Gesellschaft 14. September 2026, von Stefan Welzel

Gegen den Tinnitus der Seele

Seelsorge

Das Metal-Open-Air in Wacken hat Kultstatus. Nicht nur im musikalischen Bereich ist es besonders, auch hinsichtlich Seelsorge gehört es zu den Pionieren in der Musiklandschaft. 

Es ist heiss, über 30 Grad. Starker Wind wirbelt Staub des trockenen Ackerbodens durch die Luft. Derselbe Wind trägt in unregelmässigen Schüben donnernde Heavy-Metal-Klänge von mehreren Seiten ans Ohr. Tausende Musikfans strömen in Richtung zweier grosser Bühnen. Mittendrin befinden sich zwei Personen mit leuchtend blauen Westen und der Aufschrift «Seelsorge». 

Die beiden fallen auf unter den mehrheitlich schwarz gekleideten Besucherinnen und Besuchern des Open Airs im norddeutschen Wacken, die an der Einlasskontrolle zum sogenannten «Infield», dem Herzen des Festivalgeländes, anstehen. Es dauert nicht lange, bis die beiden angesprochen werden. Franziska trägt Cap und schwarzes T-Shirt und mindestens ein Dutzend Piercings im Gesicht. Der breitschultrige Holger mit dem Strohhut auf dem Kopf gesellt sich neugierig dazu. 

Brachial und achtsam 

Es gibt so einige Klischees über Fans von Metal-Musik. Trinkfreudig seien sie, trügen immer dunkle Kleidung und viele Tattoos. In den Anfängen des Genres rückte die übrige Gesellschaft sie in die Nähe des Satanismus oder dichtete der Szene zumindest ein düsteres, böses Naturell an. Vorurteile, über die man heute nur noch schmunzeln kann. 

Das mit der Feier- und Trinkfestigkeit sowie dem Outfit liegt sehr nahe an der Realität. Mittlerweile ist jedoch bestens bekannt, dass die Musik zwar hart, brachial und unerbittlich klingt, die Metal-Fangemeinschaft aber zur friedlichsten und achtsamsten der Musikszene überhaupt gehört. 

Dazu passt, dass das grösste Metal-Festival der Welt ein Pionier in Sachen Seelsorge ist. Seit 2011 bieten Helferinnen und Helfer am «Wacken», wie das Open Air im Volksmund genannt wird, den Besuchern Beistand in psychischer und emotionaler Not. Organisiert wird das Angebot von der Jungen Nordkirche, die zur evangelisch-lutherischen Kirche Norddeutschland gehört. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter streifen in Zweierteams  an den vier Festivaltagen über das riesige Gelände, das jeweils von über 85 000 Musikfans bevölkert wird. 

Die Chefin des Chaos 

Wo so viele Menschen zusammen auf engstem Raum feiern, kommt es auch unter den friedlichsten zu Konflikten oder tauchen psychische Probleme auf. Das Team der Kirche mit rund drei Dutzend Mitgliedern führt über das ganze Festival hinweg durchschnittlich zwischen 400 und 500 Gespräche. Das weiss Katharina Schunck. Die Landesjugendpastorin der Nordkirche leitet die Festivalseelsorge und bezeichnet sich augenzwinkernd und in Anlehnung an den Metal-Slang als «chief of disaster», als Chefin des Chaos. 

Am ersten Festivaltag ist sie es, die von Franziska und Holger in ein Gespräch verwickelt wird. Die Stimmung ist locker, freundlich, offenherzig. Obwohl die beiden Metal-Fans seit Langem regelmässig am Wacken ihre Zelte aufschlagen, fallen ihnen die Seelsorger nun zum ersten Mal auf. Holger zeigt sich erstaunt, dass es «ein solches Angebot gibt», und fragt nach, ob es das denn überhaupt brauche. Als Schunck die Anzahl Gespräche nennt, stellt seine Begleiterin Franziska anerkennend fest: «Dann erledigt ihr einen absolut wichtigen Job!» 

Awareness gehört dazu

Nicht alle Begegnungen seien von solch harmlosem Interesse an ihrer Arbeit geprägt, sagt Schunck. Obwohl es oft vorkomme, dass man einfach ein bisschen mit den Besuchern rede, ohne dass die eigentliche Funktion zum Tragen komme. 

«Die meisten Hilfesuchenden wenden sich an uns, da sie mit der allgegenwärtigen Feieratmosphäre und der riesigen Menschenmenge überfordert sind», sagt die Pastorin. Die Besucher hätten Lust auf Party und merkten dann, dass verdrängte Probleme aus dem Alltag oder solche, die hier erst richtig zutage treten, plötzlich hochkämen. «Alle anderen machen weiter, nur du sitzt hier mit all deinen Emotionen und dem Ballast, den du mit dir trägst, und fühlst dich wie ein Fremdkörper.» 

Weitere Gründe, warum Festivalgänger das Gespräch suchen, seien Streit im Freundeskreis oder in der Beziehung. «Liebeskummer ist zwar ein Klischee, jedoch immer mal wieder Thema beim Seelsorgegespräch», sagt Katharina Schunck. 

Zudem kümmert sich ihr Team um das Awareness-Angebot für Betroffene von Diskriminierung. Gewalt, sexuelle Übergriffe oder rassistische Vorfälle hätten am Wacken zwar Seltenheitswert, kämen «aber eben doch vor», sagt Schunck. Wer sich bei solchen Übergriffen in den persönlichen Grenzen verletzt fühle, könne sich jederzeit an das Team wenden. «Da gucken wir sehr genau hin», erklärt die Pastorin. Und sie betont, wie wichtig Aufmerksamkeit ist: «Nur wenn darüber gesprochen wird, kann gehandelt werden.»

