«Zurzeit driftet tatsächlich einiges weit auseinander»

Männlichkeit

Die verstärkte Rückkehr traditioneller Rollenbilder spaltet die Gesellschaft immer mehr. Der Theologe Christoph Walser ordnet ein und sagt, was auch die Kirche dagegen tun kann.

In den letzten Jahrzehnten haben sich Vorstellungen von Geschlechterrollen stark verändert. Zugleich wird heute besonders kontrovers diskutiert, was es heisst, ein Mann
zu sein. Wo stehen wir diesbezüglich in der Geschichte? 

Christoph Walser: Das aktuelle Revival autoritärer Männlichkeit ist in dieser Wucht und seiner weltweiten Dimension etwas Neues. Wir gingen in unserer westlichen Welt mehrheitlich davon aus, stetig auf eine geschlechtergerechte Gesellschaft hinzusteuern. Mit Blick auf neueste Umfragen und Studien muss man aber feststellen: Bei vielen, vor allem jungen Männern ist eine Rückkehr zu althergebrachten, stereotypen und teils frauenverachtenden Einstellungen zu beobachten. Wir konnten diese Männer nicht auf den Weg zu einer emanzipierten Gesellschaft nicht mitnehmen.

Ist der Backlash eine Reaktion auf das Erstarken feministischer Kräfte seit #MeToo? 

Das ist ein Faktor. Ich sehe ihn aber eher als Folge der zahlreichen Krisen mit vielen politischen und sozialen Unwägbarkeiten. Wir leben in einer zunehmend komplexen Gesellschaft mit ausgeprägtem Individualismus. Menschen können ihre Identität frei gestalten, aber das hat eine Schattenseite. Man bedachte zu wenig, dass sich eher konservativ orientierte Männer davon bedroht fühlen könnten.

Es gibt nicht wenige junge Frauen, die sich lieber ganz von Männern fernhalten. Demgegenüber steht die Manosphere: ein virtueller Diskursraum von Männern, die sich als Emanzipationsverlierer sehen und den Frauen die Schuld daran geben. Die Geschlechterbilder scheinen sich gerade stark auseinanderzubewegen. 

Die jüngst veröffentlichte Studie «Männlichkeit im Wandel» der Universität Zürich zeigt, dass traditionelle Rollenbilder unter den 18- bis 24-jährigen Männern den grössten Rückhalt haben. Die Hälfte von ihnen befürchtet, «richtige Männer» gerieten immer mehr an den Rand der Gesellschaft. Und sie finden, dass Gewalt zur Problemlösung zuweilen nötig sei. Viele Frauen wenden sich diametral gegen solche Bilder. Da driftet derzeit tatsächlich einiges weit auseinander.

Christoph Walser

Der reformierte Theologe Christoph Walser ist seit über 30 Jahren in der Männerbildung und -beratung tätig, zudem als Coach und Dozent in der Burn-out-Prävention. Walser ist Co-Leiter der Fachgruppe «Män­nerarbeit im kirchlichen Kontext» und Gründungsmitglied von männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Er lebt mit seiner Familie in Zürich. 

Sie sind seit 30 Jahren in der Männerarbeit aktiv. Wie haben sich die Anliegen seitens der Männer in dieser Zeit verändert? 

Zu Beginn ging es bei den Boomern und der Generation X vor allem darum, eine eigene, progressive Position gegenüber dem Feminismus zu finden. Viele Männer fanden sich im privaten Bereich herausgefordert und suchten den Austausch unter Gleichgesinnten. So entstanden Kreise, die Männlichkeitsbilder diskutierten. Danach kam eine Generation der schweigenden Männer im Zuge von LGBTQ+ und #MeToo. Die Generation der 20- bis 30-Jährigen ist jedoch wieder erwacht. Einige junge Männer möchten sich gegen den Backlash engagieren. Das ist ein Hoffnungszeichen. Sie finden das Auftreten der Influencer in der Manosphere inakzeptabel und halten dagegen.

Beschränkt sich dieses Phänomen nicht auf ein linksurbanes Milieu? 

Nein, inzwischen ist das verbreiteter. Im deutschsprachigen Raum zeigt sich rund ein Drittel der Männer gegenüber dem Gleichstellungsprozess aufgeschlossen. Das ist mit Blick auf die letzten 20 Jahre ein klarer Zuwachs. Man geht von einer Aufteilung von jeweils einem Drittel aus: ein Drittel ist offen dafür, ein Drittel unentschlossen und ein Drittel skeptisch bis ablehnend.

