«Märchen sind kleine Frohbotschaften mit heilender Kraft»

Literatur

Erstmals findet am 21. März der Tag der Schweizer Sagen und Märchen statt. Sagen spielen mit dem Unheimlichen, Märchen feiern das Heimelige, erklärt der Experte Hasib Jaenike.

Märchen? Da kommen den meisten wohl zuerst die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in den Sinn. Und an zweiter Stelle die orientalische Sammlung Tausendundeine Nacht. Und vielleicht noch, mit Hängen und Würgen, das eine und andere Kunstmärchen von Hans Christian Andersen oder Wilhelm Hauff.

Aber Volksmärchen aus der Schweiz? Gibts die denn überhaupt? Der Märchenspezialist Hasib Jaenike aus Trachselwald lächelt. «Die gibt es, und wie.» Ein paar davon, unter anderem «Die drei Sprachen» und «Der Vogel Greif», seien sogar Teil der Grimmschen Sammlung.

Doch, es gibt sie, die Schweizer Märchen – und wie.
Hasib Jaenike, Märchenkenner

Das Problem ist bloss: Die Schweizerinnen und Schweizer kennen ihre eigenen Märchen nicht. Manchmal macht Hasib Jaenike im Lauf eines Gesprächs über Märchen spontan einen Versuch und sagt zu seinem Gegenüber: «Ich zahle Ihnen 100 Franken, wenn Sie mir ein Schweizer Märchen nennen können.» In den Antworten wird dann immer mal wieder die eine und andere bekannte Sage genannt, aber nie ein klassisches Märchen. «Ich musste die 100 Franken noch nie zahlen», sagt Jaenike.

Das könnte sich vielleicht ändern. Denn heuer hat die von Hasib und Djamila Jaenike gegründete und betriebene Mutabor Märchenstiftung mit Sitz in Trachselwald erstmals den Tag der Schweizer Sagen und Märchen ausgerufen. Er findet am 21. März statt, das Motto lautet «Gold und Geld».

Die Mutabor Märchenstiftung

Vor 23 Jahren gründete das in Trachselwald lebende Ehepaar Hasib und Djamila Jaenike die Mutabor Märchenstiftung, die im Lauf der Jahre gewachsen ist und seither ein veritables Märchennetz über die Schweiz gelegt hat. Das Spektrum des Angebots und der Tätigkeiten ist breit und umfasst unter anderem einen stark nachgefragten Ausbildungsgang für Märchenerzählerinnen, eine grosse Datenbank mit Märchen aus aller Welt in Schrift- und zum Teil auch Audiodokumenten, ein periodisch erscheinendes Magazin, einen Verlag für Märchenbücher, Bibliotheken an verschiedenen Standorten in der Schweiz und Veranstaltungen vielfältiger Art. Mutabor ist das lateinische Zauberwort aus dem Kunstmärchen Kalif Storch von Wilhelm Hauff und bedeutet «Ich werde verwandelt werden».

www.maerchenstiftung.ch

Primär geht es darum, den überlieferten Schweizer Erzählschatz mittels medialer Präsenz ins Bewusstsein zu rufen. Ein grosses Fest oder eine spezielle schweizweite Aktion sind nicht geplant. Vielleicht ist der 21. März – ein Samstag – für Neugierige jedoch eine Gelegenheit, einmal die reichhaltige Website der Mutabor Märchenstiftung zu besuchen und ein bisschen herumzustöbern?

Ein digitaler Märchenschatz

Besucherinnen und Besucher werden dabei auch entdecken, dass eine umfängliche Datenbank «Schweizer Märchenschatz» existiert. In dieser digitalen Sammlung stellt die Stiftung rund 9000 mittlerweile meist vergriffene Märchen und Sagen aus den Schweizer Kantonen zur Verfügung. Und eventuell weckt der Besuch der Website auch die Lust, am ausgeschriebenen Fotowettbewerb teilzunehmen, bei dem es darum geht, möglichst stimmungsvolle Bilder von Sagenschauplätzen zu machen.

Bei alledem lädt auch das Motto «Gold und Geld» zum Sinnieren und Nachdenken ein; beides kommt in Märchen oft vor und steht hier, je nach Kontext, für Reinheit, Kostbarkeit, Glück und Wohlergehen, aber auch für Gier, Betrug, Neid und andere urmenschliche Regungen. Das Schlossmuseum Burgdorf, das für seine aktuelle Goldausstellung mit der Mutabor Märchenstiftung zusammengearbeitet hat, bietet am 22. März in der Goldkammer Erzählstunden mit passenden Märchen an.

Zwei Schwestern der Erzähltradition

Sagen und Märchen – worin besteht eigentlich der Unterschied? Sagen knüpfen an historische Begebenheiten oder Persönlichkeiten an, handeln an lokalisierbaren Orten und berichten, oft raunend, von Missetaten, begangenem Unrecht, Strafe und Sühne, von Spukhaftem, Seltsamem und Unerklärlichem. «Auch wenn es in dieser Zuspitzung nicht wirklich stimmt – ich bezeichne die Sage gerne als die düstere Schwester des Märchens», erklärt Jaenike.

«Die Sage ist die düstere Schwester des Märchens.»
Hasib Jaenike, Märchenerzähler und -sammler

Märchen hingegen sind mündlich überlieferte Volkserzählungen, die Menschen ermächtigen wollen, etwas zu wagen, in Ordnung zu bringen, zu heilen oder zu verwirklichen. Sie streben bei der Hörerschaft ein Wohlgefühl an, enden gut und harmonisch. Bringen somit zum Ausdruck, was sich eigentlich alle wünschen.

Die schöpferischen Kräfte der Völker

Jaenike spürt in den Märchen auch eine spirituelle Dimension, eine Botschaft aus den schöpferischen Tiefenschichten der Völker. Was bedeutet nämlich das Wort «Märchen»? Es ist die Verkleinerungsform von «Mär», das für Kunde steht, für eine Botschaft also.

Jaenike zitiert aus dem berühmten Weihnachtslied von Martin Luther: «Vom Himmel hoch, da komm ich her. Ich bring’ euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich so viel, davon ich singn und sagen will.» Das, sagt er, bringe das Wesen der Märchen gut auf den Punkt. Sie seien kleine Frohbotschaften, in denen eine grosse heilende Kraft stecke und die – ähnlich wie die Bergpredigt von Jesus – zum mitmenschlichen Handeln auffordern. «Ich möchte Märchen keinesfalls als Ersatzreligion verstanden wissen, aber diese fast religiöse Komponente, die sich in ihnen findet, ist ein schönes Supplement.» So gesehen seien Märchen eben nicht nur stark – «sondern bärenstark».