Der Jahreswechsel steht normalerweise für Freude, Hoffnung, auch für neue Vorsätze. In Crans-Montana war am 1. Januar 2026 jedoch nichts normal. 40 junge Menschen haben bei der Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation ihr Leben verloren. Und weit über 100 weitere Teenager sowie junge Erwachsene liegen wurden mit schwersten Verletzungen hospitalisiert. Das Wallis hat schon manche Naturkatastrophe erlebt. Die Berge, die Gefahr, die von ihnen ausgeht, prägen die Gesellschaft. Die Tragödie der Silvesternacht jedoch ist menschengemacht. Und so folgt diese Aufarbeitung anderen Mustern als eine nach einem Bergsturz oder wegen einer anderen Naturgewalt.
Mittendrin im Geschehen dieser grössten Katastrophe der jüngeren Schweizer Geschichte befinden sich Guy Liagre und Gilles Cavin. Liagre ist Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde von Crans-Montana. Im rund 1000 Meter gelegenen Sierre übt Cavin das gleiche Amt aus. In der Silvesternacht waren die beiden nicht vor Ort. Sie machten sich am Neujahrstag auf ins Bergdorf. Dort war die Polizei im Kongresshaus Le Régent vollauf damit beschäftigt, ein Zentrum für Information und Betreuung der Angehörigen von Opfern einzurichten.
Grosse Betroffenheit
Die beiden Kirchenmänner trafen auf eine von Schwere und Angst gekennzeichnete Stimmung. Die meisten Eltern wartete auf Informationen über den Verbleib und Zustand ihrer Kinder. Ihnen standen die beiden Pfarrer bei. «In so einem Moment fühlt man sich sehr klein und ziemlich ohnmächtig», erzählt Cavin. Was man in so einer Situation anbieten könne, sei schlicht die Präsenz und die Bereitschaft zum Zuhören. Und bei Bedarf das Angebot eines gemeinsamen Gebets.
Die Hilfestellung der Pfarrer galt und gilt jedoch nicht nur den direkt Betroffenen. «Die lokale Bevölkerung ist sehr bestürzt», sagt Liagre. Denn abseits des Touristenrummels sei Crans-Montana ein Dorf wie jedes andere. Jeder kenne jemanden von der freiwilligen Feuerwehr, der Sanität oder aus dem Gemeinderat. «Daher fühlen sich alle in irgendeiner Weise betroffen», so Liagre. Seine seelsorgerischen Dienste dürften wohl noch lange in Anspruch genommen werden.
Zuhören als Hauptaufgabe
Noch am selben Tag der Katastrophe sorgten Liagre und seine Kolleginnen und Kollegen von der reformierten Gemeinde dafür, dass die Kirche für alle Menschen offenstand, die einen Raum der Stille und Andacht suchten. Noch immer kommen Menschen aus dem Dorf her, um sich auszutauschen. «Bisher besteht meine Hauptaufgabe aber nicht darin, einen Dialog zu führen, sondern zuzuhören», erzählt Liagre. «Das ist es, was die Leute benötigen: ihre Erlebnisse erzählen, die quälenden Gedanken loswerden und so mit dem Verarbeiten beginnen.»
Am Sonntag nach der Katastrophe passte Liagre seinen Gottesdienst in der reformierten Kirche in Crans-Montana natürlich den besonderen Umständen an. Eigentlich hatte der Belgier mit Hoffnung ins neue Jahr blicken wollen. «Aber das war in diesem Moment natürlich nicht der Geist des Gottesdienstes. Alle waren in Trauer.» In seiner Predigt wies er auf die Bedeutung von Nähe und Distanz zu einer Katastrophe hin. Wenn ein Unglück in New York oder London geschehe, nehme man das vor dem Fernseher nur kurz zur Kenntnis, sagte Cavin. «Passiert so etwas Schlimmes hingegen direkt bei uns, haben die Opfer und ihre Angehörigen ein Gesicht. Und das ändert alles.»
Liagre hat schon viele schlimme Momente erlebt in den 45 Jahren seiner Tätigkeit als Pastor: «Ich hatte schon oft mit Menschen zu tun, die ihre Liebsten auf tragische Art und Weise verloren, und es ist jedes einzelne Mal schlimm. Das hier aber ist anders. Wir erleben ein kollektives Trauma.» Auch sein Kollege Cavin geht davon aus, dass ihn die Begleitung von Menschen bei der Verarbeitung des Traumas noch lange beschäftigen wird. Menschen verarbeiten Traumata im eigenen Tempo. «Am Anfang sind alle sehr betroffen und unter Schock. Später zeigen sich sehr unterschiedliche Wege der Bewältigung.»
Die Suche nach Antworten
Teil des Umgangs mit Katastrophen ist bei menschengemachten Tragödien die Suche nach Antworten. Liagre kennt «das Ausmachen von Schuldigen als Teil des Trauer- und Verarbeitungsprozesses». Denn das vermittle ein Gefühl der Erleichterung. Für ihn und Cavin ist dies eine normale Entwicklung. Es sei Wut da, und es bestehe das Bedürfnis, dass die Justiz nun die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehe, so der Pastor von Sierre. Für Liagre ist klar, dass man allfällige Schuldige nun nicht ein Leben lang zu Sündenböcken stempeln dürfe.
Er sieht Anzeichen, dass der Alltag allmählich wieder einkehrt in Crans-Montana: «Das Leben nimmt seinen Gang. Wir sind uns allerdings durchaus bewusst, dass sich das Trauma und der posttraumatische Zustand tief in unsere Gemeinde einprägen werden.» Sie werde, vor allem jeweils zu Neujahr, nie mehr dieselbe sein.
