Er zeigt, wie Verzicht Gewinn sein kann

Medizin

Gesund leben und damit auch Umweltschutz betreiben? In seinen Klimasprechstunden erklärt der Arzt Hansueli Albonico, wie das geht.

Im ersten Stock eines markanten Altbaus im Emmentaler Dorf Langnau steht auf dem Korridor eine Tafel mit der Aufschrift «Klimasprechstunde». Und: «Wie gestalte ich mein Leben klimaverträglich? Und zugleich gesund für mich selbst?»
In einem hellen Zimmer empfängt der 77-jährige Arzt Hansueli Albonico zur Klimasprechstunde. Leute, die sich hier einfinden, bekommen keine Krankheitsdiagnose, sondern Ratschläge, wie sie ihr Leben gesundheits- und zugleich klimafreundlicher gestalten können. Je nachdem ist es dabei möglich, den persönlichen CO2-Ausstoss um bis zu 30 Prozent zu reduzieren. 

Vor zwei Jahren hat Hansueli Albonico die Praxis für Hausarzt- und Komplementärmedizin, die er mit seiner Frau Danielle Lemann in Langnau lange betrieb, an Nachfolgerinnen übergeben. Der Themenkreis Gesundheit, Natur, Ethik und Umwelt, der ihm schon immer wichtig war, beschäftigt ihn aber nach wie vor. So hat er nun auf eigene Kosten einen Raum gemietet, in dem er jeweils am ersten Freitag im Monat von 16 bis 20 Uhr gratis Menschen berät, die auf umweltbewusste Art gesund leben möchten. 

Führe ich ein gesundes Leben, ist es zugleich auch gut für die Umwelt.
Hansueli Albonico, Arzt

Als gut zu merkender Grundsatz gelte: «Wenn ich gesund lebe, ist es auch für die Umwelt gut», erklärt Albonico. Im Einzelnen jedoch fallen seine Antworten differenziert aus. Etwa beim Thema Fleischkonsum: Zum strikten Veganismus ruft der Langnauer Arzt nicht auf. Ihm ist es aber ein Anliegen, die Zusammenhänge zwischen Futteranbau und -import, Tieraufzucht, Fleischverarbeitung, Gesundheit und Umwelt aufzuzeigen und zu bewusstem Konsum anzuregen. 

Eine CO2-Schleuder 

Weniger sei also mehr, auch mit Blick auf das gesamte Gesundheitswesen. Die medizinischen Einrichtungen verantworteten fünf bis sechs Prozent der CO2-Emissionen weltweit, «sogar mehr als das Fliegen». Deshalb machte Albonico das Prinzip «weniger ist mehr» zu einer Säule seiner Klimasprechstunden. Lieber als von Verzicht spricht er in diesem Zusammenhang von «gewinnbringendem Verzicht». 

Schon als Gymnasiast war Hansueli Albonico politisch und ethisch wach, unter anderem beeinflusst von seinem Onkel Hans A. Pestalozzi. Dieser war zuerst Vizedirektor des Migros-Konzerns, dann Leiter eines vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler initiierten Thinktanks. Dann aber wandelte sich der Manager und Offizier zum Kritiker von Gesellschaft, Armee und Migros-Mana-gement. «So mutig wie er war ich allerdings nie», meint Albonico. 

Etwas von dem Kampfgeist seines Onkels muss aber dennoch auf ihn übergegangen sein, gehörte er doch zu jenen, die sich in der Schweiz an vorderster Front für die Anerkennung der komplementären Medizin starkmachten. Er publizierte und referierte viel zum Thema, und in den 1990er-Jahren eröffnete er in Langnau die schweizweit erste komplementärmedizinische Abteilung in einem öffentlichen Spital. In seiner Hausarztpraxis gingen alternative Methoden stets Hand in Hand mit der Schulmedizin. 

Einsätze im Ausland

Auch anderweitig war Hansueli Albonico mit offenem Blick und helfender Hand unterwegs: Als Student in Bern engagierte er sich in den späten 70er-Jahren in der Freiplatz-Aktion für chilenische Geflüchtete, als Arzt leistete er Einsätze in Simbabwe und Kambodscha. Und in Ägypten leitete er Seminare mit dem Ziel, die einheimische Ärzteschaft für biodynamische Landwirtschaft zu sensibilisieren und interessieren.

Gesundheit und Umwelt: Dieser Kreis schliesst sich jetzt mit Albonicos Klimasprechstunden in Langnau. Diese seien zwar etwas verhalten angelaufen, aber die Gespräche mit den Interessierten «sind immer spannend und vielfältig», sagt er. Und unterdessen sei das Angebot auch in einer breiteren Öffentlichkeit angekommen.

Klimasprechstunden im alten BZ-Gebäude in Langnau: Immer am ersten Freitag im Monat 16-20 h. Kostenlos. Anmeldung erwünscht: Tel. 034 402 14 19