Er hält am analogen Unterricht fest

Bildung

Claude Nicolet gibt Geschichtsunterricht ohne Tablet. Warum digitale Geräte besser sein sollen als Buch und Stift, leuchtet ihm nicht ein. 

«Wir steigen heute mit einem Bild ein», sagt Claude Nicolet. «Was sehen Sie hier?» Die Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse der Kantonsschule Küsnacht strecken auf. «Eine übergrosse Frau mit Sonnenstrahlen um den Kopf», antwortet eine Schülerin. «Warum ist die Frau viel grösser gezeichnet als die dunkelhäutigen Menschen zu ihren Füssen?», setzt der Lehrer nach. 

Mit dem Titelbild eines französischen Magazins von 1911 führt er in ein neues Thema ein: den Imperialismus. Nicolet hat das Bild an die Wand projiziert, es entspinnt sich eine Diskussion zwischen ihm und den Jugendlichen. 15 Schüler sind es an diesem Morgen, auf ihren Pulten finden sich ausschliesslich Lehrmittel der «alten Welt». Mäppchen, Hefte und das Geschichtsbuch. 

Papier statt Bildschirm

Claude Nicolet hat an seiner Schule einen Ruf: «Als der sturste Lehrer von allen», sagt er später im Gespräch und lacht. Die Sturheit bezieht sich auf die Didaktik. Der 58-Jährige setzt konsequent auf analogen Unterricht, obwohl die Schulpolitik im Obergymnasium digitale Geräte propagiert. «Dabei hat mir noch keiner ein schlagendes Argument dafür liefern können, warum das besser sein soll.» 

Gründe für analogen Unterricht kann er dagegen viele aufzählen: zum Beispiel, dass die Grenzen eines Papiers aus neurowissenschaftlicher Sicht beim Fokussieren helfen, auch die Arbeit mit unterschiedlichen Quellen an einem Tisch fällt leichter als am kleinen Bildschirm des Tablets. Auch geht es ihm um Aufmerksamkeit: «Würden die Schülerinnen und Schüler das Magazincover auf Tablets betrachten, wüsste ich nicht, sind sie wirklich dabei oder shoppen sie gerade auf Zalando.» 

Diskussionen mit Blickkontakt 

Das schlagendste Argument aber ist dieses: Nicolet will einer Jugend, die beinahe ihr gesamtes Schul- und Sozialleben im digitalen Raum verbringt, mit analogem Unterricht Abwechslung bieten: «Zeit, in der die Jugendlichen miteinander diskutieren, aufeinander eingehen, Augenkontakt haben.» 

Tatsächlich hat sich die Kommunikation stark verändert. Statt mit Anrufen tauschen sich Jugendliche meist über Sprachnachrichten aus, die keine Spontanreaktion erfordern. In den Pausen beobachtet der Lehrer, wie das Smartphone dazu dient, unangenehme Momente zu überbrücken, anderen aus den Weg zu gehen. «Mir geht es nicht darum, die Jugendlichen zu erziehen, ich will ihnen Alternativen zeigen.» 

Ein Leben ohne Smartphone 

Er selbst verzichtet im Alltag auf ein Smartphone, ist nur per Telefon oder E-Mail erreichbar, um «bewusster durchs Leben zu gehen». Seine Anliegen bezüglich Kommunikation dürften mit Erfahrungen in seinem früheren Job zusammenhängen. Vor dem Lehrdiplom war der Geschichtswissenschaftler zehn Jahre in der Friedens- und Konfliktforschung tätig, leitete für NGOs Projekte in Nordmazedonien. Weil das schwer mit der Familie vereinbar war, wechselte er zum Unterrichten. «Und darauf freue ich mich auch heute noch jeden Tag», sagt Nicolet, der die Haare im Zopf und gerne T-Shirts diverser Bands trägt. 

Stolz auf eigene Denkleistung

Spricht er über seine Arbeit, zeigt sich der Wandel, den der Bildungsbereich in Zeiten der künstlichen Intelligenz (KI) durchläuft. Schriftliche Hausaufgaben lohnen sich kaum, da viele Jugendliche KI zu Hilfe nehmen. Nicolet bewertet verstärkt die mündliche Mitarbeit. Das mache die Schülerinnen und Schüler selbstbewusster. Er beobachtet, wie stolz sie seien, «wenn sie sich mit ihrem Verstand etwas erarbeitet haben». 

Während er nach der Lektion seine Sachen zusammenpackt, kommt an diesem Morgen ein Schüler auf ihn zu. Imperialismus sei wegen der US-Politik ja wieder in aller Munde, ob das denn gerechtfertigt sei, fragt der Junge. Solche Momente, in denen die Jugendlichen nachfragen, seien für ihn die dankbarsten, sagt Claude Nicolet.