Nach dem Tod von Dolly Parton liess Donald Trump die Flaggen auf halbmast setzen. In den sozialen Medien betonten Musikerinnen und Aktivisten, wie die Countrylegende die Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter» unterstützt und der queeren Gemeinschaft beigestanden habe.
Der amerikanische Traum
Parton sang in der religiösen Sprache des Südens und wurde in der Drag-Szene verehrt. Sie sang ein Duett mit Trump-Unterstützer Kid Rock und nahm für das gleiche Album mit der Rapperin Lizzo einen Song auf, die den Wählerinnen und Wählern der Republikaner öffentlich untersagte, ihre Musik zu hören. Partons Religiosität blieb charismatisch geprägt, gleichzeitig unterstützte sie die Ehe für alle.
In einer Zeit, in der die weltanschauliche Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft fast jeden Lebensbereich erfasst hat, vermochte die Sängerin die tiefen Gräben zu überbrücken, weil sie sich von keiner Seite vereinnahmen liess, und lebte den amerikanischen Traum.
Das Urteil Gottes
Als Frau in der Männerwelt der Countrymusik hatte sie früh gelernt, was Unabhängigkeit bedeutet. Auch Kommentare über ihr Aussehen parierte sie schlagfertig: «Es kostet mich eine Menge Geld, so billig auszusehen», sagte sie einmal. Und: «Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen.»
In einer Welt der Reizfiguren wurde Parton zur Ikone, indem sie sich selbst nicht zu ernst nahm, Gottes Liebe, von der das Evangelium erzählt, aber umso mehr: «Unsere Aufgabe ist es zu lieben, das Urteilen können wir Gott überlassen.»
Ein Buch für jedes Kind
Aufgewachsen ist Parton mit ihren elf Geschwistern in bitterer Armut. Ihr Vater verdingte sich in der Landwirtschaft und auf Baustellen, lesen und schreiben hatte er nie gelernt.
Ihre Antwort war später die Imagination Library, die sie in ihrer Heimatregion Tennessee gründete und ihrem Vater, der ein kluger Mann gewesen sei, widmete. Kinder erhielten von der Bibliothek ab ihrer Geburt bis zum fünften Lebensjahr jeden Monat ein altersgerechtes Buch kostenlos nach Hause geschickt.
Scham und Würde
Die Sprache, die Partons Songs prägen sollte, kam aus der Kirche. Allerdings wurde ihr die Theologie der pfingstlich geprägten Gemeinde, in der sie gross wurde, bald zu eng. Sie liess die Enge und die Angst vor dem Fegefeuer hinter sich, bewahrte sich aber die Wärme des Glaubens, das Gottvertrauen und die Verbundenheit mit dem Gospel. Und auch den Schatz der biblischen Geschichten bewahrte sie sich.
Ihr vielleicht schönster Song erzählt davon: «Coat of Many Colors». Die Mutter hatte der Tochter aus alten Stoffresten einen Wintermantel genäht und ihr dazu von Josef erzählt, dem sein Vater aus Liebe «einen Ärmelrock» (Gen 37,3) schneidern liess, der aber die Eifersucht der Brüder weckte und damit das Schicksal des Sohns besiegelte.
Auch für Parton hatte der Mantel einen unbezahlbaren Glanz, doch wie Josef eckte sie damit an. In der Schule wurde das Mädchen ausgelacht. Und so handelt das Lied auch von Armut, Scham und Würde.
Kein Deal für Elvis
Über 3000 Songs schrieb Dolly Parton während ihrer langen Karriere. Und auch im Musikgeschäft machte sich ihre Standfestigkeit bezahlt. Als Elvis Presley (1935–1977) ihren Song «I Will Always Love You» aufnehmen wollte, hätte sie die Hälfte der Verlagsrechte abtreten sollen. Parton ging nicht auf den verlockenden Deal ein.
Fast zwei Jahrzehnte später machte dann Whitney Houston (1963–2012) den Song doch noch zu einem Welthit.
Ein letztes Gebet
Ihre Autonomie verteidigte Parton auch, indem sie sich bewusst als Künstlerin inszenierte und die Hoheit darüber behielt, was sie von sich preisgab. So hielt sie ihre Krebserkrankung bis zuletzt geheim.
Der Glaube blieb für die Musikerin immer eine Kraftquelle und verlieh ihr die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen über alle Grenzen hinweg. Das Letzte, worum Dolly sie auf dem Sterbebett gebeten habe, sei ein Gebet gewesen, sagte eine Schwester der Verstorbenen.
Dolly Parton starb am 25. August in Nashville
