berner Kalender» schreibt Gotthelf: «In Amerika ist Meister, wer wüst tut.» Und: «Russlands Despotie und Amerikas Freiheit sind zwei Schwestern, Willkür heisst ihre Mutter.» Angesichts solch gefährlicher Gestalten wie Donald Trump und Wladimir Putin muss man das kaum noch ausdeutschen.

Ökologe avant la lettre

Up to date ist Gotthelf auch in Sachen Ökologie und Umweltschutz. Er kennt die Bedeutung des Waldes. Die Hochwasser der Emme erlebt er hautnah. Beobachtet, wie Handelswaren und Holz die Emme hinuntergeflösst werden: Brennholz für die Eisenschmelze in Gerlafingen und Bauholz, das bis ins Ausland verkauft wird. Es ist viel Holz, das die Bauern im oberen Emmental schlagen. So wendet er sich im «Berner Volksfreund», der Zeitschrift der liberalen Burgdorfer Brüder Schnell, an die Bauern. Kritisiert, wie alles zu Geld gemacht werde: «Der Wald muss zinsen; der Wald muss Kindbetti halten; der Wald muss Ehesteuer geben; er muss Weibern, die nicht immer Erdäpfel mögen, das Geld liefern, Bratis aus dem Wirtshause zu holen.» Und so würde halt der Wald abgeholzt, was Äxte und Sägen hergeben.

Er befürchtet, «dass Überschwemmungen immer häufiger und fürchterlicher werden», weil wegen fehlender Bäume die steilen Emmentaler Höger «bei Regengüssen die Wasser schnell und unaufgehalten» in die Täler sendeten, und hält fest: «Wo Wald eine Bergseite bedeckt, da halten die Bäume auf, verschluckt die Erde Wasser, hemmen Moos und Gesträuch der Wasser Lauf, und um die Hälfte weniger und um die Hälfte zahmer kommen die Wasser endlich zu Tale.» Wo Gotthelf recht hat, hat er recht!

Patriarchal? Mitnichten!

Und: Ein patriarchales Bild der Frau habe er auch. Wirklich? Im Roman «Uli der Knecht» sagt Vreneli ihrem Mann deutsch und deutlich: «Ich bin nicht deine Magd, sondern deine Frau!» In der «Armennoth» heisst es: «Gott hat das Weib nicht geschaffen zur Sklavin,  dass es den Mann nähre, während er auf der faulen Haut liegt, tubaket und Feuerwasser trinkt!» In einer kurzen Autobiografie schreibt er, als Jugendlicher habe er sich auch in «weiblichen Handarbeiten» geübt. Später, als Pfarrer in Lützelflüh, hilft er im Haushalt: «Wir haben Wäsche, und ich werde wohl stärken müssen, bläuen oder sonst etwas.»

Dass in seinen Romanen Uli den «Rank» findet, Schulmeister Käser zu einem angesehenen Lehrer wird, in Liebiwyl Christen endlich zur Vernunft kommt: Das alles verdanken sie ihren starken Frauen – Vreneli, Mädeli, Änneli. Ob dem Dichter für diese schönen Frauenfiguren seine Gattin Henriette als Vorbild diente?

Die Predigt reicht ihm nicht, um seine Botschaften unter die Leute zu bringen – er muss schreiben: im «Berner Volksfreund», in der «Brattig», mit Büchern und in  Pamphleten. Aufgeschlossen gegenüber diesen neuen Medien ist er. Seine Kinder lässt er «fotografieren»: mit dem neuen Medium der «Daguerreotypie». Dampfschiffe, Eisenbahn, die aufkommende Industrie beobachtet er aufmerksam, schreibt über sie,  ja, auch kritisch. Er will das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, er sieht: Die Moderne ist nicht aufzuhalten.

So schreibt er im Vergleich zu England: «Ein Fabrikvolk sollten wir nicht werden, aber hinreichende Beschäftigung zu einem Auskommen muss jedes Land seinen Bewohnern gewähren, wenn nicht Not einreissen soll.» So der sozial denkende Dichterpfarrer.

Skandal, Skandal

Noch mehr Überaschendes? Gerne. Im «Erdbeeri Mareili» beschreibt er eine feine lesbisch-erotische Beziehung zwischen Mareili und der Dame aus reichem Haus – auch das noch! In der «Erbbase» heiratet ein altes Grossmütterchen einen zwanzigjährigen Knecht, um sich vor den fiesen Erbschleichern zu retten – ein veritabler Skan-dal, ums Himmels willen!

Im Roman «Anne Bäbi Jowäger» kritisiert er die Skepsis gegen die bereits bestehende Pockenimpfung – das erinnert heute doch sehr an die Impfskepsis während der Covid-Pandemie 180 Jahre später. Dazu passt auch sein Satz: «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterlande.» War nicht gerade in der Covid-Zeit die Familie das Zentrum? Der Vater im Homeoffice, die Kinder im Homeschooling, die Mutter als «Managerin», so wie Gotthelf sie einmal als «Hohepriesterin» des Hauses bezeichnet hat.

Es ist an der Zeit, das schiefe Bild von Jeremias Gotthelf zu korrigieren. Ja, seine oft langfädigen Romane mit vielfach verschachtelten Sätzen sind keine Bestseller mehr. Einfacher zu verdauen sind die kürzeren Erzählungen und Novellen. Seine Botschaften: Die stimmen aber auch heute noch. Und wenn Sie den Schriftsteller einmal hautnah erleben wollen, besuchen Sie das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh.

So tönt es aus dem Emmental zurück

«Eine zähe Lektüre», sagte der Historiker Hans von Rütte im Juli in einem «reformiert.»-Interview. Damit bezog er sich auf das Werk seines Vorfahren, des Lützelflüher Dichterpfarrers Jeremias Gotthelf. Dessen Texte seien geprägt von «starkem Schwarz-Weiss-Denken darüber, was gut und was schlecht ist». Er vertrete einen «abgehobenen, gesellschaftlich schlecht haltbaren Konservatismus». Diese Kritik veranlasste Werner Eichenberger zu obenstehender Replik, in der er schreibt, was Gotthelf heute noch zu sagen hat. Der Kommunikationsfachmann leitete zehn Jahre  das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh mit und führt heute noch Führungen durch. 2022 erschien seine fiktive, aber faktentreue Gotthelf-Autobiografie «Der Schreiber von Lützelflüh». heb