Eine Wandlerin zwischen den Kulturen

Bildung

Die junge Zürcherin Anjala Raghupathy öffnet für Schülerinnen und Schüler die Türen zum hinduistischen Tempel in Opfikon. 

Anjala Raghupathy trägt einen farbenprächtigen Sari. Das Kleid ist aus rund sechs Meter langem Stoff gefertigt. Die 26-Jährige streift ihn normalerweise nur zu besonderen Anlässen über, etwa zu Festtagen im Shiva-Tempel in Opfikon. 

Das Ankleiden ist eine zeitintensive Sache und bedarf geübter Hände. Wenn Raghupathy Führungen durch die Glaubensstätte macht, was regelmässig über ein Angebot der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft Iras Cotis geschieht, tut sie dies in schlichter tamilischer Alltagskleidung und nicht im Sari. 

Eine Ausnahme hat die Tochter tamilischer Einwanderer aber für das Gespräch mit «reformiert.» gemacht und sich extra in das traditionelle Gewand gehüllt. 

Treffen am Knabenschiessen 

«Dialogue en route» heisst das 2017 gegründete Bildungs- und Jugendprojekt von Iras Cotis. Schulklassen werden unter anderem Exkursionen zu Tempeln, Moscheen, Synagogen und anderen Glaubensorten angeboten. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene können auf diese Art mehr über die unterschiedlichen in der Schweiz praktizierten Religionen erfahren. 

Es war bei Festlichkeiten rund um das Zürcher Knabenschiessen, als eine Mitarbeiterin von «Dialogue en route» die damals erst 17-jährige Anjala Raghupathy ansprach. 

Raghupathy war angetan von der Idee, Guide zu werden und Interessierten den Shivaismus und den Tempel unweit des Klotener Flughafens näherzubringen: «Ich wurde schon von klein an mit hierher genommen. Der Ort ist mir sehr vertraut.» Sie habe auch schon in jungen Jahren grosses Interesse an der Religion ihrer Gemeinschaft gezeigt und stets viele Fragen zu den Ritualen und Gebeten gestellt. Bis heute kommt sie einmal pro Monat hierher, um die Puja, die hinduistische Gottes-Ehrerbietung, zu begehen. Auch an diesem kühlen Wintermorgen finden sich Gläubige in Opfikon für die Puja ein. Rund zehn Männer, Frauen und Kinder treten den Rundgang von Schrein zu Schrein an, angefangen bei demjenigen des Shiva-Sohnes Ganesha. 

Der Körper des Tempels 

Bei den Führungen bringt Anjala Raghupathy den Schülerinnen und Schülern die Grundlagen des Hinduismus beziehungsweise des Shivaismus näher. «Das ist aber mehr ein interaktiver Workshop als eine Führung», präzisiert Raghupathy. 

Die ihr anvertrauten Jugendlichen erfahren dabei auch viel über den Tempel selbst, seine Architektur und seinen traditionellen Aufbau, der einem liegenden menschlichen Körper nachempfunden ist.

Ich zünde auch gern in einer Kirche eine Kerze an und bete dort.

Aber ebenso einiges zu Themen wie der hinduistischen Ernährungstradition oder wie das grosse Wagenfest Ratha Yatra gefeiert wird, zu dem bis zu 5000 Gläubige von nah und fern nach Opfikon reisen. 

Raghupathy ist eine Wandlerin zwischen den Kulturen. Stark verwurzelt in den Traditionen ihrer tamilischen Familie und Kultur, zugleich eine waschechte Zürcherin, die seit ihrer Geburt hier lebt. Sie hat in ihrer Heimatstadt Wirtschaft studiert. Nun befindet sie sich in der Ausbildung zur Primarlehrerin. 

Die Spiritualität gibt Halt 

Die Arbeit mit Kindern bereitet ihr grosse Freude. Durch «Dialogue en route» kann sie ihre Leidenschaft für den zukünftigen Beruf mit ihrem persönlichen Hintergrund verknüpfen: «Ich zeige den Kindern, dass ich wie sie von hier bin. Und gleichzeitig lebe ich meinen Glauben aus einem fernen Land.» 

Es ist eine Religion, die sie und ihre Verwandten in der Praxis sehr tolerant und weltoffen interpretieren. «Ich suche Spiritualität und Halt auch anderswo und gehe gern in Kirchen, zünde dort eine Kerze an und bete.» Ihr Glaube verbietet es ihr keineswegs, sich Impulse, Anregungen und Riten und Bräuche aus anderen Religionsgemeinschaften anzueignen. 

Mehr Infos zum Angebot von Iras Cotis und Dialogue en route unter www.iras-cotis.ch und www.enroute.ch