Meine Freundinnen hiessen Marianne und Evelyne, sie hatten kurze Haare, was nicht wichtig war, und wir spielten einfach gerne zusammen, was wichtig war. Bis im Alter von wohl acht Jahren war mir das Geschlecht mir naher Menschen völlig einerlei. Und auch Jahre später las ich mit Vergnügen «Hanni und Nanni» und ähnliche Literatur, bis plötzlich eine Klassenkollegin bemerkte, das seien ja Mädchenbücher. Ich war verwundert, irritiert. Wer entscheidet denn so was?
Die Frage blieb – bis heute. Selbst mit der Erkenntnis, dass ich nicht frei bin von Eigenschaften und Leidenschaften, die eher als männlich gelesen werden. Beziehungspflege, reden über Gefühle, mich mitteilen sind nach wie vor grosse Herausforderungen. Lieber eine Runde Fussball spielen gehen oder in die Berge, Schwieriges allein bewältigen: alles da.
Vermutlich bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Und trotzdem sehen nicht wenige die «Männlichkeit» in einer Krise, bedroht durch «woke» Forderungen und echte Gleichberechtigung etwa. So forderte beispielsweise der US-Tech-Milliardär Mark Zuckerberg in einem Podcast: «Wir brauchen mehr maskuline Energie.» Im Sinn von mehr Härte, Stärke, Dominanz.
«Richtige» Männer am Rand
Ein ähnliches Bild stammt aus einer Umfrage in der Schweiz. Jeder zweite junge Mann ist besorgt, dass «richtige Männer an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden». Das steht in einer Mitteilung der Universität Zürich von Mitte Juni 2026. Eine gross angelegte Studie in Zusammenarbeit mit männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen, zeige, wie verbreitet «restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit» seien. Diese würden mit Frauenfeindlichkeit, Gewaltbereitschaft und Ablehnung von Gleichstellung einhergehen. Prävention sollte, so die Verantwortlichen der Untersuchung, bereits in der Schule ansetzen.
Online hat die Berichterstattung zur Studie überdurchschnittlich viele Kommentare provoziert. Besonders bemerkenswert finde ich jene Äusserung auf dem Online-Portal Watson, die von insgesamt 575 Kommentaren die meisten Likes erhielt. Sie berichtet davon, wie der Kommentierende als Kind ein sensibler Junge gewesen sei, emotional und offen. Doch das sei von keiner Seite goutiert worden, auch der Lehrerschaft nicht. «Die Gesellschaft hält die Erwartungshaltung an klassische Performer-Männlichkeit hoch und wundert sich dann über das Resultat.»
Unhaltbare Definition
Auch eine Studie des Instituts Sotomo von 2025 widmete sich den Vorstellungen von Männlichkeit in der Schweiz. Sie ging davon aus, dass männliche Eigenschaften wie Aggression und Durchsetzungsvermögen besonders im Trend liegen. Eine Frage war, was die Bevölkerung bei Männern besonders schätze. Zudem wurde untersucht, welche Eigenschaften die Befragten selbst wichtig finden.
Bei der ersten Frage wurden am meisten genannt: Belastbarkeit, Selbstsicherheit, Durchsetzungsstärke. Bei der zweiten Frage Humor, Freundlichkeit, Fürsorge. Eigenschaften, die dem klassischen, angeblich angesagten Bild des harten Mannes nicht entsprechen. Mit anderen Worten: Die ausgerufene Krise der Männlichkeit beruht auf einer Definition, die objektiv nicht haltbar ist.
Dafür sprechen auch die Erkenntnisse von Agota Lavoyer, der Schweizer Sozialarbeiterin und Expertin für sexualisierte Gewalt. Sie hält im Buch «Jede_ Frau» zum Thema «Rape Culture» (Vergewaltigungskultur) fest, dass sich die Häufigkeit der sexualisierten und mehrheitlich männlichen Gewalt nicht biologisch erklären lasse. Dass die Männer «halt so sind», sei nicht wahr. Vielmehr würden Männer so geprägt und mit diesen problematischen Normen aufwachsen.
Das grosse Verstummen
Entscheidend ist also, wie in einer Kultur mit Männlichkeit umgegangen wird. Zu diesem Schluss kommt auch die Entwicklungspsychologin Niobe Way, die seit den 1980er-Jahren dazu forscht, was Knaben und junge Männer wirklich wollen. Über mehrere Jahre hat sie Hunderte Jugendliche begleitet und zu ihren Freundschaften interviewt.
Die 12- bis 15-Jährigen äusserten sich stark gefühlsbetont, wünschten sich tiefe gleichgeschlechtliche Freundschaften und Raum, sich jemandem öffnen zu können, ohne ausgelacht zu werden. Doch mit etwa 16 Jahren ändert sich das. Die Jungs haben alles im Griff, wollen nicht mehr über Gefühle reden.
Übertriebene Unterschiede
Entscheidend dabei sei der kulturelle Druck, «sich wie ein Mann zu verhalten», hält Way fest. Selbst Mädchen würden ihm unterliegen, weil das «Männliche» als das eigentlich Menschliche gewertet werde. In mehreren Studien gäben Mädchen an, sich genauso oder noch stärker an Männlichkeitsnormen zu orientieren als Jungen: emotionsarm und stark zu sein. Way sieht daher keine Krise der angeblichen Männlichkeit, sondern das Problem, «männlich» sinnvoll zu definieren.
Die Fähigkeit, grausam und hart zu sein, hätten alle Menschen. Genauso könnten sie liebevoll und fürsorglich sein. Die Entwicklungspsychologin folgert: Die Unterschiede würden übertrieben, wir alle wollten echte Verbindung. Wir müssten also unsere menschliche Natur nähren und unsere Fähigkeit zur Fürsorge stärken.
Wenn ich nun für mehr «Weichheit» votiere, bin ich dann weniger «männlich»? Nein! Mein Körper bleibt gleich. Ich kann in einer Beziehung auch einen dominanten Part übernehmen, wenn es im Konsens geschieht. Ein solches Verhalten ist aber ebenso wenig männlich, wie Einfühlsamkeit eine weibliche Eigenschaft ist.
Empathie als Schulfach
Agota Lavoyer findet, Empathie als Schulfach, wie es Dänemark bereits eingeführt hat, wäre ein guter Anfang. Dazu brauche es mehr Sensibilisierung bei Lehrerinnen und Lehrern, in den Rechtswissenschaften, der Psychologie und Sozialarbeit, zudem strukturelle Veränderungen, wofür die Politik sorgen müsste.
Für mehr Menschlichkeit müssen wir alle sorgen. Egal, welchem Geschlecht wir uns zugehörig fühlen. Wir alle sind aufgerufen, die gesellschaftlich so sehr verfestigten Bilder von Männlichkeit zu verändern.
