Sie forschen zum Thema Jugendliche und wie diese Social Media und KI-Chatbots nutzen. Wie sieht der Gebrauch aus?
Fabienne Greuter: Zunächst – ich habe keine repräsentative Studie gemacht, aber von den befragten 60 Jugendlichen gaben 100 Prozent an, KI-Chatbots wie ChatGPT und andere zu nutzen. Vor allem zum Lösen von Schulaufgaben. Ein Drittel verwendet KI für kreative Aufgaben, wie etwa «Erstelle mir ein Rezept mit diesen Zutaten», oder jemand gab an, sie beizuziehen, um einen Comic zu illustrieren. Spannend finde ich, dass sieben Prozent angaben, sie als Austauschpartner bei Sorgen zu nutzen.
Ist Lebenshilfe seitens der KI ein grösseres Thema?
Ja, es kann sein, dass durchaus noch mehr Jugendliche Chatbots bei Sorgen oder für Alltagstipps befragen, als sie es in den Fragebögen angaben. Wir haben aber noch eine andere Studie mit Bachelor-Studierenden der Universität Zürich laufen, und dabei wird deutlich, dass für viele Befragte Chatbots zur Anlaufstelle für Fragen nach Beziehungsgestaltung, Zukunftsperspektiven und Sinndeutung geworden sind.
Gibt es heute überhaupt noch junge Menschen, die keinen Zugang zu digitalen Angeboten haben?
Schweizweit gesehen, glaube ich das nicht. Die meisten haben zumindest Zugang über ein Familiengerät, und viele Jugendliche bekommen mit zwölf Jahren ihr eigenes Smartphone. Ansonsten sind die Freunde im Digitalen unterwegs.
Ihr Forschungsprojekt dreht sich um «Religious Digital Literacy». Was ist damit gemeint?
Mit Digital Literacy ist digitale Kompetenz gemeint. Dass man fähig ist, digitale Technologien sicher, effektiv, aber auch kritisch zu nutzen. Momentan ist dieser Begriff in der Wissenschaft sehr wichtig, bemerke ich. Selbst bin ich davon allerdings etwas weggekommen, weil mir der ethische Aspekt dabei zu wenig bedacht wird. Daher sprechen wir bei unserem Projekt nun von «Transformative Digital Agency». Damit ist gemeint, dass Menschen digitalen Technologien nicht einfach ausgeliefert sind, sie aber auch nicht völlig frei und beliebig nutzen können. Zwischen der technischen Fremdbestimmung und einer vollkommenen digitalen Souveränität gibt es einen Gestaltungsraum. Genau diesen Raum möchten wir mit Jugendlichen erkunden.
Und wie machen Sie das?
Wir haben den Jugendlichen Fragen rund um KI, Social Media und Nächstenliebe gestellt. Aus den Antworten wurde deutlich, wie hoch die Hasskultur im Netz ist, die für junge Menschen heute alltäglich ist. Und dass sie selbst nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Viele lesen die negativen Kommentare zwar, aber machen lieber nichts, um nicht selbst Zielscheibe zu werden. Gleichzeitig berührt der Hass im Netz die jungen Leute, weil auch Freunde runtergemacht werden oder Menschen, die sie mögen. In einem ersten Workshop diskutierten wir daher: Was können wir tun, um dem Hass im Netz nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein?
Und was kann man tun?
Im Workshop überlegen wir, was Nächstenliebe im digitalen Raum bedeuten kann. Das hat die Jugendlichen ins Nachdenken gebracht, weil Nächstenliebe für sie erst mal etwas Analoges ist. Also etwa, wenn man einem Obdachlosen Geld für eine Übernachtung gibt. Wir wollten nun aber herausfinden: Wer ist im digitalen Raum mein Nächster und was hat der mit mir zu tun? Zum Beispiel anhand eines Rollenspiels mit einer Dilemmasituation. Jemand ist in der Rolle der KI, die vorschlägt, einen miesen Kommentar zu posten. Andere haben die Rolle von Freunden, die den Post absetzen. Nun ist jemand dadurch seelisch verletzt. Die Jugendlichen merkten so, dass sie gar nicht darüber nachgedacht hatten, wer denn da jetzt eigentlich verantwortlich ist. Es hat eben mit mir zu tun, was ich poste, denn das ist immer noch eine Handlung, über die ich selbst entscheiden kann.
Warum ist denn religiöse Bildung im digitalen Raum wichtig?
Wenn religiöse Bildungsangebote im digitalen Raum nicht vorkommen, dann nehmen wir junge Menschen in ihrer Wirklichkeit nicht mehr wahr. Jugendliche suchen ihren Sinn auch im Netz. Eine Pfarrperson hatte mir zum Beispiel berichtet, dass sie auf der Plattform Tiktok auf etwas Religiöses angesprochen wurde. Die Pfarrperson hat offene Fragen dazu dann im Konf-unterricht behandelt. Wir sollten beachten, dass heute junge Menschen immer weniger über das Elternhaus religiös sozialisiert werden. Wenn sie dann im Netz auf religiöse Inhalte treffen, muss man sie auch dort abholen.
Kommt das in der Schule nicht vor?
In den Fächern Ethik, Religion und Kultur — das wird ja überall etwas anders benannt — wird der Umgang mit Digitalem schon thematisiert. Doch im vollen Lehrplan bleibt nicht viel Platz für solche persönlichen Fragen. Ein Vorteil ist, dass wir im kirchlichen Unterricht zwar Konzepte haben, aber in der Gestaltung der Lektionen frei sind.
Noch findet man in der Kirche immer wieder mal Ablehnung gegenüber Digitalität. Was kann helfen?
Zu akzeptieren, dass sie nicht mehr weggeht, was vielleicht manche insgeheim hoffen. Dann die Offenheit, selbst dazuzulernen. Jugendleitende zum Beispiel können auch von den jungen Menschen lernen und in einer Art Lerngemeinschaft unterwegs sein. Etwa mittels eines Social-Media-Projekts, das sie gestalterisch verantworten.
Kann der Workshop im Reli- und Konfunterricht eingesetzt werden?
Das ist das Ziel. Wir werden den Workshop aber noch wissenschaftlich begleiten und sind derzeit in der Testphase. Später soll es ihn als Lernressource geben. Dann können ihn Jugendarbeitende und ihre Gruppen selbstständig durchführen.