Das Festival gerettet

Um möglichst vielen Bedürfnissen gerecht zu werden, ist das Seelsorgeteam divers aufgestellt. Das spiegle sich in der Altersstruktur sowie im beruflichen Hintergrund der Helferinnen und Helfer. «Egal, was eine hilfesuchende Person braucht: Bei uns findet sie immer ein Gegenüber, das zu ihr und zur Situation passt.» 

Ich sehe meine Arbeit als Teil einer lebendigen Kirche.
Katharina Schunck, Leiterin der Festival-Seelsorge

Ein gutes Beispiel ist der junge Psychologe Philipp Lubensky, der mit Schunck auf dem Rundgang ist. Für den ehrenamtlichen Festivaljob nimmt der Erfurter extra Urlaub. Mit zum Schönsten gehört für ihn, «wenn Leute zu mir kommen und sich dafür bedanken, dass wir ihnen den Aufenthalt am Festival gerettet und sie durch einen schweren Moment begleitet haben». Genau für solche Erlebnisse sei er hier. 

Bus als Rückzugsort 

Theologische Gespräche oder ein Austausch, in dem der Glaube Thema wird, machen laut Schunck nur fünf Prozent aller Konversationen aus. Im Zentrum steht das Wohl der Hilfesuchenden, der seelsorgerliche Beistand. Innerhalb des Teams sei allen klar, «dass wir das aus der evangelisch-lutherischen Kirche heraus verantworten», erklärt Schunck. Eine Nähe zur Kirche und Identifikation mit ihren Werten sei entsprechend vorhanden. 

Schunck sieht ihre Arbeit am Wacken als Teil einer lebendigen Kirche, die Menschen in deren Alltagsrealität begegnet: «Hier kann ich genau das aus meinem Glauben weitergeben, was für mich das Wichtigste ist: allen Menschen mit der bedingungslosen Annahme in Gottes Ebenbildlichkeit begegnen und sie dort abholen, wo sie stehen.» 

Auf dem Weg zurück zu einem der drei Seelsorge-Zentren auf dem Gelände bleibt es ruhig um Schunck und ihren Kollegen. Erst bei der Ankunft beim mit «Safer Space» angeschriebenen Bus sind zwei Mitarbeitende im Gespräch mit Ratsuchenden zu beobachten. Der mit einem Sichtschutz vom bunten Treiben abgeschirmte Bereich dient als Ruheoase und Rückzugsort. Und er soll auch die Anonymität garantieren. 

Für mich ist dieser Einsatz auch aus musikalischer Sicht ein Höhepunkt des Jahres.
Philipp Lubensky, Seelsorger am Wacken Open Air

Schunck und Lubensky haben jetzt erst mal Pause. Gut, dass beide selber der harten Stromgitarrenmusik zugetan sind. So lässt sich das Festival abseits der Arbeit geniessen. Lubensky muss bei der Frage, ob er denn gerne Metal höre, laut lachen: «Auf jeden Fall!» Der Einsatz sei für ihn daher auch aus persönlicher musikalischer Sicht ein Höhepunkt des Jahres. 

Wenn er Abstand braucht, geht er zu seiner Schlafstelle im Campingbereich – oder schaut auch mal bei der Kirche im Dorf vorbei. Dort bietet Pastorin Alisa Mühlfried ein ergänzendes Angebot zur Festivalseelsorge. Die «Open Church» lädt zum Verweilen im Gotteshaus ein, wem der Festivallärm zu viel wird. 

Ab zehn Uhr morgens stehen Sitzsäcke und Liegestühle vor und in der Kirche bereit. Festivalgänger kommen hierher, weil sie «einen Moment der Ruhe und Andacht suchen», erklärt Mühlfried. Die Chill-out-Area wird rege benutzt. «Letztens war ein Metal-Fan und orthodoxer Christ aus Zypern hier und fand, dass er Jesus auch in dieser evangelischen Kirche finde», erinnert sich Mühlfried. 

Gut besuchte Kirche 

Auch am Morgen des zweiten Wacken-Tages strömen kurz nach Türöffnung die ersten Gäste in die Kirche. Dazu gehören Max und Nick aus Holland. Sie seien zwar nicht gläubig, wollten aber die Kirche anschauen und für ein paar Minuten die Stille geniessen. 

Nur 50 Meter weiter weg, auf der Hauptstrasse des Dorfes, erwacht das Leben der Metal-Community langsam. An einem Imbiss dröhnen bereits schnelle Gitarrenriffs aus den Lautsprechern. Auf dem nahen Festivalgelände haben unüberhörbar die ersten Soundchecks begonnen. Ein weiterer Tag am legendären Wacken beginnt. 

Wacken Open Air

Was 1990 mit ein paar nationalen Bands und 800 Fans begann, ist zum Stelldichein der internationalen Metal-Szene geworden. Im Hochsommer verwandelt sich das schleswig-holsteinische Dorf Wacken für vier Tage in das Mekka der harten Riffs. Inklusive Helferinnen und Helfer bevölkern dann über 100 000 Menschen ein Gelände, das um ein Vielfaches grösser ist als die Gastgeber-Gemeinde.