Warum ist das Weltbild in der Manosphere für manche so attraktiv? 

Es herrscht eine grosse Verunsicherung. Nicht jeder junge Mann kann die Komplexität der gesellschaftlichen Konflikte und die vielfältigen Antworten darauf aushalten und verarbeiten. Die sozialen Medien transportieren Inhalte mit einfachen Lösungen. Sogenannte Manfluencer sagen dir, dass du als Mann erfolgreich sein kannst, wenn du einen gut trainierten Körper hast, stets die Kontrolle behältst und dominant bist. Sie bedienen das klassische Bild des Einzelkämpfers und versprechen dafür Erfolg, Stärke und Anerkennung. Interessant ist an diesem Konzept ein seltsamer Widerspruch.

Und der wäre? 

In der Manosphere existiert auch eine grosse Sehnsucht nach Brüderlichkeit. Man möchte die anderen Männer nicht als Rivalen betrachten, sondern will sie als brüderliche Begleiter sehen. Faktisch dominiert jedoch Verbrüderung im männerbündlerischen Sinne, in der Misogynie und Hypermaskulinität zelebriert werden.

In der christlichen Tradition haben wir schöne Beispiele für eine Brüderlichkeit, die ein fürsorgliches Männerbild vermittelt.

Was kann ich als Mutter oder Vater tun, wenn ich merke, dass mein Sohn in die Manosphere abtaucht? 

Ich würde mich von Profis beraten lassen. Bei männer.ch veranstalten wir dazu beispielsweise Elternabende, auch online. Es braucht in solchen Fällen Fachwissen. Die jungen Männer befinden sich als Teenager in einem Ablösungsprozess. Je mehr du als Elternteil sagst, desto eher kommt Widerstand. Es wird daher empfohlen, ihre Gedanken, Sorgen und Nöte möglichst gut zu verstehen. Für eine konstruktive Entwicklung brauchen die Jugendlichen neben den Eltern auch gute Mentoren, berührbare Vorbilder.

Wo steht die Politik in der Verantwortung? Geschieht da zu wenig? 

Die Politik hat erkannt, dass Buben und Jugendliche in der Schule früh für die Thematik der Geschlechterrollen sensibilisiert werden sollten. Und vor ein paar Monaten gab es ein ermutigendes Zeichen von Männern im Bundeshaus aus sechs Parteien von links bis rechts. Sie reichten ein Postulat ein, damit geprüft wird, wie sich die Online-Radikalisierung junger Männer und ihre Auswirkung auf die Gewalt gegen Frauen verhindern lassen.

Und was kann die Kirche tun, um toxischer Männlichkeit entgegenzuwirken? 

Das Wichtigste ist, Räume zu schaffen, in denen sich Männer aller Generationen austauschen können. Dafür ist die Kirche der ideale Ort. Bei uns wird jeder ernst und angenommen. Jeder soll offen sagen können, wie er es mit Männlichkeitsvorstellungen, der Gleichstellung und dem Feminismus hält. Unsere kirchliche Grundfrage sollte sein, wie wir als Männer menschlicher und empathischer sein können. Zentral ist die Umdeutung toxischer Vorstellungen von Stärke. Wir müssen diese Muster und Bilder anders besetzen. Ein starker Mann kann man auch sein, indem man sich für Gerechtigkeit oder das Überleben des Planeten einsetzt.

In welcher Form kann die Kirche das konkret fördern? 

Die reformierte Kirche hat zwar das grösste Vater-Kind-Angebot in der Schweiz, aber sonst fehlt es noch an emanzipatorischen Männerprojekten. Doch es gibt Formate, die den Weg aufzeigen.

Zum Beispiel? 

Schön wäre ein Drei-Generationen-Talk. Da können ältere Männer mit entsprechenden Erfahrungen den jüngeren aufzeigen, dass mit der Emanzipation die eigene Lebensqualität steigt, indem man sich von Erwartungshaltungen der patriarchal geprägten Leistungsgesellschaft befreit. Ein hervorragender Ort, um junge Menschen abseits der Schule oder der Clique mit solchen Themen zu konfrontieren, ist der Konfirmationsunterricht. Zudem haben wir in der christlichen Tradition schöne Beispiele für eine Brüderlichkeit, die ein fürsorgliches Männerbild vermittelt. Ganz bestimmt braucht unsere Welt nicht noch mehr männliche Dominanz, stattdessen hat sie mehr Menschlichkeit nötig.