Gott und Pop

Musik

Justin Bieber unterhielt den Boulevard mit Skandälchen und Affären. Jetzt legt er ein bekenntnishaftes Popalbum vor mit verspielten religiösen Bezügen.

Irgendwie passt das alles viel zu gut. Der Sänger Justin Bieber brach die Unterstufenherzen in Serie und unterhielt die Presse mit Affären und Bordellbesuchen oder als Kiffer. Und nun tauft der 21-jährige Kanadier die vierte Platte «Purpose» und spielt derart mit christlicher Symbolik, dass idiotische Zensoren muslimischer Länder eine alternative Bebilderung wollen. Der reuige Sünder mit Schlafzimmerblick findet seine Bestimmung. Die ideale Bekehrungsstory.

Nur: Das Album von Justin Bieber ist vielschichtiger. Viele Texte lassen sich genauso als Gebete wie als Liebesbriefe lesen: das auf einem klaustrophoben Stimmensample aufbauende, herrlich zwischen Schnulze und Clubhit oszillierende «Where Are Ü Now» oder die Klavierballade «Purpose». Der geläuterte Sünder und reuige Liebhaber verschmelzen. Guter Pop ist eine Projektionsfläche.

Nicht mit mir. Musikalisch präsentiert sich Justin Bieber dank kluger Produzentenwahl auf der Höhe der Zeit. Bereits im Herbst hatte er mit dem vorzeitig veröffentlichten «What Do You Mean» einen Hit gelandet, den ihm die passionierten Bieber-Verachter kaum zugetraut hätten: Ein leicht verwackelter Beat und eine zerstückelte Panflötenfigur kontrastieren da mit seiner Glockenstimme und einem brutal eingängigen Ohrwurmrefrain.

Über seinen Glauben sagt Justin Bieber, er habe sich zwischenzeitlich davon abgewandt, weil er zu viele selbstgerechte Christen kennengelernt habe, die ihr Glück als Lohn für ihr gottgefälliges Leben verstanden. Inzwischen verstehe er, dass «Gott uns grundlos liebt und wir aus dieser Liebe heraus mit anderen Menschen liebevoll umgehen sollten».

Die Suche nach der Bestimmung, die sein Album prägt, ist immer mit Selbstbestimmung verknüpft. Da verlangt ein Star, dessen Privatsphäre eigentlich gar nie existierte, seine Würde zurück. Er habe geweint, als er den Film über die jung verstorbene Musikerin Amy Winehouse gesehen habe, sagt Bieber. Sie habe zuletzt sich selbst verloren, weil die Medien gierig darauf waren, sie vom Sockel zu stürzen. «Mit mir wollten sie das Gleiche tun.» Sein Album ist nun ein trotziges Nicht-mit-mir, das selbst in der kitschigen Globalentschuldigung «Sorry» aufscheint. Trotz macht erwachsen. Und er hört sich richtig gut an.