Gesellschaft 17. September 2026, von Stefan Welzel

Eine «entfaltete Minute» für die Opfer der Nazis

Gedenkstätte

In Bern entsteht mit «unfolded minute» ein Mahnmal, das als immersive Klangwand den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet ist.

2023 legten National- und Bundesrat fest, dass die Schweiz einen nationalen Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus erhalten soll. Nun wurde bekannt, nach welcher der elf eingereichten Wettbewerbsbeiträge die Gedenkstätte umgesetzt wird. Das Projekt «unfolded minute» («sich entfaltende Minute»), das Information und Kunst vereint, wird bis Ende 2027 auf der Casinoterrasse und somit unweit des Bundeshauses in Bern gebaut. 

Über 82 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs soll an dieser Stelle die Erinnerung an die Shoah und die sechs Millionen getöteten Jüdinnen und Juden sowie an alle anderen Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik wachgehalten werden. «Insbesondere auch an jene, die einen Bezug zur Schweiz haben», wie der Medienmitteilung des Bundes zu entnehmen ist. «Unfolded minute» flechtet dabei eine Klanginstallation in das Konzept mit ein. So verwies die Jury, die unter anderem aus Vertretern des Bundes, der Stadt Bern sowie unabhängigen Expertinnen und Experten bestand, auf die überzeugende Art und Weise, wie das Projekt «künstlerischen Ausdruck, Geschichtsvermittlung und Einbindung in den öffentlichen Raum» verbinde.

Klang als universelle Sprache

Das Siegerteam besteht aus Kulturwissenschaftlerin Franziska Schürch und Historikerin Isabel Koellreuter, der Künstlerin Rahel Zaugg, dem Komponisten Jannik Giger sowie den Architektinnen Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher. «Die Idee, mit Klang zu arbeiten, rückte bei mir und meiner Kollegin Isabel Koellreuter schnell in den Fokus», wie Schürch im Gespräch mit «reformiert» sagt. Das vor allem deshalb, weil es eine sehr «unmittelbare und universelle Sprache ist, welche die Menschen auf einer intuitiven Ebene abholt».

Das Projekt sieht vor, die von Giger erschaffenen Klangfolgen in eine rund 60 Meter lange Wandinstallation zu integrieren. Diese besteht aus einer Metallplatte. In das Metall-Band sind Zungen eingeschnitten. «Jede Zunge ist ein eigener Klangkörper, warm und obertonreich. Ein elektromagnetischer Mechanismus schlägt gegen die Zungen und bringt sie zum Klingen», erklärt Koellreuter. 

Die Oberfläche der Metallwand ist dabei gefaltet, teils aufgebrochen und soll die Schweizer Aussengrenze symbolisieren. Eine Grenze, deren Überwindung in Richtung Eidgenossenschaft während des Zweiten Weltkriegs Leben retten konnte. Umgekehrt führte eine Abweisung an der Grenze oder Rückführung von der Schweiz nach Deutschland für Verfolgte des Nationalsozialismus meist in ein KZ und somit in den Tod. Die Klangstrukturen Gigers ertönen in unregelmässiger Abfolge jeweils während einer Minute und sind jedes Mal anders zusammengesetzt. Diese 60 Sekunden an der 60 Meter langen Wand ergeben eine Gedenkminute für jeweils ein Leben, welches der Nazi-Terror forderte. 

Des Landes verwiesen wegen Bleistift-Verkauf

Nebst der Installation vermitteln zwei grosse Screens Kurzbiografien aus jener Epoche. Es wird beispielsweise über Armin Weiss berichtet, der von den Schweizer Behörden des Landes verwiesen wurde, weil er illegal Bleistifte verkaufte. Zurück in Deutschland wurde er in einem Konzentrationslager ermordet. Die kritische Sicht auf die problematische Haltung der offiziellen Schweiz wird damit integrativer Bestandteil der Gedenkstätte. «Es können immer wieder andere Schicksale vorgestellt werden», sagt Schürch. Es seien letztlich die einzelnen Biografien, die berühren und Geschichte greifbar und zugänglich machen, ergänzt Koellreuter.

Die Wissensvermittlung geht für Interessierte über QR-Codes in einem vertiefenden Teil im Internet weiter. Zusätzlich wird ein begehbares Rondell mit Sitzgelegenheiten erstellt, welches die Thematik um Verfolgung, mörderischer Diktatur und Rassenwahn in einem «Forum» in die heutige Zeit transportiert. Dort sollen aktuellen Fragen zu den Menschenrechten nachgegangen werden, «um zu einer Stärkung der Demokratie und der Zivilgesellschaft beizutragen», so Koellreuter. 

Das Projekt ist Teil eines nationalen Netzwerks der Erinnerungsarbeit. Es verbindet bereits bestehende Ort wie das «Vermittlungszentrum Flucht» in Diepoldsau mit weiteren Bildungsangeboten und anderen Initiativen wie beispielsweise den Stolpersteinen.