Was steht eigentlich in der Bibel? Welches sind die zentralen Inhalte des Christentums? Dieses Wissen verschwindet zunehmend aus der Gesellschaft – ein Wissen, das noch vor 30 bis 40 Jahren zur Allgemeinbildung gehörte. «Die Erosion des religiösen Grundwissens aufzuhalten, scheint auch den Kirchen nicht gelungen zu sein», meint Cornelia Nussberger, Pfarrerin und langjährige Co-Leiterin des Evangelischen Theologiekurses Bern.
Eine bedenkliche Entwicklung, denn es gehe um die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses. «Unsere Gesellschaft ist in hohem Mass geprägt von dem, was man als die jüdisch-christliche Tradition bezeichnet, einer Erzähltradition rund um Geschichten, auf denen unter anderem auch unsere ethischen Vorstellungen basieren.» Verschwinde dieses Wissen, gehe etwas Wesentliches verloren: «Etwas, das zur Identität und zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft beiträgt.»
Und das ethische Koordinatensystem geformt hat. Theologin Nussberger nennt ein Beispiel: «Wenn jemand heute zu einer bedingten Strafe verurteilt wird, hat das meiner Meinung nach mit der Überzeugung zu tun, dass der Mensch, auch wenn er etwas verschuldet hat, eine zweite Chance bekommen soll.» Diese Idee der Gnade – wie so viele andere ethische Prinzipien auch – stamme aus der Bibel. «Hierzu haben sich Theologinnen und Theologen im Lauf der Zeit Gedanken gemacht, und das hat das Leben unserer Gesellschaft geprägt.»
Wer ist Gott?
Auch wenn das christliche Basiswissen momentan schwindet: Nach wie vor gibt es Leute, die es interessiert, was in der Bibel steht und wie man sie verstehen kann. Wer sich mit Christentum, Kirche, Theologie und Ethik vertraut machen und einen Einblick in andere Weltreligionen erhalten möchte, hat nun Gelegenheit dazu: Die neue Durchführung des drei Jahre dauernden Theologiekurses von Refbejuso beginnt im August (Kasten).
Im Laufe ihrer Kurstätigkeit hat Nussberger vielfältig ausgerichtete Teilnehmende kennengelernt, etwa «Leute mit frommem bis agnostischem Hintergrund, kirchennah und kirchenfern, aus unterschiedlichen Berufen und Lebenslagen, viele von ihnen im Alter ab 50», berichtet sie. «Alle haben aus dem Bedürfnis heraus teilgenommen, mehr über die Bibel und ihre Bedeutung für Kirche und Gesellschaft zu erfahren. Aber sie waren auch von der Gottesfrage bewegt.»
Sie hätten es geschätzt, sich mit anderen Interessierten über diese Inhalte auszutauschen und durch die vielfältigen Methoden des Kurses Theologie nicht nur zu lernen, sondern auch zu erleben.
Zwölf Jahre hat Cornelia Nussberger den Kurs geleitet, den ersten mit dem Pfarrkollegen Hansueli Egli, die folgenden mit Daniel Hubacher, Pfarrer in der Kirchgemeinde Nydegg. «Für mich war es ein Geschenk, diese Kurse mitzugestalten. Nun ist die Zeit gekommen, um einer jüngeren Theologengeneration Platz zu machen», sagt sie.
Ohne Leistungsdruck
Der Kurs findet immer am Dienstagabend in Bern statt, während der offiziellen Schulferien ist frei. Eine Prüfung und die Erlangung eines Zertifikats sind mit der Teilnahme nicht verbunden. «Uns ist wichtig, dass die Kursteilnehmenden keinen Leistungsdruck im Nacken spüren», sagt Cornelia Nussberger. Wer den Kurs nach drei Jahren absolviert hat, verfügt jedoch über ein solides theologisches Grundwissen und somit über eine gute Grundlage, um sich für zukünftige Einsätze in der Kirche zu qualifizieren, beispielsweise im Prädikantenamt.
Natürlich habe kirchliche Tradition auch Problematisches hervorgebracht, hält Nussberger fest. Dies angemessen zu kritisieren, gehöre ebenfalls zu kirchlicher Bildung. «Nur, wenn an der Basis diese Bildungsarbeit gemacht wird, haben die Kirchen eine Chance, in der Gesellschaft wieder ernst genommen zu werden.»
