Recherche 29. September 2026, von Hans Herrmann

Am Bielersee wächst wieder Wein für ein Kloster

Rebbau

Die Trauben von den Hängen des Bieler- und des Thunersees, die im Weinmonat Oktober in den Fässern gären, gehörten früher oft einem Kloster. Heute nicht mehr – mit einer Ausnahme.

An den Rebbergen im Kanton Bern, zumeist malerisch am Bieler- oder am Thunersee gelegen, ist die Traubenernte heuer bereits in der ersten Septemberhälfte zu Ende gegangen. Jetzt, im Weinmonat Oktober, beginnt der Traubenmost, sich in den Tanks der Winzerbetriebe gärend in Wein zu verwandeln. 

Die Weingärten, in welchen die Trauben angebaut werden, haben oftmals eine kirchliche, sprich klösterliche Vergangenheit. Das Rebgut auf der Sankt Petersinsel befand sich einst im Besitz des Cluniazenser-Priorats, das bis zur Reformation  1528 auf der Insel im Bielersee ansässig war. An den besonnten Hängen des Thunersees winzerte das begüterte Kloster Interlaken, und das Benediktinerkloster Trub kultivierte seine Weinreben am Jurahang zwischen dem Bieler- und dem Neuenburgersee. Von hier stammt noch heute der – unterdessen weltliche – Truber Wein. 

Dass gerade die Klöster die Kunst des Weinbaus pflegten, verwundert nicht. Im Mittelalter, dem hohen Zeitalter der Klosterkultur, war Wein nicht im Supermarkt zu kaufen. Man musste ihn selbst herstellen, insbesondere, wenn man ihn in grösseren Mengen brauchte. In Klöstern war dies der Fall: Für die Messe wurde täglich Wein benötigt, zudem waren die Abteien und Priorate oft auch Herbergen. 

Verkauft, zurückgekauft 

Natürlich betrieb auch das grosse Kloster Engelberg im Kanton Obwalden Weinbau. Nicht in der klimatisch rauen Innerschweiz, sondern – wen wunderts – ebenfalls an den milden Gestaden des Bielersees. Im Ortsteil Wingreis der heutigen Gemeinde Twann-Tüscherz, um genau zu sein. 1433 verkauften die Mönche die Parzellen an lokale Winzer, und fast 600 Jahre später kauften sie ihr Rebgut zurück, aus Anlass des 900-jährigen Klosterjubiläums 2020. So kam es, dass heute in Wingreis mit Beat Burkhardt wieder ein Klosterwinzer am Werk ist. Für das Kloster produziert er hauptsächlich einen Chasselas und einen Pinot noir. 

Beat Burkhardt ist mit seinem Betrieb in Ligerz zu Hause. An diesem Dienstagmorgen im späten August ist der Himmel grau verhangen. Auf den reifen Trauben an den Rebstöcken glänzen Regentropfen. Der Dorfkern besteht aus einer langen Gasse mit gepflegten alten Häusern, flankiert von Rebhängen, so weit das Auge reicht. Auch in den seeseitigen Privatgärten fehlt nirgends ein üppiges Rebenspalier. An allen Ecken ist deutlich zu erkennen: Ligerz ist ein traditionelles Winzerdorf. Die Gemeinde führt den Rebstock auf grünem Dreiberg und das Winzermesser auch in ihrem Wappen. 

Auf Trab wegen der Hitze 

Das Weingut Bielerhaus, wie der Betrieb von Beat Burkhardt heisst, befindet sich im östlichen Abschnitt der Dorfgasse. Im gemütlichen Carnotzet des Bielerhauses sind auf einem Brett sämtliche Haussorten in gediegenen Bouteillen präsentiert. Burkhardt liefert nur zum Teil an Engelberg, den grösseren Teil vermarktet er selbst. Konkret bewirtschaftet er mit seinem Team eine Hektare für das Kloster. Auf zwei weiteren klösterlichen Hektaren baut er in Pacht eigene Weine an, wie auch auf den angestammten Parzellen des Familienbetriebs. 

Beat Burkhard hat gerade alle Hände voll zu tun. «Wegen des aussergewöhnlich heissen Sommers beginnt die Ernte früher als sonst», erklärt er. Nun müsse er die Erntehelferinnen und -helfer organisieren und alles vorbereiten. 

Das Rekordwetter hielt den Betrieb auch anderweitig auf Trab, die Reben mussten wegen der lang anhaltenden Dürre mit einigem Aufwand künstlich bewässert werden. Auch unter diesen besonderen Umständen überwiegt aber die Freude am Beruf und am Produkt.

Ein fast feierlicher Moment 

«Für das Kloster Engelberg zu arbeiten, ist schon etwas Besonderes», hält der Winzer fest. «Wir sind stolz darauf, diesen Wein machen zu dürfen. Es ist auch immer ein spezieller, fast feierlicher Moment, den Klosterwein im Frühling abzufüllen.» Je nach Saison sind es zwischen 5000 und 8000 Flaschen, die schliesslich per Lastwagen ins Kloster transportiert werden, wo sie im eigenen Shop verkauft oder in der klösterlichen und regionalen Gastronomie auf den Tisch kommen. 

Beat Burkhardt wurde früh Unternehmer: Der heute 45-jährige Winzer und Önologe übernahm das elterliche Weingut bereits im Alter von 22 Jahren. An seinem Beruf befriedigt ihn ganz speziell, dass alle Schritte, nämlich Anbau, Weinherstellung und Vermarktung, im selben Betrieb erfolgen. «So geht das Produkt bis zum Schluss durch dieselben Hände, was bei solch kleinen Strukturen nicht selbstverständlich ist», erklärt der mehrfach preisgekrönte Winzer. Auch dieses Jahr steht er wieder in den vordersten Reihen: Beim Grand Prix du Vin Suisse errang er mit vier seiner Weine Gold und mit zweien Silber. 

Lob vom Kellermeister 

«Für das Kloster Engelberg und im Speziellen für mich als Kellermeister bedeutet es sehr viel, nach beinahe 600 Jahren wieder einen eigenen Wein vom angestammten Standort anbieten zu können.» Mit diesen Worten bringt Pater Patrick Ledergerber, Pfarrer und Kellermeister im Kloster Engelberg, seine Freude zum Ausdruck.

Denn bei Burkhardts Wein, so Ledergerber weiter, handle es sich nicht nur um ein hochwertiges Erzeugnis. Sondern auch um ein Stück Engelberger Klostergeschichte. Mit dem Wein aus eigenem Anbau werde diese alte Tradition für die Gäste des Klosters und der Engelberger Restaurants «unmittelbar erlebbar und lebendig».