«Eine Beziehung, die fürs Leben bleibt»

Gotte/Götti

Pfarrerin Milva Weikert-Schwarz über Erwartungen von Paten und Tauffamilien, die Unvorhersehbarkeit des Lebens mit Kindern und das Patenamt in einer zunehmend säkularen Welt

Was sind Ihre persönlichen Erinnerungen an Gotte und Götti? 

Milva Weikert-Schwarz: Meine Mutter war Einzelkind, und wir hatten nicht viele Verwandte in der Nähe. Die Gotte kam darum öfter zum Hüten. Der Götti war weiter weg, aber an meinen Geburtstagen haben wir uns immer getroffen, an Weihnachten gab es Geschenke. Meine Eltern wählten bewusst Freunde, für mich waren sie spezielle Bezugspersonen, neben Eltern und Grosseltern.

Oft bitten die Eltern Verwandte, das Amt zu übernehmen. Warum? 

In der Tat entscheiden sich die meisten für Geschwister. Das liegt an der Nähe, vielleicht auch am Gedanken, dass man sogar im Streitfall verbunden bleibt. Bei Freunden besteht eher die Gefahr, dass der Kontakt abbricht. Für manche Paare ist der Entscheid für Angehörige aber auch einfach Tradition.

Das Patenamt hat sich gewandelt. Spielt der Aspekt, dass sich Paten um die Kinder kümmern, falls den Eltern etwas zustösst, heut­zutage noch eine Rolle? 

Das war früher ein wichtiger Faktor, und natürlich sind Verwandte oft eher dazu bereit, Kinder aufzunehmen. In der heutigen Zeit ist der Versorgungsaspekt kaum mehr entscheidend. Paten sind vor allem Personen des Vertrauens.

Pfarrerin Milva Weikert gibt Tipps fürs Patenamt

Auch Menschen, die ihre Kinder gar nicht taufen lassen, bestimmen Paten. Wie erklären Sie sich das? 

Ja, das ist interessant. Anders als in Deutschland kenne ich hierzulande kaum ein Kind, das nicht Götti und Gotte hat. Das Patenamt hat sich aus der kirchlichen Tradition verselbstständigt. Es geht darum, dass das Kind gut und behütet aufwachsen soll. Und Teil einer Gemeinschaft ist, welche Verantwortung füreinander übernimmt, somit nicht bereits bei der Kernfamilie eine Grenze zieht. So wirken die christlichen Gedanken auf eine neue Art in der Gesellschaft weiter.

Die Paten versprechen an der Taufe, die Eltern bei der christlichen Erziehung des Kindes zu unterstützen. Welche Bedeutung hat dieses Versprechen heutzutage noch? 

Aus meiner Erfahrung sind in erster Linie die Eltern für die christliche Erziehung zuständig, die Paten nur im erweiterten Sinn. Zwar gibt es Eltern, denen Kirchennähe der Paten wichtig ist, aber meist geht es eher darum, füreinander da zu sein. Das ist legitim, auch das ist ein urchristlicher Wert.

Worauf sollten Eltern bei der Wahl von Gotte und Götti achten? 

Sinnvollerweise fragt man jemanden, zu dem eine gute Beziehung besteht. Die Person sollte Freude haben am Umgang mit dem Kind. Das trifft nicht auf alle Menschen zu, selbst wenn sie sonst beste Freunde sind. Auch sollten sich potenzielle Paten etwas Zeit nehmen können. Es geht nicht darum, grosse Geschenke abzuliefern, sondern eine Beziehung aufzubauen, ab und an Zeit miteinander zu verbringen. Ich habe einmal von einer Gotte gelesen, die sogar ihr Arbeitspensum reduzierte, um Zeit mit dem Kind verbringen zu können. Ein derart grosses Engagement sollte aber natürlich niemand erwarten.

Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die ihr Kind taufen lassen, es bewusster machen als früher.

Wie wichtig ist es denn, Erwartungen im Vorfeld zu klären? 

Ganz entscheidend. Und wichtig ist zudem, ehrlich miteinander zu sein. Wenn jemand absagt, weil er oder sie schon drei Göttikinder hat, ist das nachvollziehbar, ja sogar verantwortungsvoll. Ab und an erlebte ich, dass Paten ihr Amt niederlegten oder Eltern neue Paten bestimmten, weil Erwartungen nicht erfüllt wurden. Das ist natürlich schade. Grundsätzlich wäre es gut, wenn Eltern und Paten über Konflikte sprechen würden, bevor es zu spät ist und zum Bruch kommt.

