Märchen, in denen alte Menschen die Helden sind

Literatur

Was alte Menschen an Weisheit und Erfahrung weitergeben können: Darum geht es im neuen Märchenband «Die Quelle der Weisheit». Eine Sammlung mit diesem Schwerpunkt fehlte bisher.

Beim nördlichen Volk der Samen war es üblich, dass ein sehr altes Familienmitglied eines Tages das Zelt verliess, in den Schneesturm hinausging und nicht wiederkehrte. Dies geschah nicht von ungefähr im Winter, denn da war die Not am grössten und die Nahrung knapp. Die alten Menschen traten freiwillig aus dem Leben, um so der jüngeren Generation bessere Überlebenschancen zu bieten. In machen Kulturen – so bei den Tschuktschen, einem sibirischen Volk – wurden sie rituell erdrosselt, bei anderen Völkern im Wald ausgesetzt. Senizid wird in der Volkskunde diese Praxis genannt, Altentötung.

Nach einem kalten Sommer

Diese archaische Gepflogenheit findet auch in Märchen ihren Niederschlag. Zum Beispiel in der Geschichte «Der gute Rat». Das Märchen stammt aus Karelien und handelt von einem König, der im Herbst nach einem kalten und feuchten Sommer allen Menschen strikte befiehlt, ihre Grosseltern im Wald auszusetzen und dort sterben zu lassen. Damit soll verhindert werden, dass im kommenden Winter, der nach einer schlechten Ernte besonders streng zu werden droht, nicht das ganze Volk verhungert.

Einer der Bauern jedoch versteckt, von Mitleid erfüllt, seinen alten Vater im Keller. Der entbehrungsreiche Winter nimmt seinen Lauf, die Familie isst sogar die Körner, die eigentlich für die Aussaat im Frühling bestimmt sind. Da gibt der alte, im Keller versteckte Vater seinem Sohn den Rat, das Stroh, das als Dachbedeckung dient, herunterzureissen und noch einmal zu dreschen. Das restliche Korn, das dabei herausfalle, lasse sich dann im Frühling aussäen.

Der Sohn befolgt den Rat, das Getreide vom zweiten Dreschgang gedeiht vortrefflich und erregt die Aufmerksamkeit vieler, so auch jene des Königs. Er will wissen, wie dieses Kornwunder zustande gekommen ist. Der junge Bauer gesteht die Wahrheit. Der König bestraft ihn nicht; stattdessen befiehlt er ihm, den klugen Vater aus dem Keller zu befreien und ihm für seinen Rat zu danken.

Das Märchen endet mit einem typischen Happyend-Satz: «So kam es, dass von diesem Tag an die Grossväter und Grossmütter nicht mehr in den Wald geschickt wurden, sondern zufrieden in ihren Familien blieben bis an ihr Lebensende.»

Eine spezielle Sammlung

Diese Geschichte findet sich im neu erschienenen Band «Die Quelle der Weisheit – Märchen von der Würde des Älterwerdens». Herausgeber ist der Mutabor Verlag mit Sitz in Sumiswald; das Buch enthält Märchen aus aller Welt, in denen alte Menschen im Zentrum stehen.

Die Geschichten verbinden in ihrer unterhaltsamen Vielschichtigkeit Generationen.

Eine Sammlung mit diesem speziellen Fokus fehlte bis anhin in der Märchenliteratur. Das Buch richtet sich nicht nur an älter werdende oder alte Menschen, sondern ebenso an Junge und Jüngste – denn die Geschichten von den erfahrenen, weisen, pfiffigen, gewitzten, zuweilen humorvollen, aber auch von jugendlichen Sehnsüchten erfüllten Alten verbinden in ihrer unterhaltsamen Vielschichtigkeit Generationen.

Die behandelten Themen setzen bei den Fragen an, die sich betagten Menschen stellen: Welchen Platz habe ich in der Gesellschaft? Was kann ich den Jüngeren mitgeben, wie gehe ich mit Einsamkeit und dem nahenden Tod um, wie bewerkstellige ich die Übergabe meines geistigen und materiellen Erbes an meine Nachfahren? Und – gibt es Möglichkeiten, Versäumtes nachzuholen und hintangestellte Träume doch noch zu verwirklichen?

All diesen Fragen wird in den Märchen nachgespürt. Nicht wie im herkömmlichen Ratgeber mit mehr oder weniger handfesten und konkret umsetzbaren Tipps, sondern märchenhaft eben, in symbolhaften Episoden, die auf heilsame Art menschliche Tiefenschichten berühren, dazu komponiert mit viel Sinn für das Spannende und Unterhaltsame.

Wo Undenkbares denkbar wird

Was es in der Welt der Märchen nicht alles gibt! Eine Frau, die sich, sobald sich an ihr Altersspuren zeigen, häutet wie eine Schlange und so stehts in neuer Jugendfrische zu den Ihren zurückkehrt (Papua-Neuguinea); Mäuse, die sich im Sumo-Ringen üben (Japan); ein altes Ehepaar, das an einer Bohnenranke zu Gott in den Himmel klettert und dort in aller Selbstverständlichkeit eine andere Welt erkundet (Litauen); ein Schwinger, der reihum alle kräftigen Kerle bezwingt, nur seinen alten Vater nicht (Schweiz); ein Gelehrter, der erst im Alter zu echtem Wissen und damit zu Weisheit gelangt (Ägypten) und viel Überraschendes, Skurriles, Seltsames, Weises, Zauberhaftes und Wunderbares mehr.

Zusammengestellt und einfühlsam illustriert wurden die 125 Märchen von Djamila Jaenike, der Mitgründerin der Mutabor Märchenstiftung.

Überlieferte Märchen seine keine Stegreifgeschichten, heisst es im Vorwort des Bands. Sondern über lange Zeit gewachsene und geschliffene, in ihrem Kern jedoch intakt gebliebene Erzählungen. «Sie basieren auf den Sehnsüchten von Menschen jeden Alters, auf den Erfahrungen des Zusammenlebens, auf den Wünschen und Träumen von Glück und Liebe.» Die Erzählenden seien Vermittler zwischen der Weisheit früherer Generationen und den Menschen der Gegenwart. «Indem wir Märchen lesen, vorlesen und erzählen, geben wir sie weiter an jene, die nach uns kommen.»

Literaturhinweis

Die Quelle der Weisheit, Märchen von der Würde des Älterwerdens. Mutabor Verlag, 2026. 276 Seiten. ISBN 978-3-9525411-2-8