Sie kam zur Rettung und blieb Jahrzehnte

Tourismus

Zu Beginn ihrer Zeit am Luganersee stand das Centro Magliaso vor dem Aus. Später bewirtete Claudia Zbären Generationen von Gästen in der einstigen Heimstätte. Nun hört sie auf.

Die Gastgeberin hat für das Abendessen die Tischordnung bestimmt. Sie setzt die Journalistin neben den Stammgast mittleren Alters, der gern Auskunft gibt. Über die unvergessenen Ferientage mit Eltern und Geschwistern, den stets gleichen Kaffeeduft im Grotto und über Claudia Zbären, Geschäftsführerin des Centro, die gerade den Rundgang durch den Saal macht. «Claudia weiss noch immer, wann ich krank war in den Ferien», sagt er. «Ja, immer am Anfang», sagt Zbären und lacht.

Es ist Ende August und der Tessiner Herbst lässt sich schon erahnen, es hat stark geregnet, der Luganersee schlägt Wellen. Das Saisonende naht und damit das Ende einer Ära im Centro Magliaso. Nach 35 Jahren gibt Zbären die Leitung ab, 20 Monate vor dem ordentlichen Rentenalter. Nun sitzt sie am langen Tisch im neu möblierten Aufenthaltsraum und erzählt von den Anfängen. Wie sie mit 27 Jahren spontan das Zepter übernahm. Erst ohne Vertrag, weil das Centro finanziell vor dem Aus stand. «Ich habe mich einfach in meinen Fiat gesetzt und bin ins Tessin gefahren.»

Vom Zeltlager zum Ferienzentrum

1945 von der Jungen Kirche als Zelt- und Barackenlager gegründet, wurde das Centro Magliaso am Luganersee in den 1950er- und 1960er-Jahren zur evangelischen Heimstätte. Nach Vorbild des Centro gründete der Heimstättenverein ein zweites Ferien- und Bildungszentrum in Randolins GR. Ende der 1980er-Jahre geriet 
das Centro Magliaso in Schwierigkeiten. Daraufhin gründeten Einzelpersonen eine Betriebsgenossenschaft zur Rettung. 1988 wurden die Evange
lisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich und der Verband der 
evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich Eigentümer. 
2022 verzeichnete das Centro fast 27 000 Logiernächte.

Eine familiäre Verbindung zur damaligen Heimstätte gab es bereits: Ihr Vater, ein reformierter Luzerner Pfarrer, war dort jeweils mit seinen Konfirmanden hingefahren. Zbärens Eltern hatten zeitweise das damalige Bildungszentrum Randolins im Engadin geleitet. Als die Existenz des Centro Magliaso auf dem Spiel stand, engagierte sich Zbärens Mutter und schlug die Tochter als Leiterin vor. Claudia Zbären hatte in Lausanne die Hotelfachschule besucht und in Hotels in der Schweiz und den USA gearbeitet. Als sie im Herbst 1988 in Magliaso ankam, fand sie das Centro desolat vor. Es regnete durch einige Dächer, den Angestellten war gekündigt, den Gästen für den Sommer abgesagt worden. «Ich holte die Angestellten zurück, dann telefonierten wir, um die Absagen rückgängig zu machen.»

Nun begannen die Renovationen, die nie ganz aufhörten. Ihr Ziel sei es gewesen, den Gästen jedes Jahr etwas Neues zu bieten. «Ich hatte Freude an jedem neuen Schritt», sagt Zbären. Zuletzt wurde das Haupthaus mit modernen Doppelzimmern und Bädern umfassend saniert.  Bis zu 220 Gäste kann das Centro beherbergen, mit verschiedensten Standards und Zimmergrössen. Ein Gebäude ist behindertengerecht ausgebaut, es gibt ein Schwimmbad, ein Volleyballfeld und Spielplätze. Die Zahlen behielt Zbären stets im Blick. Nie sei sie ins Minus gerutscht, auch dank der Stammgäste.

Offen für Begegnungen

Während Gebäude und Anlagen erneuert wurden, blieb der Zweck des Centro gleich: erschwingliche Ferien, ob für Familien, Gruppen oder Einzelgäste. Wichtig, um sich wohlzufühlen, sei eine Offenheit für Begegnungen, sagt Zbären. Theologie und Religion spielt eine weniger grosse Rolle als früher. In der Hochsaison lud Zbären immer Kurpfarrer und Kurpfarrerinnen ein, für morgendliche Inputs, Sonntagsgottesdienste oder die Gutenachtgeschichten für die Kinder. Ansonsten verstand sie ihren Job als «gelebte Kanzel» und wollte Brücken schlagen. «Darin bin ich gut.» Wie beim Konzert am Vorabend: Claudia Zbären hatte einen pensionierten Geiger aus der Nachbarschaft mit seiner Band zu einem Klezmer- und Tangokonzert animiert und so den Saal gefüllt. «Weil eine Gruppe musikinteressierte Studierende bei uns weilt, dachte ich, das passt.» 

Der Brückenbauerinnenjob ist intensiv, Zbären hat daneben zwei Söhne grossgezogen. Ende Oktober wird sie das Centro an den Nachfolger Roland Fischer übergeben, der zwölf Jahre erfolgreich die Jugendherberge in St. Moritz geleitet hat. Den Entschluss aufzuhören, habe sie bereits vor einem Jahr gefasst, nach einem 16-Stunden-Arbeitstag. «Es gibt noch mehr im Leben als Arbeit, und diesen Dingen möchte ich mich jetzt widmen», sagt sie. Gönnen will sich die Retterin des Centro jetzt als Erstes eine Auszeit auf Sardinien.