Es wird viel weniger getauft als früher. Um die Jahrtausendwende waren es schweizweit noch 19 000 reformierte Taufen, 2024 nur noch gut 7000. Welchen Stellenwert hat die Taufe gesellschaftlich noch? 

Der Rückgang bei den Taufen ist in den Städten deutlich spürbar, auf dem Land auch, wenngleich verzögert. Aber ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die ihr Kind taufen lassen, es bewusster machen als früher. Ich frage die Eltern im Taufgespräch, was die Beweggründe für eine Taufe sind. Sehr häufig wollen sie, dass die Kinder den Glauben kennenlernen und christliche Werte vermittelt bekommen. Wichtig ist den Eltern auch, dass das Kind beschützt ist, besonders in so unübersichtlichen Zeiten wie gegenwärtig. Das zeigt sich auch in den gewählten Taufsprüchen.

Inwiefern? 

Nicht umsonst ist der beliebteste Taufspruch Psalm 91,11: «Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.» Ich habe dieses Bedürfnis als Mutter auch selbst gespürt. Die Geburt eines Kindes macht einem bewusst, wie unverfügbar vieles im Leben ist. Ob man überhaupt schwanger wird, ob das Kind gesund ist, wie die Geburt verläuft. Zuvor lässt sich das Leben relativ gut durchplanen. Mit der Schwangerschaft merkt man, wie wenig man eigentlich im Griff hat. Das widerspiegelt sich auch in den Taufsprüchen.

Die besondere Beziehung zwischen dem Göttikind und den Paten bleibt oft weit über die Konfirmation hinaus bestehen.

Die Kirchenordnung ist vielerorts nun liberaler, getauft werden darf auch ausserhalb der Kirche. Wie relevant ist das in der Praxis? 

Das bewährt sich. Etwa ein Drittel oder die Hälfte der Taufen in unserer Gemeinde findet nach wie vor im normalen Sonntagsgottesdienst statt, ein Viertel im Familienkreis, zum Beispiel im eigenen Garten. Der Rest an besonderen Gottesdiensten, etwa Gemeindegottesdiensten in der Natur oder bei einem speziellen Taufgottesdienst «für Gross und Chlii», bei dem die Kinder vom Religionsunterricht mitwirken. Ich selber erachte diese Vielfalt als rundum bereichernd.

Gibt es Angebote der Kirche, um den Kontakt zu den Paten auch nach der Taufe zu halten? 

An der Taufe geben wir den Paten als Erinnerung ein Grusswort mit, in dem wir das Amt erklären und unsere Freude über ihr Engagement zum Ausdruck bringen. Auch auf unseren Einladungen, zum Singen oder in die Kindergottesdienste sprechen wir oftmals die Paten konkret mit an. Sie kommen zwar nicht immer zu den Veranstaltungen, aber doch immer wieder. 

In einer Kirchgemeinde, wo ich früher tätig war, gab es Tauferinnerungsgottesdienste. Und im bereits erwähnten Taufgottesdienst, der von Kindern im Religionsunterricht mitgestaltet wird, erinnern wir uns als ganze Gemeinde an die Taufe. Die Kinder dürfen ihre Taufkerzen mitbringen, auch Gotte und Götti sind zu dieser Feier eingeladen. Anwesend sind diese dann natürlich auch bei der Konfirmation.

Bekommen Sie im Konfirmandenunterricht mit, wie sich Bezie­hungen zwischen Göttikindern und Paten über die Jahre hinweg entwickelt haben? 

Wir sprechen im Unterricht schon darüber, denn die Konfirmation bedeutet ja auch, dass die Jugendlichen künftig selbst ein Patenamt übernehmen können. Daran zeigen viele denn auch Interesse. Und an der Konfirmation selber bedanken sich die Jugendlichen gerne bei Götti und Gotte, meist übergeben sie ihnen eine Blume oder ein Schoggiherz. Formal haben die Paten ihr Amt dann erfüllt.

Das klingt nach einem Aber. 

Mein Eindruck ist tatsächlich: Diese besondere Beziehung zwischen dem Göttikind und den Paten bleibt oft weit über die Konfirmation hinaus bestehen. Häufig ist es eine Beziehung fürs Leben.

Milva Weikert-Schwarz

Die Mutter von zwei Söhnen ist Pfar­rerin in der reformierten Kirchge­meinde Andelfingen. Dort ist sie vor allem für Angebote für Familien und Kinder zuständig. Zudem schreibt sie für die kirchliche Plattform «farbenspiel.family» und ist Co-Host des Familienpodcasts «Heiliger Bimbam».
Für die liberale Fraktion sitzt sie in der Synode der Zürcher Landeskirche.