Recherche 26. Oktober 2023, von Bettina Hahnloser

Am Anfang stand eine traumatische Geburt

Entwicklungshilfe

Vor zwanzig Jahren schritt das Ehepaar Leimgruber zur Tat – heute ist Women’s Hope International eine Organisation, die sich mit Hilfe der Einheimischen für Frauen einsetzt.

Am Anfang der Geschichte von Women’s Hope steht eine traumatische Totgeburt: Zenaba, noch im Teenageralter, kam eines Nachts nach tagelangen Wehen in das Distriktspital in Adré im Tschad, wo das Ehepaar Leimgruber arbeitete – Claudia Leimgruber als Hebamme, ihr Mann Martin als Distriktsarzt. 

Zenaba befand sich in einem kritischen Zustand. Das tote Kind wurde mit einer Saugglocke aus dem Mutterleib geholt. Zenaba überlebte, war aber schwerverletzt und litt fortan unter einer sogenannten Geburtsfistel. Diese kann aufgrund eines verzögerten Geburtsverlaufs entstehen, wobei sich eine Öffnung zwischen Scheide und Blase oder Scheide und Darm bildet.

Die Folge: Die betroffene Frau kann die Exkremente nicht mehr kontrollieren. In vielen Ländern werden Frauen mit Fisteln aufgrund ihres Geruchs, aber auch aufgrund von Unwissen geächtet und ausgegrenzt, jährlich gibt es noch immer Tausende Betroffene. 

«Wir waren der Katalysator» 

«Wir wussten damals gar nicht, was eine Fistel ist», sagt Claudia Leimgruber. Das Ehepaar war tief bewegt – und entschloss sich zu einem Engagement. Zusammen mit Gleichgesinnten gründeten sie nach ihrer Rückkehr nach Bern einen Verein und nutzten als Startkapital die Summe von 36‘000 Franken Spendengelder, die von ihrem Einsatz übriggeblieben war. 

Wir haben unser Wissen vereint, um zu schauen, wie wir die Bevölkerung in ihren Bedürfnissen am besten unterstützen können.
Direktor der lokalen Partnerorganisation im Tschad

«Wir waren sozusagen der Katalysator – und hatten das Glück, dass sich viele Freunde und Bekannte anstecken liessen», sagt Martin Leimgruber. Zu Beginn war das Engagement aller Beteiligten ausschliesslich ehrenamtlich, «dann hatten wir den Mut, eine 20-Prozentstelle für das Fundraising zu schaffen und schliesslich eine Geschäftsführung anzustellen.» 

Auch von Kirchen finanziert 

Was vor zwanzig Jahren idealistisch begonnen hat, ist heute eine professionell geführte Organisation mit dreizehn Mitarbeitenden. Der Verein lebt von Spenden und wird mittlerweile auch mit öffentlichen Mitteln – unter anderem von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), von Stiftungen und zu rund sechs Prozent von Kirchen finanziert. 

Denn das Konzept von Women’s Hope ist in jeder Hinsicht überzeugend: Die Nichtregierungsorganisation legt Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung und ihren Organisationen. Nur wenn die Bedürfnisse der Menschen vor Ort die Projekte bestimmen und von ihnen umgesetzt werden, lassen sich nachhaltige und möglichst langfristige Lösungen finden. 

Bevölkerung ist selbst verantwortlich 

Der Direktor der lokalen Partnerorganisation im Tschad nennt diese Haltung «einzigartig»: «Women’s Hope ist für uns nicht einfach eine Geldgeberin. Wir haben unser Wissen vereint, um zu schauen, wie wir die Bevölkerung in ihren Bedürfnissen am besten unterstützen können.»

Heute sind wir in Afghanistan, Tschad, Äthiopien und Bangladesch aktiv – dort, wo Armut spür- und sichtbar ist.
Martin Leimgruber, Mitgründer Women's Hope International

Und dies möglichst ganzheitlich – was oft zu unkonventionellen Lösungen führt: Geburtshäuser und ausgebildetes Personal nützen nichts, wenn sie für Betroffene nicht zugänglich sind. Also kam das Projektteam im Tschad nach einer Befragung der Bevölkerung auf die Idee, Moto-Ambulanzen – Motorräder mit Ladeflächen – anzuschaffen. Jede Gemeinde ist für ihre Moto-Ambulanz selbst verantwortlich. Damit bleibt die lokale Bevölkerung in der Verantwortung. 

