Dank der Musik die Seele befreit

Lobpreis

Toby Meyer aus Dürrenäsch gibt in Freikirchengemeinden ein Konzert nach dem anderen. Nun tourt er mit dem dritten Album.

Im Industriequartier in Affoltern am Albis ist um sieben Uhr abends kein Mensch zu sehen. Weisse Kastenwagen sind vor den Buden parkiert, die Lampen gelöscht. Nur im Erdgeschoss eines Backsteingebäudes flimmert lila Licht aus einem Saal und wummert Gitarrensound. Im Saal eilt ein Mann mit weissem Hemd und grauem Foulard zwischen den Stuhlreihen hin und her und prüft die Lautstärke rechts und links, vorne und hinten. Toby Meyer macht Soundcheck. Auf der Bühne stehen sein E-Piano und ein weisser Barhocker, daneben prangt auf einem grossen Banner ein Adler über weissen Wolken und in goldenen Lettern das Wort «Freiheit».

Lieber heim als ins Hotel

Es ist März, und gleich gibt Toby Meyer sein 19. Konzert seit Anfang Jahr. 130 weitere Konzerte sind für die kommenden Monate gebucht. Ausserhalb der Freikirchenszene kennen Meyer nur wenige, dabei gehört der 40-Jährige aus dem aargauischen Dürrenäsch zu den wenigen Musikern in der Schweiz, die von ihren Alben und Konzerten leben können. Obwohl er sich weigerte, auf den Rat von Universal Music Switzerland zu hören und seine Texte weniger fromm zu formulieren, da das Musikunternehmen in ihm das Talent sieht, die breite Masse zu erreichen.

Und obwohl er in Mundart singt und der Markt somit nur bis zur Landesgrenze reicht. Doch er will sowieso nicht in Hotelzimmern in Deutschland und Österreich übernachten, sondern abends nach den Konzerten heim zu seiner Frau und den drei Töchtern im Alter von vier, sechs und zehn Jahren fahren.

Erfolgreicher Seelenstrip

Zurzeit tourt Toby Meyer mit seinem dritten Album «Freiheit – Mi­-ni Gschicht mit Gott» durch die Deutschschweiz, meist allein, bei grösseren Anlässen mit Band. Die Songs sind seine persönliche Geschichte, er nennt es «Seelenstrip». Sie handeln von seiner unglücklichen Kindheit und dem Weg der seelischen Befreiung. Geboren als unerwünschter Nachzügler, fühlte sich der Junge bis ins Erwachsenenalter auf diesem Planeten fehl am Platz. Einzig von Gott erlebte er sich als angenommen. Seine Eltern hatten ihm von klein auf gesagt, dass Gott der Grund sei, weshalb er geboren wurde.

In der Musik hat Meyer sich diesem Gott immer nahe gefühlt, und die Musik war es schliesslich, die für den stillen Mann voller Selbstzweifel das wichtigste Mittel wurden, sich und seine Gefühle auszudrücken. Seine Berufskarriere als Polymechaniker hängte er am letzten Tag der Lehre an den Nagel und begann ein Leben als Musikproduzent – und den langen Prozess des Ballastabwerfens. Eine Stunde vor Konzertbeginn, mit einem Whisky-

glas voller Salbeitee in der Hand sagt er auf der Bank im Foyer: «Heute bin ich endlich schmerzfrei.»

Stets mit Gottes Präsenz

Um 20 Uhr setzt sich Toby Meyer ans E-Piano und sagt zu den Zuhörern zwischen zehn und siebzig Jahren: «Ich freue mich mega, mit euch meine Geschichte zu teilen.» Er bittet darum, erst am Schluss zu applaudieren, da Songs und Erzählungen ineinanderflössen. Und dann beginnt er. Erzählt vom lange unerfüllten Wunsch, Vater zu werden, von seiner Einsamkeit als Kind, seinem Traum von Auftritten in grossen Stadien, der vorübergehend zu viel Platz in seinem Leben einnahm und seine Ehe belastete. Nach jeder Erzählung spielt er den dazu passenden Song, stets geht es darin auch um seine Beziehung zu Gott, die je nach Lebensphase mehr oder weniger intensiv war, die er aber nie infrage stellte. Viele im Publikum schliessen immer wieder die Augen, bei manchen Refrains stehen sie auf und recken die Arme hoch. Es sind Popsongs von einer Qualität, mit der es Toby Meyer auf Platz 22 der Schweizer Hitparade schaffte und wohl noch höher, wenn die Texte weniger religiös wären: eingängig, technisch sauber.

Geteilte Sehnsucht

Als das Konzert zwei Stunden später zu Ende ist, versammeln sich viele der Gäste um den CD-Tisch draussen, zu dem Toby Meyer nach dem letzten Ton geeilt ist. ­Eine blonde Frau will wissen, wie das Lied mit dem Adler nochmals hiess. Sie sagt: «Du ziehsch mich höch, wiit über mini Wolke – das sind so schöne Worte!» Toby Meyer nickt und lächelt, dieses Lied ist besonders beliebt. Höflich beantwortet er Fragen, verkauft CDs, schreibt auf einige sein Autogramm.

Als alle weg sind, sagt er: «Jeder Mensch hat das Bedürfnis, anerkannt zu werden. Das thematisiere ich, und das berührt viele, denn viele sehnen sich nach Anerkennung. Ob von Gott oder von jemand an­derem.» Dass er spätabends noch ­eigenhändig abbauen muss, mache ihm nichts aus, im Gegenteil: «Diese Konzerte erfüllen mich mit ganz viel Sinn. Ich verlege jedes Kabel gerne.»

Alles aus einem Guss

Der Sprung an die Öffentlichkeit gelang Toby Meyer mit dem Song «Ei für alli mal», mit dem er den Songcontest «Neue Lieder braucht die Kirche» 2010 gewonnen hatte. Seither hat er drei Alben produziert: «Wunder» (2012), «Heilig» (2014) und «Freiheit» (2017). Nach seiner Lehre als Polymechaniker absolvierte er eine Ausbildung zum Tontechniker, Pianisten und Sänger. Er komponiert, textet, singt und produziert seine Songs selbst. «Immer und überall» gehört zum Repertoire vieler Kirchgemeinden.