Sie liebt die Weisheit guter Geschichten

Erzählkunst

Marianne Kellenberger ist Pfarrerin und Märchenerzählerin. Lesend, recherchierend und zeichnend studiert sie die Geschichten ein.

Gstaad liegt weit hinten im Berner Oberland und ist umgeben von hohen Gipfeln. Und ausgerechnet Saanen, zu dem Gstaad gehört, trägt einen eleganten Kranich im Wappen? 

Marianne Kellenberger gerät sofort ins Erzählen, während sie in der Küche hantiert. Wie die Saanerinnen und Saaner Welsche waren, die deutsch redeten. Wie die Greyerzer Herrschaft das Saanenland an Bern verscherbelte, der Ort für sein Wappen jedoch den Vogel von Gruyère übernahm. Die 50-Jährige berichtet unterhaltsam, serviert dabei den Kaffee auf dem Stubentisch.

Ihr zuhören macht Freude

Es macht Freude, Marianne Kellenberger zuzuhören. Und wer etwas über ihr Leben erfahren will, muss fast keine Fragen stellen.

Auch ihre eigene Geschichte erzählt sie aus einem Guss. In der hellen Stube des Pfarrhauses nahe dem Zentrum von Gstaad ist sie umgeben von Büchern, farbigen Bildern, alten und neueren Möbeln. Und von jenem «kreativen Chaos», wie sie es selbst nennt, das sich auf dem Tisch ausbreitet.

Ich sage meinen ‹Könfis›, wenn sie am Zweifeln sind, von ganzem Herzen: Du kannst das, wenn du willst.

Fast scheint es, als wäre Kellenberger das Erzählen angeboren. Diese Gabe habe sie sich aber zuerst erarbeiten müssen. Denn ursprünglich hätte sie eine Lehre als Fotografin beginnen wollen, doch das klappte nicht. 

So wurde sie Fotofachangestellte – «Das war schon damals brotlos» –, danach folgten eine kaufmännische Lehre beim damaligen Bankverein und einige Jahre bei einer Schweizer Grossbank, an verschiedenen Orten, auch im Waadtland. Bis sie fast 30-jährig war und ihr «Grossvati» im Sterben lag.

Für die Menschen da sein

Sie habe doch als Mädchen immer für die Menschen da sein, immer Pfarrerin werden wollen, habe der Grossvater kurz vor seinem Tod gesagt. Das solle sie doch machen! So kam es, dass die Gstaaderin zur Vorbereitung die Kirchlich-Theologische Schule besuchte, Latein, Griechisch und Hebräisch lernte. Es folgte das Theologiestudium in Bern, bei dem sie immer wieder die Stimme im Ohr hatte: «Du bist zu wenig, du kannst das nicht!»

Denn das habe sie schon in der Sekundarschule zu hören bekommen, wenn sie in den Sprachen nicht mitgekommen sei, sagt Kellenberger. Doch heute münzt es die Pfarrerin positiv um: «Ich sage meinen ‹Könfis›, wenn sie am Zweifeln sind, von ganzem Herzen: Du kannst das, wenn du willst.»

Es ist so viel Weisheit in den alten Geschichten – das kannst du nicht erfinden.

Nach drei Jahren Pfarramt in Eriswil kam Kellenberger als Pfarrerin zurück in ihr Heimatdorf Gstaad. Hier brachte ihre Mutter sie auf eine weitere Tätigkeit, die sie heute mit Leib und Seele ausübt. Bereits ihre Grossmutter habe diese Gabe besessen: «Sie konnte Geschichten erzählen, wundervoll!» Ihre Mutter habe gesagt, dass sie das auch könne, und sie ermuntert, es auch zu versuchen, sie müsse es nur üben.

Marianne Kellenberger machte sich kundig und stiess dabei auf die Angebote der Mutabor Märchenseminare in Sumiswald. Da war für sie klar, was sie wollte. Vor etwas mehr als fünf Jahren nahm sie die Ausbildung zur Märchenerzählerin in Angriff, und jetzt sitzt sie seit einem Jahr sogar im Rat der Mutabor Märchenstiftung. 

Begeistert auch für biblische Geschichten

Sie ist rundum begeistert von der Erzählkunst: «Es ist so viel Weisheit drin in den alten überlieferten Geschichten – das kannst du nicht erfinden.» Das Gleiche gelte auch für biblische Geschichten.

Kellenberger sucht einige Blätter hervor, die in farbigen Bildern eine Geschichte erzählen. «Neue Märchen erarbeite ich mit Lesen, historischen Recherchen zu den Hintergründen und indem ich sieben oder neun Bilder zeichne», sagt sie. So könne sie nach etwa einer Woche eine neue Geschichte «par cœur» frei erzählen, von Herzen. Das passt für sie besser als der Begriff «auswendig». 

Menschen solche Geschichten zu schenken, sei etwas vom Schönsten überhaupt, sagt Marianne Kellenberger. Ob nun als Pfarrerin oder als Erzählerin.