Auch gegen Gewalt und Kinderheirat 

Women’s Hope ist heute in den Ländern Afghanistan, Tschad, Äthiopien und Bangladesch aktiv – «dort, wo Armut spür- und sichtbar ist», sagt Martin Leimgruber. Die Bekämpfung von Geburtsfisteln und der hohen Müttersterblichkeit standen am Anfang der Hilfeleistung. Heute geht es Women‘s Hope auch darum, unter anderem Gesundheitssysteme zu stärken und die Ursachen von Fisteln anzugehen. 

So setzt sich die Organisation gegen geschlechtsspezifische Gewalt und gegen Kinderheirat ein. Noch heute werden weltweit täglich 33'000 minderjährige Mädchen verheiratet. Neben den seelischen Folgen besteht für sie aufgrund ihres noch nicht ausgewachsenen Beckens eine hohe Gefahr für Geburtsverletzungen. Der Kampf bedingt, dass alle Bevölkerungsgruppen sensibilisiert werden – und dass auch der Staat in die Pflicht genommen wird. 

Ausbildung ist zentral

Mittlerweile hat sich das Ehepaar Leimgruber aus der Vereinsarbeit zurückgezogen. Rein statistisch habe sich die Situation in der Geburtshilfe verbessert, sagt Martin Leimgruber. Rückschritte sind allerdings in Afghanistan zu beklagen – wobei es sich aber gerade hier gezeigt habe, wie wichtig die Ausbildung der lokalen Bevölkerung ist: Viele NGOs haben nach der Machtübernahme der Taliban das Land verlassen – geblieben ist das Wissen und der Einsatz der Einheimischen. Auch heute noch unterstützt Women’s Hope die Gesundheitszentren in Afghanistan finanziell und mit Knowhow, um sichere Geburten zu ermöglichen.

Wir glauben oft, dass in anderen Ländern alles anders ist. Wir haben aber alle die gleichen Grundbedürfnisse.
Claudia Leimgruber, Mitgründerin Women's Hope International

Letztlich sei für den Wandel der Bildungsstand der Bevölkerung, insbesondere der Frauen entscheidend. «Es braucht viel Geduld, um nachhaltige Fortschritte in unseren Partnerländern zu sehen. Der Blick in die Geschichte der Schweiz zeigt, dass auch der Weg für die Gleichstellung der Frauen lang und steinig ist.» Bildung heisst auch Aufklärung. In Tschad beispielsweise zeigte eine Befragung, dass Frauen glaubten, das Ungeborene werde kleiner und die Geburt dadurch einfacher, wenn sie während der Schwangerschaft weniger Essen zu sich nähmen. 

Weiterer Horizont als Wunsch 

Das Ehepaar Leimgruber wünscht sich von Menschen im globalen Norden einen «weiteren Horizont und grössere Toleranz – und die Bereitschaft, sich auf eine andere Kultur und andere Werte und Perspektiven einzulassen.» Es habe ihr geholfen, so sagt Claudia Leimgruber, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. «Als ich im Tschad unser drittes Kind auf die Welt brachte, waren die Leute erstaunt, dass auch ich Schmerzen hatte. Wir glauben oft, dass in anderen Ländern alles anders ist. Wir haben aber alle die gleichen Grundbedürfnisse.» 

Die Geschichte von Zenaba fand ein gutes Ende: Als die Familie Leimgruber nach drei Jahren im Tschad zurück in die Schweiz reiste, begleitete sie Zenaba bis nach Addis Abeba. Dort konnte sie erfolgreich operiert werden. Heute lebt Zenaba im Tschad und ist als Hilfskraft in der Pflege in einem Fistelprogramm tätig.