Mir ist ein guter Freund gestorben. Seit der Kantonsschulzeit bis zu seinem Tode war Giovanni Caduff für mich eine feste Grösse, jemand, mit dem man einfach rechnete. Nach seinem Start als Pfarrer im Domleschg wurde er nach Arosa gewählt. Bald danach engagierte er sich auch im kantonalen Kirchenrat. Es folgten die Jahre als Religionslehrer am Lehrerseminar und die letzten fünfzehn Jahre als «Kanzleidirektor» der Kantonalkirche.
Nicht halb ehrlich sein. Giovanni war kein Freund vieler Worte und selbstdarstellende Gesellschaften mied er, wenn immer möglich. Nie stellte er seine Person in den Mittelpunkt sondern die Sache, der er verpflichtet war. Einer seiner Leitsätze war: «Man kann nicht halb ehrlich sein, entweder man schaut genau hin und sagt, was man sieht, oder eben nicht.» In seiner Arbeit wollte er immer präzis sein, für mich manchmal fast bis an die Grenze der Pedanterie. Ihm war wichtig, dass alles genau seinen Platz hat und seine Ordnung. Ich erinnere mich: Beim Studienbeginn in Zürich lud er mich ein, sein Studentenzimmer zu besichtigen. Ich war beeindruckt über die systematische Ordnung, die benötigten Bücher schön eingeordnet auf dem Bücherregal. Ich nahm ein Buch aus dem Gestell, als ich es zurücklegte, geriet es etwas zu weit in den Hintergrund. Giovanni schaute mich an, ging zum Büchergestell und machte das Buch wieder bündig mit den andern Büchern. Präzis sein, alles an seinem Ort haben, Übersicht bewahren – ich konnte noch nicht ahnen, wie da sich schon Fähigkeiten abzeichneten, die ihn zum prädestinierten «Kanzleidirektor» unsrer Kirche machten. Als Kirchenratsaktuar und Kanzellar der Synode hat er ein enormes Arbeitspensum bewältigt und dabei auf sich und seine Gesundheit kaum Rücksicht genommen. Seine Fähigkeit, mit kritischen Stimmen umzugehen und Konflikte direkt anzusprechen, war entscheidend für viele Problemlösungen. Und an Problemen mangelte es wahrlich nicht. Ich nenne nur das Stichwort «Neustrukturierung der Kirchgemeinden». Da gingen die Wogen manchmal hoch.
Hierarchien der Kompetenz. Egal, ob man ihm in seinem Arbeitszimmer gegenüber sass oder ihn bei den vielen Sitzungen und Versammlungen erlebte – ruhig, aufrecht, selbstbewusst, in Freiheit – so wollte er sein. Er war ehrlich gegenüber sich selbst, und solche Ehrlichkeit auch über eigene Fehlentscheidungen oder Fehlurteile sah er als eine Voraussetzung für die Kritik an anderen. Er vermied alle Hierarchien der Macht, aber hielt viel von den Hierarchien der Kompetenz. Er bewahrte in allen Funktionen den Mut, rechtzeitig das Fällige ohne Rücksicht auf momentane Stimmungen oder den publizistischen Mainstream zu tun und zu sagen. Wir danken Gott, dass wir Giovanni Caduff, so wie er war, unter uns haben konnten.
