Eine Anzahl Buchstaben in einer bestimmten Reihenfolge: Aline, Malin, Lina, Lana, Laura, Boris, Doris, Granit, Geraldine, Michael.
Unser Vorname begleitet uns ein Leben lang. Täglich schreiben, lesen, hören, sprechen wir ihn. Dass der Name Spuren hinterlässt, liegt nahe, doch wie weit die Redewendung «nomen est omen» reicht, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Als Vermächtnis unserer Eltern sagt unser Name womöglich mehr über sie aus als über uns selbst.
Fast immer verrät der Rufname das Geschlecht der Person, die ihn trägt, und tut er es nicht, sind wir einen Moment irritiert, zumindest im schriftlichen Austausch. Manchmal gibt er Hinweise auf die Herkunft oder lässt das ungefähre Alter erahnen. Denn Vornamen unterliegen Zeitströmungen und Mode, sie kommen und gehen.
Spitzenreiter damals und heute
Das zeigt ein kurzer Blick in die Namensstatistik des Bundes. 1964 hiessen neugeborene Mädchen am häufigsten Maria, Monika und Claudia und Buben Daniel, Thomas und Markus. Junge Leute finden diese Namen genauso altmodisch wie die heute 60-Jährigen Fritz oder Rosa aus der Vorgeneration.
Spitzenreiter sind bei den Mädchen aktuell Emma, Mia und Sofia, bei den Buben Noah, Liam und Matteo. Wer mehr wissen möchte über die Verbreitung einzelner Vornamen, kann sich auf verschiedenen Websites durch Beliebtheitskurven, Ranglisten und Datenbanken klicken und dabei problemlos einige Zeit verlieren.
Namenswahl spiegelt Trend zu mehr Individualität
Zu Vornamen forscht beruflich Simone Berchtold Schiestl. Für die Sprachwissenschaftlerin an der Universität Zürich sind Namen deshalb besonders faszinierend, weil sie an der Schnittstelle von Religionswissenschaften, Linguistik, Soziologie und Alltagskultur liegen. Der Trend zu mehr Individualität spiegle sich auch in der Namenswahl: «Alle wollen heutzutage einzigartig sein. Eltern drücken das mit dem Namen aus, den sie für ihr Kind wählen.»
In der Statistik finden sich deshalb viele ausgefallene Vornamen, die nur ein einziges Mal vergeben werden. Gleichzeitig erreichen selbst die beliebtesten Vornamen längst nicht mehr die Verbreitung früherer Jahrzehnte: Maria kam 1964 auf 2040 Nennungen. Emma, die Spitzenreiterin im Jahr 2024, dagegen nur noch auf 364.
Kaum noch Ahnenreihen
Der Brauch, dass der älteste Sohn wie der Vater oder die Tochter wie die Mutter heisst, ist in der Schweiz selten geworden. So sagt Berchtold Schiestl: «In einer landwirtschaftlich und traditionell geprägten Gesellschaft setzte man eine Ahnenreihe fort, denn man dachte stärker in der Kategorie von Familie und nicht von Individuum.»
Für Vornamen interessiert sich die Wissenschaft erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vornamenssammlungen gibt es aber schon länger. Von Martin Luther ist ein in lateinischer Sprache verfasstes «Namen-Büchlein» erhalten, welches erstmals 1537 herausgegeben wurde und heute digital verfügbar ist. Darin finden sich vor allem viele germanische Männernamen, die längst verschwunden sind, etwa Minulfus, Gangolfus oder Tipold. Dietrich, Rudolfus und Eckart hingegen sind, leicht verändert, auch heute noch gebräuchlich.
Christliche Namen kommen mit Christianisierung im elften Jahrhundert
Frauennamen enthält die Sammlung keine, ebenso wenig biblische Namen. Diese verbreiteten sich hierzulande mit der Christianisierung ab dem elften Jahrhundert und verdrängten die Namen germanischer Krieger und Gottheiten. Bis heute sind David, Lukas, Elia, Benjamin, Lea, Magdalena und Elisabeth beliebt, oft in verkürzter Form: Ben, Luca, Lena, Lisa, Ella.
Zwei- oder gar einsilbige Namen sind heute besonders populär. Ebenfalls Namen, die sonor klingen und weiche Konsonanten enthalten wie L, M oder N. «Viel wichtiger als die Bedeutung eines Namens ist für die Eltern, dass dieser gut klingt», sagt Berchtold Schiestl.
Kein eindeutiges Geschlecht
Ein neuerer Trend sind Namen, die nicht eindeutig das Geschlecht verraten, wie Charlie, Elin, Toni oder Lou. Zuweilen entscheiden sich Erwachsene aber bei einer Namensänderung dafür. «Sie eignen sich auch dann, wenn Eltern ihr Kind frei von binären Geschlechterrollen entfalten lassen wollen», sagt die Namensforscherin. So wurde etwa Charlie 2024 insgesamt 98-mal vergeben: 39-mal für Mädchen und 59-mal für Buben.
