Junge Menschen proben die Reformation 2.0

Kirche

Im Jahr 2028 feiert Bern 500 Jahre Reformation. Eines der vielen Projekte ist der Disput 2028: Jugendliche analysieren die heutige Zeit und bringen die Erkenntnisse auf die Bühne.

«Eine Gesellschaft braucht gute Gespräche über alles, worüber sie sich nicht einig ist.» Das sagte der Schriftsteller Lukas Bärfuss am Montag, 24. August, auf der Berner Münsterplattform. Die Liste der strittigen Themen sei lang: «Wir sind uns nicht einig, wie wir das Geld verteilen wollen; wir sind uns nicht einig, wie Energie erzeugt werden soll; wir sind uns nicht einig, welcher Platz der Wissenschaft im gesamtgesellschaftlichen Kontext zuzuweisen ist; wir sind uns nicht einig, wie viele Geschlechter es gibt – und wir sind uns nicht einmal einig in der Frage, was wir essen sollen beziehungsweise dürfen.»

Einig sei man sich nur in einer Sache: «Dass die Zukunft in unseren Kindern liegt und dass es ihnen gut gehen soll. Vielleicht sogar besser als uns selber. Und dass sie ihre Zukunft, ihre Träume und Visionen so gestalten können, wie sie es möchten.»

Das fällt nicht eben leicht in einer Gesellschaft, in der mittlerweile mehr ältere als jüngere Menschen leben. Und in einer Welt, die sich im Umbruch befindet und in der sich gerade so viele drängende Problemfelder auftun wie selten zuvor. Dass viele Menschen – auch die jungen – mittlerweile verlernt haben, miteinander zu sprechen, unterschiedliche Meinungen auszutauschen, auszuhalten und daraus Inspiration zum Handeln zu empfangen, macht es auch nicht einfacher.

Bildungspolitisches Theaterprojekt

Was tun? Reden. Und das Besprochene in die Öffentlichkeit tragen. Deshalb hat der Verein Berner Reformationsjahr 2028 unter der Schirmherrschaft der Reformierten Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) den Disput 2028 ins Leben gerufen. Es handelt sich um ein künstlerisch-bildungspolitisches Theaterprojekt im Rahmen des Gedenkjahrs 500 Jahre Berner Reformation, das 2028 mit verschiedenen grösseren und kleineren Veranstaltungen begangen wird.

Die Reformation im alten Stadtstaat Bern, also die Erneuerung der Kirche und des Glaubens im evangelischen Geist, war im Februar 1528 eine Weichenstellung, die glaubens- wie auch gesellschaftspolitisch die Zukunft in hohem, ja höchstem Mass mitprägte. Welche Grundsätze, welche verbindenden und verbindlichen Ideen sollen heute die Zukunft mitprägen? Diesen Fragen spüren die jungen Leute nach, die am Disput 2028 teilnehmen.

Kuratiert wird das Projekt von Lukas Bärfuss. «Mit den Mitteln des Theaters sensibilisiert das Projekt für die grossen Konfliktfelder der Gegenwart und bringt die junge Generation mit der Gesellschaft ins Gespräch», heisst es in einer Medienmitteilung. Hierzu würden die Jugendlichen aus den Gewohnheiten ihrer Community heraustreten und sich mit den Herausforderungen der Zeit auseinandersetzen. «Ziel von Disput 2028 ist nicht Konsens, sondern demokratische Bildung, Dialogfähigkeit, kulturelle Teilhabe und der integrationelle, friedliche Austausch von Ansichten, Ideen und Meinungen.»

Grosses Bühnenfestival

Was die jungen Teilnehmenden im Alter von 13 bis 19 Jahren alles herausfinden und an Gedanken ausbreiten, soll der älteren Generation zu Gehör und zu Gesicht gebracht werden. Die von ihnen unter professioneller Begleitung entwickelten künstlerischen Beiträge kommen in Mai und Juni 2028 im Rahmen eines öffentlichen Festivals auf die Bühne.

Hauptmedium ist das Theater. «Kaum eine künstlerische Form ist geeigneter als diese», sagte Bärfuss an der Medienkonferenz. «Das Rollenspiel ist seit Urzeiten ein erprobtes Mittel, um die eigene Maske abzulegen, die Maske eines anderen anzulegen und unter veränderten Vorzeichen die Möglichkeitsform auszutesten: Was wäre wenn?» Theater sei ein Spiel, aber ernsthaft und lehrreich, und im Kern eine kollektive Kunst.

Diese Kunst steht übrigens mit der Reformation in einem engen Zusammenhang: Kein Geringerer als der Berner Laienreformator Niklaus Manuel verfasste seinerzeit zwei aufmüpfige Theaterstücke, die wenige Jahre vor der Reformation an der Fasnacht aufgeführt wurden und die allgemeine Stimmung gegen die damaligen Missstände im Klerus und in der Kirche zünftig anheizten. Man sagt, dass diese Stücke die Berner Reformation womöglich noch mehr befeuert hätten als die Bemühungen der Prediger.

Gesucht: 500 innovative Köpfe

Im Jubiläumsjahr 2028 ist landauf, landab eine Vielzahl weiterer Anlässe geplant. Einen markanten Schwerpunkt bildet zum Beispiel auch das Projekt «500 für morgen». 500 Jahre nach der Reformation sollen 500 Personen gefunden und gewürdigt werden, «die sich in unserem Kirchengebiet für eine zukunftsfähige Gesellschaft einsetzen», wie Judith Pörksen Roder, Synodalratspräsidentin von Refbejuso, ausführte.

Diese Idee fusst in der DNA der reformierten Kirche, im Motto «ecclesia semper reformanda» nämlich. Diese lateinische Sentenz besagt, dass die Reformation ein fortwährender Prozess zu sein habe. Ein Prozess, der nicht nur die Kirche betrifft, sondern auch vor der Gesamtgesellschaft nicht haltmacht. Für einen gelingenden Wandel aber, so Pörksen, brauche es nicht den Einzelnen, sondern viele Menschen, «die sich an je ihrem Ort mit ihren innovativen Ideen und Kompetenzen einbringen».