Gesellschaft 17. Februar 2026, von Cornelia Krause

Die Kirchen im prophetischen Wächteramt

Politik

Angesichts der immer stärkeren Polarisierung der Gesellschaft fordert Pfarrerin Catherine McMillan Haueis von den Kirchen, sich aktiver für Menschenrechte einzubringen. 

In den USA aber auch in europäischen Staaten werden Demokratie und Menschenrechte zunehmend in Frage gestellt oder gar angegriffen. Tendenzen, denen sich auch die Kirchen widersetzen müssten, findet die reformierte Pfarrerin Catherine McMillan Haueis. 

Im vergangenen April lancierte die Pfarrerin aus Dübendorf-Schwerzenbach gemeinsam mit Matthias Krieg, dem ehemaligen Leiter der Abteilung Bildung in der reformierten Zürcher Landeskirche sowie dem Zürcher Synodalen Giorgio Girardet einen Aufruf zur Verteidigung demokratischer Kultur. Darin beklagen sie aufkommende Barbarei – mit Blick auf die Kommunikation in den sozialen Medien aber auch in der Politik, «wenn politisch Verantwortliche das Lügen und Verdrehen, Schmähen und Drohen, Verleumden und Beleidigen» leichtfertig übernähmen.  

Die Initianten erinnern an die Errungenschaften der Reformation im Bildungsbereich, die nun auf dem Spiel stünden. Konkret führen sie die regelbasierte Kommunikation und Politik an. Auch hebe die Bibel als Kennzeichen für die Gerechtigkeit eines Regimes hervor, dass dieses nicht zuerst die Mitte der Gesellschaft pflege, sondern die Ränder. «Das ist keine linke, sondern eine biblische Idee, gewachsen aus der Erfahrung mit orientalischen und antiken Tyrannen», heisst es. 

Unterzeichner aus verschiedenen Ländern

Der von knapp 190 Personen unterzeichnete Aufruf nimmt die kirchlichen Institutionen in die Pflicht, «der Verluderung unserer kommunikativen und politischen Kultur entgegenzutreten. Auch international schlossen sich zahlreiche Theologinnen und Theologen dem Aufruf an, darunter einige aus den USA wie Glen Bell von der Presbyterian Foundation in Louisville im Bundesstaat Kentucky und Patrick Reyes vom Auburn Theological Seminary in New York.

In einem jüngst im Magazin «Reflecture» erschienen Interview führt McMillan Haueis die Rolle der Kirchen bei der Verteidigung demokratischer Werte und Menschenrechte weiter aus. Der Aufruf solle an die «prophetische Verantwortung als Kirchen» erinnern. Gemeint sei damit die biblische Tradition der Herrschaftskritik, «von den Propheten des Alten Testaments bis zu Jesus und den Aposteln». 

Stark im Dialog mit den Menschen

Konkrete Möglichkeiten, der zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft entgegenzuwirken, sieht McMillan Haueis unter anderem im Dialog. Die Kirchen könnten Plattformen zum Austausch über soziale und ethische Themen organisieren. Zudem nähmen sie die Nöte der Menschen wahr. «Wir bieten echte und kostenlose Begegnung und Begleitung an und wirken so der Isolierung und Radikalisierung entgegen.» 

Im Interview wird deutlich, dass die Pfarrerin, die auch in Gemeinden in den USA, Deutschland und Schottland tätig war, durch ihre Kindheit in den Südstaaten der USA geprägt wurde. Dort wurde sie in den 1960er Jahren Zeugin der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King. Der Widerstand sei sehr gut organisiert gewesen. «Es gab Training für den gewaltlosen Widerstand. Und es wurde viel gebetet.» In einer ähnlichen Tradition sieht die Pfarrerin die «No Kings»-Märsche im Sommer und Herbst vergangenen Jahres. Auch sie seien grösstenteils in Kirchenräumen organisiert worden.

Eine theologische Krise

Dennoch führt McMillan Haueis aus, dass aus den kirchlichen Kreisen nicht nur Widerstand erfolgt. Vielmehr mache christlicher Fundamentalismus in den USA mit rassistischem Rechtspopulismus gemeinsame Sache. Sie sieht die politische Krise in den USA darum auch als eine theologische Krise. In biblischen Zeiten hätten Propheten ihre Stimme gegen das Unrecht erhoben, so die Pfarrerin. Und auch reformierte Kirchen seien oft «die unbequemen Stimmen».