Gesellschaft 09. Oktober 2026, von Marius Schären

Wenn weit entfernte Kinderwünsche nahe gehen

Reproduktion

Kinderbekommen und aufziehen ist einfach – scheinbar. Aber längstens nicht für alle: Geflüchtete etwa, Saisonniers. Eine Ausstellung bringt neue Einsichten, die ans Herz gehen.

«Atlas der Reproduktion»: So sperrig der Titel wirkt, so wenig soll er vom Besuch der Ausstellung in Bern abhalten. Diese ist nicht nur informativ, erhellend, schön, gut gemacht und nicht überladen, sondern auch in hohem Mass berührend. Und das zurecht, denn es geht um ein fundamentales Lebensthema: das Kinderkriegen.

Gemeint ist damit aber nicht die praktische Sexualität von Menschen. Vielmehr stehen Menschen und Umstände im Zentrum, die oft überschaut und vergessen gehen. Der Blick richtet sich auf die sogenannten reproduktiven Rechte. Diese Menschenrechte garantieren allen Menschen, frei, selbstbestimmt und ohne Diskriminierung zu entscheiden über ihren Körper, ihre Sexualität und die Frage, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten.

Schicksale ins Bewusstsein geholt

Oder mit konkreten Fragen: Wer darf Kinder haben unter welchen Bedingungen? Und: Wer wird dabei unterstützt – und wer daran gehindert? Diese führen zu den ausgewählten Situationen: Kinderkriegen im Schweizer Asylzentrum, Sterilisation in Mexiko, marokkanische Mütter in Spaniens Beerenplantagen und ihre Kinder im Heimatland, Leihmutterschaft in Russland, Adoption aus Sri Lanka in die Schweiz, Alltag in einer spanischen Reproduktionsklinik, Schwangerschaftsabbrüche in Polen.

Dem für viele so selbstverständlich scheinende Lebensabschnitt mit dem Kindermachen, Gebären und Aufziehen wird quasi sanft der Boden unter den Füssen weggezogen – und zwar gleich beim Eintritt in den grossen Saal des Berner Kornhausforums. Quasi als Empfang fallen langgestreckte, grosse gelbe Stoffbahnen ins Auge, die von der Decke herabhängen und kurze Fragen stellen. 

Fragen, die anregen

Schon diese haben es in sich. «Wie verhütest du, und wer bezahlt dafür?», heisst es etwa. «Ist Leihmutterschaft Ausbeutung oder Befreiung?» «Würdest du ein Kind adoptieren?» «Was würdest du alles tun, um ein Kind zu bekommen?» «Gibt es ein Menschenrecht auf ein Kind?» «Wie viele Eltern kann ein Kind haben?»: Das sind nur ein paar der auf Deutsch und Englisch verfassten Fragesätze. Und sie nehmen Besucherinnen und Besucher ganz persönlich praktisch bei der Hand ins Thema.

Zur Ausstellung

Der «Atlas der Reproduktion» basiert auf Forschungsprojekten, die über die letzten zehn Jahre im Rahmen von oder in Kooperation mit der Forschungsgruppe Sozial- und Kulturgeographie und dem mLAB des Geographischen Instituts der Universität Bern entstanden sind. Der Atlas führt in dem Buch- und Ausstellungsprojekt diese Arbeiten zusammen, um reproduktive Gerechtigkeit aus transnationaler Perspektive sichtbar zu machen und im Schweizer Kontext zur Diskussion zu stellen.

Die künstlerische Leitung des Buch- und Ausstellungsprojekts liegt bei Mirko Winkel (mLAB) und die wissenschaftliche Co-Leitung bei Laura Perler und Carolin Schurr. 

Die Ausstellung läuft noch bis am 25. Oktober und ist im Kornhausforum Bern gratis zugänglich.

Die Ausstellung ist nicht sehr gross: Der Hauptraum und zwei Seitenräume, alles auf gleicher Ebene. Doch wer sich einlässt auf die einzelnen Installationen, erlebt eine grosse Reichhaltigkeit. Grundlage sind zwar mehrere Forschungsprojekte zu reproduktiven Ungleichheiten und Technologien, Gesundheit und Mobilität und globalen Verflechtungen von Familienplanung; das mag eher verkopft klingen. Aber durch die sehr geschickte Aufbereitung und Präsentation setzt sich der Einbezug jedes Einzelnen laufend vertiefend fort.

Installationen, die berühren

Berührende Fotografien und Texten nehmen einen beispielsweise mit in Schweizer Bundesasylzentren. In einer Forschungsarbeit begleitete Laura Perler von der Uni Bern – unterstützt von Milena Wegelin von der Berner Fachhochschule – von 2021 bis 2024 Hebammen bei Besuchen und fertigte Beobachtungsprotokolle an. Wie die Frauen in den Zentren Schwangerschaft, Geburt und frühes Familienleben erleben, wurde dann literarisch und von Tamara Sánchez-Pérez in Bildern im Buch zur Ausstellung und filmisch verdichtet. 

Ein ähnliches Konzept resultiert aus der Forschung der Geografin Nora Komposch. Ausgangspunkt sind beispielsweise Erdbeeren, die in Schweizer Grossverteilerregalen im Winter angeboten werden. Komposch ermittelte zwischen 2021 und 2023, wie die saisonale Arbeitsmigration marokkanischer Arbeiterinnen in Spanien mit ihrem Familienleben zusammenhängt. Interviews, Tagebucheinträge, Hintergrundinformationen und Gedichte lassen zusammen mit Fotos diese normalerweise völlig im Bewusstsein fehlende Lebensumstände unvermittelt nah und lebendig erscheinen.

Ein kleiner, einfacher Kompass als Hilfe

Diverse weitere Formen machen die insgesamt acht Installationen zu Forschungen erlebbar, immer wieder auch mit interaktiven Elementen, sei es, Punkte zur Ablehung oder Zustimmung zu verteilen zu Forderungen wie «Eizellenspende legalisieren» oder «Internationale Adoption verbieten» oder bei einem Rollenspiel mitzumachen. Videoinstallationen, ein Glossar zu Fachberichten, ein Zeitstrahl zu Bevölkerungspolitik und reproduktiven Technologien: Die Beiträge regen alle an, sich Gedanken zu machen und die eigene Haltung zu hinterfragen.

Weiter bringt das umfangreiche Buch zur Ausstellung die ganzen Projekte in handlicher Form quasi nach Hause. Und für Jugendliche, für Schulen wurde eine A5-Broschüre mit dem Titel «Kompass» ausgearbeitet, das übersichtlich, verständlich und klar mit diversen Inputs durch die Ausstellung leitet. Das Gute daran: Auch als Erwachsener kann dieses handliche Heftli Hilfe leisten beim Gang durch den vielfältigen «Atlas der Reproduktion».