Vom eigenen Verschwinden

Musik

Der Sänger und Lyriker Leonard Cohen ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Nicht einmal einen Monat vor dem Tod veröffentlichte er sein letztes Album.

«Hineni Hineni / Im ready, my lord.» Das Titelstück «You Want It Darker» klingt, als ob Leonard Cohen selbst sein ganz persönliches, dunkles Kaddisch sprechen würde. Das jüdische Gebet zum Totengedenken. Das hebräische «Hineni» spielt auf Genesis 22,1 an, wo Abraham von Gott gerufen wird und antwortet: «Hier bin ich.» Was folgt, ist die grausame Prüfung Abrahams. Er soll seinen Sohn Isaak opfern. Seine Bereitschaft befreit ihn von Gottes Befehl und bringt die Verheissung des Bundes über alle kommenden Generationen hinweg. 

Cohen bezeugt im Sprechgesang seine Bereitschaft zur letzten Prüfung: das Sterben. Zugleich tun sich historische und aktuelle Abgründe auf, wenn er singt: «A million candles burning / For help that never came.» Unzählige Töchter und Söhne starben und sterben, ohne dass ein Engel das Messer aus der Hand nahm. Im Schreiben über die eigene Existenz öffnen sich hier unverhofft die Räume des kollektiven Gedächtnisses.

Keinen Monat nach der Veröffentlichung der Platte starb Cohen am 7. November mit 82 Jahren in Los Angeles. Dass er seine Songs noch singen konnte, ist Adam Cohen zu verdanken. «Mein Sohn erkannte, dass meine Erholung, wenn nicht mein Überleben davon abhing, dass ich nochmals zu meinem Werk zurückkehren konnte», schreibt Cohen. Selbst Musiker, produzierte Adam das Album und schnitt das Studio auf die Bedürfnisse des gebrechlichen Vaters zu. «You Want It Darker» erzählt neben dem Verschwinden von der Liebe, die bleibt.

Dunkle Psalmen

Cohens Lieder ankern in den Psalmen. In seiner brüchigen Stimme vereint er Anklage und Weisheit, Demut und Coolness, stets getragen von einem unfassbar tollen, fast schwerelosen Groove. Selbst wenn er vom Ende singt, blitzt der Witz als Geistesblitz auf. 

Begleiten lässt sich Cohen auf «You Want It Darker» vom orthodoxen Syna­gogen­chor Shaar Hashomayim. Den Chor leitete einst sein Grossvater, später der Vater. Geboren wurde Cohen in Montreal. Der früh verstorbene Vater war Ingenieur und übernahm den elterlichen Textilhandel, die Mutter stammte aus ­einer Rabbinerfamilie. 

Cohen hatte bereits Gedichte und zwei Romane veröffentlicht, als er die erste Platte aufnahm und von Liebe und Hass, Begierde und Tod zu singen begann. Bald war sein Werk bekannter als er selbst. Von «Hallelujah» oder «First We Take Manhatten» gibt es unzählige Interpretationen.

Kein letztes Flunkern

Das Verschwinden hinter dem Werk wäre Cohen beinah gelungen. Von Sucht und Depression gezeichnet, zog er sich in ein Zen-Kloster zurück. Spätestens mit der unscheinbaren Perle «Dear Heather» (2004) war er wieder im Geschäft. Und nachdem seine Managerin sein Vermögen verjubelt hatte, musste er auch aus finanziellen Gründen weiter machen. 

Cohen wurde gerne mit Bob Dylan verglichen, dem genialen Versteckspieler und ewig kindsköpfigen Literaturnobelpreisträger. Tatsächlich lässt Cohens letzte Platte ans Meisterwerk «Time Out of Mind» (1997) denken, wo Dylan die letzten Dinge besang. Cohen hätte man das gleiche Flunkern zugetraut. Oder nur gehofft, dass er doch noch bleibt.

Hört man «You Want It Darker» nun postum an, tritt einem eine Ernsthaftigkeit und ein in allem Zweifeln und Hadern gelassener, tief verwurzelter Glaube entgegen, der berührt. 

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