"Der Glaube wurde zur Kraft des Heils"

Forschung

Seine Bibelinterpretationen zählen zu den kreativsten der Gegenwart. Gerd Theissens neues Buch über den historischen Jesus ist eine Fundgrube für Laien und Theologen. 

Sie haben Ihr Leben der Jesusforschung gewidmet. Warum Jesus?
Gerd Theissen: Viele Aspekte an ihm faszinieren mich. Von keiner biblischen Gestalt gibt es so viele Erzählungen, und keine ist so mythisch überhöht. In Jesus kommen Himmel und Erde zusammen. Gezeugt durch den Geist, Sohn einer Jungfrau. Das sprengt menschliche Dimensionen. Gleichzeitig zeigt dies, gerade durch Weihnachten, die Nähe zu den Menschen durch das Kind in der Krippe. Jesus war ein Mensch wie wir, geboren von einer Frau.

Also hat Jesus wirklich gelebt?
Heute zweifelt kaum jemand mehr daran. Für die Antike ist Jesus aussergewöhnlich gut belegt, durch die Geschichtsschreiber Tacitus, Flavius Josephus und die Evangelien mit unterschiedlichen Traditionen. Die Historizität gilt als gesichert.

In der Jesusforschung waren Sie der Erste, der auch einen sozialgeschichtlichen Ansatz verfolgte. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Als ich studierte, gab es kaum theologische Lehrer, die viele Jesusworte für authentisch hielten. Da war eine grosse Skepsis. Als ich aber begann, Jesu Worte und Taten in ihren sozialen Zusammenhang zu stellen, entdeckte ich, wie gut sich Überlieferung und reale Geschichte ergänzen. Als Sozialgeschichtler galt ich, wie viele, die damals Sozialgeschichte oder Sozialwissenschaften betrieben, als Marxist. Ich war zwar der Aussenseiter, durch meine Erkenntnisse in der Jesusforschung wurde ich jedoch in historischer Hinsicht konservativer als viele Kollegen.

Im Gegensatz zu Johannes dem Täufer, der eigentlich viel radikaler auftrat als Jesus, setzte sich Jesus als zentrale Figur des Christentums durch. Warum?
Johannes lebte in der Erwartung, dass die Welt kurz vor dem Ende stehe. Deshalb rief er zur Umkehr auf und führte als Zeichen die einmalige Taufe ein. Jesus schätzte ihn hoch. Interessant ist aber, dass er selbst nie andere taufte. Für ihn war die innere Umkehr wichtiger als ein äusserer Ritus. Aber es gab noch einen anderen Unterschied.

Nämlich?
Jesus unterschied sich durch seine Wundertätigkeit. Doch seine Taten führte er nicht auf die eigene Kraft zurück, sondern auf den Glauben der Menschen selbst: «Dein Glaube hat dich geheilt.» Für ihn war der Glaube Ursache und nicht Folge der Wunder – ein theologischer Wendepunkt. Der Glaube wurde so zur entscheidenden Kraft des Heils.

Diese Bedeutung des Glaubens ist doch eigentlich in allen Religionen entscheidend?
Ja, aber in den Wundergeschichten der Antike ist es der Glaube an die geschehenen Wunder. Dagegen war bei Jesus der Glaube die Ursache der Wunder. Das ist ein grosser Unterschied. Denn Jesus relativiert sich selbst: Nicht ich heile euch, sondern euer Glaube ist es, der hier wirksam ist. Und das können wir auch heute bejahen, denn heute ist das Zutrauen der Menschen, das positive Denken ein wichtiger Faktor im Prozess der Heilung, der auch wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte.

War Jesus ein Wundertäter oder Charismatiker?
Er war beides. Der Begriff Charisma – Gabe, Gnade – entstammt dem Neuen Testament. Charismatiker aktivieren Überzeugungen, die in den Menschen bereits angelegt sind. Jesus beeindruckte durch eine bis heute faszinierende Ethik, die nicht Erfolg oder Macht betont, sondern die Demut stark macht.

Diese legte er den Jüngern in der Bergpredigt aus.
Genau. Diese und die Feldrede im Lukasevangelium sind genau genommen die strengste Form von Ethik. Sie verlangen höchste Selbstkontrolle: nicht nur Böses zu vermeiden, sondern auch die Motive zu kontrollieren. Nicht nur die Tat zählt, schon Emotionen wie Zorn und Begierde gilt es zu zügeln. Jeder Mensch bleibt also schuldig, ein radikaler moralischer Anspruch, der zur Selbstprüfung zwingt.

Sie sagen, Jesus übertrug Haltungen der Oberschicht in die Unterschicht. Können Sie das erläutern?
Die Ausweitung der Nächstenliebe auf Fremde war ursprünglich eine Idee gebildeter Eliten, die in Kontakt mit anderen Kulturen standen. Jesus machte daraus eine Forderung für alle: Nächstenliebe ohne Grenzen. Solche sozialen Prozesse gab es immer: Werte aus der Oberschicht sickern nach unten, oder umgekehrt entstehen Reformbewegungen aus der Unterschicht, die dann auch für die Oberschicht gelten. Ein Beispiel ist der Pietismus.

Was bewirkte der Pietismus?
Er hat dazu beigetragen, dass christliche Lebensführung im Alltag verankert wurde. Im Pietismus ist die persönliche Frömmigkeit, die Gemeinschaft wichtiger. Der direkte Bezug zur Bibel ist zentral, nicht der Status einer Person. Tugenden wie Treue und Mässigung galten jetzt strikt für alle Gesellschaftsschichten. Persönlichkeiten wie Graf von Zinzendorf, der im 18. Jahrhundert die Herrnhuter Brüdergemeinde gegründet und die bekannten Losungen initiiert hatte, lebten das vor.

