Queerness, Transgender, Nonbinarität, viele Geschlechter anstatt nur deren zwei: Die Diskussion rund um die Geschlechtlichkeit des Menschen wird in der Öffentlichkeit derzeit breit diskutiert. Eine Erscheinung des heutigen Zeitgeists, sagen viele. Aber das stimmt nur zum Teil. Bereits um 1900 befassten sich Leute mit diesen Fragen.
Einer von ihnen war der deutsch-estnische Kunstmaler, Dichter und Bühnenautor Elisàr von Kupffer, dessen Künstlername Elisarion lautete. Kupffer zog 1925 mit seinem Lebenspartner, dem Philosophen Eduard von Mayer, nach Minusio am Lago Maggiore. Ein Jahr später, vor nunmehr 100 Jahren also, liessen die beiden ein Haus errichten, an der Via Rinaldo Simen. Es handelt sich um eine etwas sinistre, von Palmen flankierte Villa mit Turm und zwölfeckiger Apsis.
Der Bau, wohlklingend Sanctuarium Artis Elisarion benannt, war Wohnhaus und dazu eine Art Kirche oder Tempel für eine neue Religion, die Kupffer entwickelt hatte: den Klarismus. Davon weiss heute kaum mehr jemand, und dieser Glaube hat auch keine Anhänger mehr. Es ist eine Mischung aus Christentum und Esoterik, dazu einer besonderen Wertschätzung von homoerotischen Beziehungen.
Wir Menschen seien in der irdischen, vom Chaos geprägten Wirrwelt gefangen, lehrte Kupffer. Alles Schöne dagegen sei eine Vorahnung auf das Paradies, das er «Klarwelt der Seligen» nannte.
Traumgarten im Pavillon
Auf dem Monte Verità bei Ascona, nur wenige Kilometer von Minusio entfernt, lebten ab 1900 während 20 Jahren junge Antibürger in einer Kommune. Das Gelände der Kolonie ist heute ein viel besuchter Erinnerungsort. Hier steht, in der Nähe des sogenannten Walkürenfelsens in einem Wäldchen, ein aus dunklem Holz solide gezimmerter Pavillon. Offen steht er nur samstags. Er enthält Elisàr von Kupffers malerisches Hauptwerk, eine Darstellung der Klarwelt der Seligen.
Dieses eigenwillige Rundgemälde befand sich ursprünglich im Sanctuarium in Minusio. Es zeigt einen traumhaften, fast kitschigen, von einem zart pastellblauen Himmel überwölbten Paradiesgarten. Darin tummeln sich zahlreiche Jünglingsgestalten zu zweit oder in Gruppen, vereint in verschiedenen Posen der Zuneigung, ein grosser Reigen erotischer Tändelei.
