Klimaziele der Kirche auf der Kippe

Ökologie

Kritiker machen mobil gegen die Schöpfungsinitiative und den Gegenvorschlag des Kirchenrats. Sie schlagen eine Alternative ohne Netto-Null-Ziel und Umweltlabel Grüner Güggel vor. 

Gegen die verbindlichen Klimaziele der Zürcher Landeskirche formiert sich Widerstand. An der ausserordentlichen Synode vom 27. Januar kündigt sich eine heisse Debatte über die Schöpfungsinitiative an. An der Sitzung soll sowohl über die Initiative als auch über einen Gegenvorschlag des Kirchenrats abgestimmt werden. Dieser wird von den Initianten ebenfalls unterstützt. 


Nun hat jedoch eine Minderheit in der vorbereitenden Kommission zu Letzterem einen Alternativvorschlag eingebracht. «Wir wollen keinen Zwang zum Grünen Güggel und lehnen eine konkrete Jahreszahl für Netto Null ab», bringt Kommissionsmitglied und Jurist Martin Breitenstein von der liberalen Fraktion die wichtigsten Forderungen auf den Punkt. In seiner Fraktion sei der Vorschlag von einer deutlichen Mehrheit befürwortet worden. Vier Mitglieder der Kommission stimmten  dafür und fünf dagegen. 

Angst vor der Büokratie

Der Grüne Güggel wird in der Kirche schon lange kontrovers diskutiert. Während Befürworter ihn als wertvolle Methode für ein umfassendes Umweltmanagement der Gemeinden betrachten, führen Kritiker wie Breitenstein Mehraufwand und Bürokratisierung ins Feld. 

In der Schöpfungsinitiative wird der Grüne Güggel nicht explizit erwähnt. Der Kirchenrat führt ihn in seinem Gegenvorschlag jedoch konkret als Instrument auf: Mit diesem oder einem vergleichbaren Umweltmanagementsystem sollten bis 2032 alle Kirchgemeinden zertifiziert sein. Die Gegnerschaft um Martin Breitenstein hingegen plädiert für Freiwilligkeit. Der Jurist betont, emissionssenkende Massnahmen zu befürworten: «Ölheizungen können auch einfach so ausgewechselt werden, dafür braucht es jedoch keinen Grünen Güggel.» 

Wir dürfen nicht nur predigen, sondern müssen auch Verantwortung übernehmen.
Tobias Adam, Mitinitiant Schöpfungsinitiative

Wie auch die Schöpfungsinitiative sieht der Gegenvorschlag des Kirchenrates vor, dass die Kirche ihre Treibhausgasemissionen bis 2035 auf Netto 0 senken soll. Dieses Ziel soll in Artikel 247 der Kirchenordnung verankert werden. 

Weit weniger konkret liest sich die Variante der Kommissionsminderheit, laut der Kirchgemeinden und Landeskirche «ihre betrieblichen Umweltauswirkungen klein halten, namentlich Schadstoffausstoss und Treibhausgasemissionen». Das Netto-Null-Ziel auf 2035 festzusetzen, sei unrealistisch und Symbolpolitik, findet Breitenstein. «Es gibt zudem schon genug Vorgaben des Bundes.» Zugleich verleiht der Alternativvorschlag der Synode die Kompetenz, künftige Absenkungsziele vorzugeben. Vermutlich würden konkrete Ziele damit künftig wesentlich später festgelegt.

Nahe beim Menschen

Mitinitiant der Schöpfungsinitiative, Tobias Adam (religiös-sozial), betrachtet den Alternativvorschlag als «zahnlos». Die Ablehnung des Netto-Null-Ziels kann er nicht nachvollziehen: «Es ist kein illusorisches Ziel, sogar die Kirchgemeinde Zürich hält dies für realistisch.» Den Themen Ökologie und Umgang mit Ressourcen müsse sich die Kirche stellen, auch, um nahe beim Menschen zu sein. «Wir dürfen nicht nur predigen, sondern müssen auch Verantwortung übernehmen.»

 
Mit Blick auf den Grünen Güggel zeigt sich Adam kompromissbereit. «Theoretisch wäre auch ein anderes Umweltmanagementsystem möglich, der Grüne Güggel ist auf Kirchen einfach am besten angepasst.» Entscheidend seien eine Vergleichbarkeit der Daten und ein systematischer Plan. 

Volksabstimmung möglich

Beide Breitenstein wie Adam erwarten ein knappes Abstimmungsergebnis. «Hinter dem Gegenvorschlag zur Schöpfungsinitiative steht die Mehrheit des Kirchenrats», sagt Adam. Darum hoffe er auch auf eine Mehrheit unter den Synodalen. Weil jene am Gegenvorschlag jedoch Änderungen vorbringen könnten, ist das Ergebnis schwer vorhersehbar. So könnte sich die Synode beispielsweise gegen den Grünen Güggel, aber zugleich für ein verbindliches Netto-Null-Ziel aussprechen. Adam betont, die Initianten wollten die Schöpfungsinitiative erst zurückziehen, wenn «der Gegenvorschlag verabschiedet ist». Passiert das nicht, stünde eine Premiere bevor: Dann käme erstmals eine kirchliche Volksinitiative zur Abstimmung.