«Ich wäre froh gewesen, jemand hätte hingeschaut»

Gesellschaft

Viele Kinder in der Schweiz wachsen mit suchtkranken Eltern auf. Die Nationale Aktionswoche macht aktuell auf sie aufmerksam. Einer von ihnen ist Ex-Junkie Michel Sutter.

Michel Sutter weiss, wie es ist, wenn alle wegschauen. Der ehemalige Schwerstsüchtige stand einmal kurz davor, sich den «goldenen Schuss» zu setzen. Heute spricht er öffentlich darüber und möchte anderen mit seiner Geschichte helfen und Mut machen.

Aufgewachsen ist Sutter in einer Familie, die nach aussen funktionierte, innen aber zerbrach. Beide Eltern waren psychisch krank, Alkohol war allgegenwärtig. «Mein Vater hat keinen einzigen Tag nicht getrunken», sagt er im Gespräch mit «reformiert.». Auch die Mutter griff regelmässig zur Flasche, oft heimlich. Für die Kinder bedeutete das: Daueranspannung, Unsicherheit und die Erfahrung, dass Alkohol der Problemlöser war.

Am Wochenende sassen die Eltern oft im Stammrestaurant, während die Kinder auf dem Spielplatz warteten. «Das sind meine einzigen Erinnerungen an Familienausflüge», sagt Sutter. Im Dorf war der Vater, ein Schreiner mit eigenem Betrieb, angesehen, niemand wollte ihm in die Familie reinreden. Die Erwachsenen im Umfeld – Schule, Behörden, Nachbarschaft – griffen nicht ein. Auch Suizidversuche des Vaters wurden einfach vertuscht.

Ex-Junkie trifft Schulfreund

Ex-Junkie trifft Schulfreund

Erzählung & Piano: 20. März, Lavaterhaus, St.-Peterhofstatt 6, Zürich, Beginn 19.30 Uhr, Türöffnung 19.00 Uhr. Eintritt frei, keine Anmeldung nötig. Michel Sutter (rechts) erzählt seine Lebensgeschichte, begleitet von Klavierkompositionen seines Schulfreundes Christian Antonius Müller.

Zwischen Anpassung und Überforderung

Sutters Geschichte steht für viele. In der Schweiz wachsen gemäss Schätzungen von Sucht Schweiz rund 100 000 Kinder mit einem suchtkranken Elternteil auf. Viele bleiben unsichtbar. Ihr Alltag ist geprägt von Loyalitätskonflikten, Scham und der ständigen Angst, dass das fragile Gleichgewicht zuhause kippt.

Während manche Kinder auffallen, ziehen sich andere zurück oder funktionieren übermässig gut. Auch Sutter beschreibt das: Während sein Bruder beim Schulpsychologen abgeklärt wurde, passte er sich zunächst an. «Ich war überangepasst, habe versucht, meine Eltern zu stabilisieren.» Eine Rolle, die betroffene Kinder häufig übernehmen und an der sie selber zerbrechen. Später wurde auch er auffällig, fälschte in der Sekundarschule ein Zeugnis. Das brachte ihm Schelte ein, veränderte aber nichts an seiner Situation. «Dabei war es ein Hilfeschrei», sagt er rückblickend.

Heute arbeitet Sutter als Recovery-Mentor und leitet den Verein Peerspektive. In seiner Funktion begleitet er Menschen auf dem Weg aus der Sucht und spricht über seine eigene Vergangenheit. Seine Botschaft ist einfach und eindringlich: hinschauen. «Ich wäre sehr froh gewesen, jemand hätte in unser Familiensystem reingeschaut», sagt er. Kinder würden sich selten selbst Hilfe holen. Zu gross sei der Loyalitätskonflikt gegenüber den Eltern.

Nationale Aktionswoche

Die von Sucht Schweiz koordinierte Aktionswoche findet vom 16. bis 22. März zum achten Mal statt. In 15 Kantonen werden rund 40 Veranstaltungen durchgeführt – mit dem Ziel, das Thema zu enttabuisieren und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Ein Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf der besseren Unterstützung von Eltern. Neu bietet die Plattform «Elternschaft und Sucht» Informationen und Handlungsperspektiven für Fachpersonen sowie das Umfeld.

www.kinder-eltern-sucht.ch

Auch in kirchlichen Räumen

Genau hier setzt die Nationale Aktionswoche für Kinder von Eltern mit Suchterkrankung an. Sie will ab Mitte März sensibilisieren und dazu ermutigen, aufmerksam zu sein. Für Sutter ist klar: Die Verantwortung liegt nicht nur bei Fachstellen, sondern überall dort, wo Vertrauen entsteht. Auch in kirchlichen Räumen, wo Kinder und Jugendliche begleitet werden oder Menschen sich in der Seelsorge anvertrauen.

Als Jugendlicher wandte sich Sutter in seiner Not einmal an einen kirchlichen Seelsorger. «Ich war so verzweifelt, hatte ständig latente Todesangst», sagt er. «Er wünschte mir viel Glück. Mehr geschah nicht.» 

Michel Sutter geht mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Auch im Rahmen der Aktionswoche erzählt er nun aus seinem Leben, begleitet von den Klavierkompositionen seines Schulfreundes Christian Antonius Müller. Es ist ein Abend zwischen Erzählung und Musik, für Sutter mehr als ein Auftritt. «Vielleicht sitzt jemand im Publikum, der sich wiedererkennt. Oder jemand, der künftig genauer hinschaut.»