Wenn Einsturz Hoffnung bedeutet

Ausstellung

40 Jahre lang arbeitete sich der Schriftsteller und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt am Turmbau zu Babel ab. Literarisch wie auch zeichnerisch. Fertig wurde er nie. 

«Unser braver Zentralheizungsofen hat heute den ganzen ‹Turmbau›, den geschriebenen und den noch nicht geschriebenen, in seinem Eisenbauch kremiert», schrieb der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) am 12. November 1948 «leichten Herzens» an den Regisseur Kurt Horwitz. Im Frühjahr 1949 hätte dieser das «Turmbau»-Drama in Basel auf die Bühne bringen wollen. Doch der Text wuchs ins Unermessliche, Dürrenmatt verlor die Herrschaft darüber, und so kam es zu diesem Akt der Zerstörung – oder Befreiungsschlag. 

Es ist die eindrücklichste Szene aus Dürrenmatts Ringen mit dem biblischen Turmbau-Motiv. Bereits im ersten Jahr seiner schriftstellerischen Tätigkeit 1946 taucht es in einem Dramenfragment auf. 1953 wird das Stück «Ein Engel kommt nach Babylon» uraufgeführt, bleibt aber der einzige fertige Teil einer geplanten Trilogie. 1970 kommen einige Manuskriptseiten des verbrannt geglaubten Turmbau-Dramas wieder zum Vorschein. Daraufhin nimmt sich Dürrenmatt des Themas erneut intensiv an.

Lebenslange Aufgabe 

Bis zum Tod arbeitet er am autofiktionalen Schreibprojekt «Stoffe. Zur Geschichte meiner Schriftstellerei». Darin will er etwa die Handlung des Turmbau-Dramas rekonstruieren. Doch es fällt ihm schwer: «Es ging mir wie mit dem ‹Turmbau› zu Babel, den ich einmal plante und begann: Ich musste ihn abbrechen, um mich von ihm zu befreien. Was blieb, sind seine Trümmer.» 

Die Ruine des Turms von Babel zeigt die Tuschezeichnung «Turmbau V: Nach dem Sturz». Sie ist mit anderen Zeichnungen und Gemälden Dürrenmatts zum selben Thema in der aktuellen Sonderausstellung «Babel. Hochmut kommt vor dem Fall» im Centre Dürrenmatt in Neuenburg zu sehen. Das Blatt zeigt Gebäudeüberreste vor einem apokalyptisch wirkenden Himmel, an dem einen astronomische Phänomene wie Schwarze Löcher und Supernovas entgegenstarren. 

Dürrenmatt schreibt zu seinen Bildern, dass sie «die Unsinnigkeit des Unternehmens aufzeigen, einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht, und damit die Absurdität menschlichen Unterfangens schlechthin. Der Turm zu Babel ist das Sinnbild der menschlichen Hybris. Er bricht zusammen, und mit ihm stürzt die Menschenwelt zusammen. Was die Menschheit hinterlassen wird, sind ihre Ruinen.» In diesen Worten spiegelt sich, wie Dürrenmatt sein eigenes Scheitern am Babel-Mythos erlebte. 

Symbolischer Himmel 

Beim Betrachten der Bilder fällt der ausdrucksstarke Himmel auf, gerade wenn der Turm am Boden liegt. Friedrich Dürrenmatt habe sich leidenschaftlich für Astrophysik interessiert, sagt der Dürrenmatt-Experte und Theologe Pierre Bühler. Doch seien die astronomischen Erscheinungen für Dürrenmatt auch Symbole gewesen für das, was das Menschsein ausmache: die Fragilität des Menschen, seine Endlichkeit dem Unendlichen gegenüber. Für Dürrenmatt stecke darin auch die «Chance gegenüber der Tendenz des Menschen zum Hochmut und zum Beherrschenwollen». Denn das führe ja immer wieder zu Zerstörung. 

Der Begriff der Chance ist ein Relikt von Dürrenmatts religiöser Herkunft. Er wuchs als Sohn eines reformierten Pfarrers in Konolfingen auf, ging jedoch im Zuge seines Lebens zunehmend auf Distanz zum christlichen Glauben. Lange behielt er aber eine kritische Loyalität zum Protestantismus. Und so spielt auch das Thema der Gnade immer wieder eine wichtige Rolle in Dürrenmatts Schaffen. «In seiner frühen Phase ist die göttliche Gnade immer wieder explizit thematisiert», sagt Bühler. In seinem späteren Werk beschreibe Dürrenmatt die Gnade als «Glücksfall» oder «Chance» . 

Dürrenmatt habe, so Bühler, im Menschen selbst eine «unglaubliche Chance» gesehen. Seine Beschäftigung mit Babel erfolgte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Kapitalismuskritik der 1970er, die er unterstützte. Damals zeigten sich die negativen Folgen menschlichen Machtstrebens deutlich. Doch Dürrenmatt hatte Hoffnung. Im Einsturz des Turms sah er die Chance für einen Neustart. Und so zeichnete er auch den Wiederaufbau des Turms.

Die Ausstellung “Babel. Hochmut kommt vor dem Fall” läuft noch bis am 16. August im Centre Dürrenmatt Neuenburg (CDN). Weitere Informationen auf der Website des CDN.