Warum fand die Jesusbewegung besonders ausserhalb des Judentums Anhänger?
Das frühe Christentum war anfangs ein universalisiertes Judentum, das bestimmte Ritualnormen aufgab wie Beschneidung oder Speisegebote. Das erleichterte den Zugang für «Gottesfürchtige», die den jüdischen Glauben schätzten, aber seine strengen Vorschriften mieden.

Wie beeinflusste die Jesusbewegung das Judentum?
Jesus stand in der Nachfolge grosser Propheten. Er lebte in einer Zeit, in der sich im Judentum viele neue Strömungen entwickelten. Das Judentum war offen für die griechische Kultur. Man übersetzte zum Beispiel die Thora ins Griechische (Septuaginta). Der Apostel Paulus, ein griechisch gebildeter Jude, römischer Bürger und anfänglicher Christenverfolger, nutzte die Septuaginta zur Mission. Er entwickelte die Jesusbewegung als eine Art universalisiertes Judentum weiter. Mit sehr grossen Spannungen natürlich. Starke Bewegungen, die die Gesellschaft entwickeln wollen, bekämpfen sich manchmal heftig untereinander, obwohl sie eigentlich nahe beieinander sind.

Warum verbreitete sich das Judentum selbst nicht stärker?
Seine Ritualvorschriften erschwerten soziale Kontakte zu anderen Gesellschaftskreisen. Das Christentum übernahm den Monotheismus, liess jedoch Hürden wie Beschneidung und Speisevorschriften fallen. Damit wurde es für weitere Kreise attraktiv. Zugleich wuchs die Distanz zum Mutterboden des Judentums. Antijüdische Tendenzen entstanden aus Abgrenzung und nicht aufrund der Botschaft Jesu.

Sie haben es erwähnt: In Jesus sind Erde und Himmel vereint. Der christliche Gott ist ein personaler Gott. Wie ist das zu verstehen?
Im jüdischen Monotheismus darf niemand neben Gott stehen. Doch wenn Gott selbst einem anderen Anteil an seiner Herrlichkeit gibt, wie im Psalm «Setze dich zu meiner Rechten», ist das keine Götzenverehrung. Deshalb wird Jesus göttliche Würde zugesprochen.

Sie nennen dies «der ins Geheimnis Gottes verwandelte Christus».
Ja. Und die Kirchenväter haben die Lehren noch weiterentwickelt und diese Gottesnähe durch den Heiligen Geist in die Menschen selbst verlegt: Im Glauben ist göttliche Kraft lebendig. Im Christentum steht Gott nicht über dem Leiden, sondern teilt es. Das symbolisiert das Kreuz. Aber wenn Gott alles bestimmt, wo bleibt dann unsere Freiheit? Dies ist das zweite Dilemma neben dem Problem des Leidens. Im Christentum ist der Mensch durch den Heiligen Geist frei und selbstverantwortlich.

Wie verstehen Sie den Begriff Volk Israel als «auserwähltes Volk»?
Er ist metaphorisch zu verstehen. Gott hat die Freiheit, jeden Menschen zu erwählen, unabhängig von seiner Herkunft. Das Alte Testament hält fest: Nur wer gerecht handelt, auch gegenüber dem Fremden, darf im gelobten Land bleiben. Jede Religion muss sich diesem Prinzip selbstkritisch unterziehen. Dann können sie auch in Dialog treten.

Sie loben die katholische Offenheit im interreligiösen Dialog. Warum?
Die katholische Theologie hält an der Theorie der «natürlichen Religion» fest: Der Mensch besitzt rein aus der Betrachtung seiner selbst und der Welt eine natürliche Religiosität in sich. Sie kann Menschen befähigen, die Spuren des Göttlichen zu erkennen. Eine Theorie, die der reformierte Theologe Karl Barth ablehnte. Für ihn basierte der Glauben exklusiv in der Offenbarung. Aber auch die Reformierten haben mit der Confessio Belgica aus dem 16. Jahrhundert an einer natürlichen Theologie festgehalten. Diese Tradition der natürlichen Theologie ist in der katholischen Tradition verbreitet und hat eine erstaunliche Toleranz für religiöse Menschen anderer Religionen zur Folge. Manche katholischen Theologinnen und Theologen verstehen andere Religionen als Vorstufen auf dem Weg zur Wahrheit des Katholizismus.

Was ist Ihre Vision von Religion?
Eine humane Religion, die offen für Glaubensformen und auch säkulare Weltdeutung ist. Das bleibt eine zentrale Aufgabe, gerade heute, wo viele Menschen Religion ablehnen und sich mit Religionskritik profilieren wollen.

Ist Religion zu privat geworden?
Ja. Säkularisierung hat Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt. Über Sexualität kann man offen reden, über Glauben kaum. Vielleicht eine der grössten Herausforderungen für das Christentum in Europa. 

Gerd Theissen, 85

Der emeritierte Professor für Neutestamentliche Theologie und Germanist ist Autor mehrerer Fachbücher und zweier Romane über Jesu Leben. Für seine Arbeit wurde er mehrfach geehrt, unter anderem mit dem Ehrendoktortitel der dänischen Universität Aarhus und der Burkitt-Medaille für biblische Studien der British Academy.
Gerd Theissen: Der historische Jesus. Vandenhoeck & Ruprecht, 2025, 435 Seiten