Michel Sutter weiss, wie es ist, wenn alle wegschauen. Der ehemalige Schwerstsüchtige stand einmal kurz davor, sich den «goldenen Schuss» zu setzen. Heute spricht er öffentlich darüber und möchte anderen mit seiner Geschichte helfen und Mut machen.
Aufgewachsen ist Sutter in einer Familie, die nach aussen funktionierte, innen aber zerbrach. Beide Eltern waren psychisch krank, Alkohol war allgegenwärtig. «Mein Vater hat keinen einzigen Tag nicht getrunken», sagt er im Gespräch mit «reformiert.». Auch die Mutter griff regelmässig zur Flasche, oft heimlich. Für die Kinder bedeutete das: Daueranspannung, Unsicherheit und die Erfahrung, dass Alkohol der Problemlöser war.
Am Wochenende sassen die Eltern oft im Stammrestaurant, während die Kinder auf dem Spielplatz warteten. «Das sind meine einzigen Erinnerungen an Familienausflüge», sagt Sutter. Im Dorf war der Vater, ein Schreiner mit eigenem Betrieb, angesehen, niemand wollte ihm in die Familie reinreden. Die Erwachsenen im Umfeld – Schule, Behörden, Nachbarschaft – griffen nicht ein. Auch Suizidversuche des Vaters wurden einfach vertuscht.
