Ein Roman, der lange nachhallt

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Sie wollen feiern, reden und das Leben geniessen. Doch ein Wochenende in Hamburg wird für die Freundinnen Mira und Chloe zum Abschied von allem, was selbstverständlich schien.

Es gibt Bücher, die einfach eine Geschichte erzählen, die man wieder vergisst. Und es gibt Bücher, die einen beschäftigen und lange begleiten. Bis die Vögel nicht mehr sterben von Michelle de Oliveira gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Auf den ersten Blick wirkt der Roman leicht, fast wie eine sommerliche Erzählung über zwei Freundinnen, die ein Wochenende in Hamburg verbringen. Doch dieser Eindruck täuscht. Zwischen Champagner, durchfeierten Nächten und langen Gesprächen entfaltet sich nach und nach eine Geschichte von grosser existenzieller Wucht.

Im Zentrum stehen Mira und Chloe. Kennengelernt haben sie sich als Kinder in der Sprachtherapie: Chloe konnte das R nicht aussprechen, Mira stotterte. Zwei Aussenseiterinnen finden sich – und bleiben ein Leben lang verbunden. Chloe wird später eine international bekannte Künstlerin, Mira Radiomoderatorin. Ihre Lebenswege entwickeln sich unterschiedlich, ihre Freundschaft bleibt. Michelle de Oliveira zeigt eindrücklich, wie kostbar solche Verbindungen sind. Freundschaften, die Jahrzehnte überdauern, verändern sich zwar, verlieren aber nichts von ihrer Tiefe.

Plötzlicher Zusammenbruch

In Hamburg holen Mira und Chloe nach, wofür im Alltag kaum Platz bleibt. Sie sprechen über unerfüllte Kinderwünsche, Beziehungen, Kunst, das Älterwerden und darüber, wie selten das Leben den Plänen folgt, die man mit zwanzig schmiedet. Mira muss akzeptieren, dass sie keine Mutter werden wird. Chloe hat sich bewusst gegen Kinder entschieden und ihre eingefrorenen Eizellen freigegeben. Diese unterschiedlichen Ausgangslagen führen immer wieder zu intensiven Gesprächen und schmerzhaften Diskussionen zwischen den beiden. Sie verletzen sich mitunter auch verbal, trotzdem fangen sie sich auch immer wieder auf. Gerade diese Ambivalenz macht die Figuren so glaubwürdig. Zu den schönsten Szenen gehören jene, in denen sie durch die Stadt ziehen, feiern, am Elbufer einen Joint rauchen und für einen kurzen Moment das Gefühl haben, als drehe sich die Welt nur noch für sie beide.

Dann bricht Chloe plötzlich zusammen. Aus einem unbeschwerten Wochenende wird eine Geschichte über Krankheit, Angst und Abschied. Die Autorin beschreibt diesen Wendepunkt ruhig und ohne Pathos. Das geht umso mehr unter die Haut: Man liest weiter und hofft mit Mira, dass doch noch alles gut kommt.

Symbol für Vergänglichkeit

Erst nach und nach erschliesst sich auch der Titel des Romans. Als Mädchen finden Mira und Chloe einen toten Vogel. Sie begraben ihn gemeinsam, streuen Blumen auf das kleine Grab und besprühen es sogar mit Parfüm, damit kein Hund den Vogel wieder ausgräbt. Chloe sagt dabei den Satz: «Bis die Vögel nicht mehr sterben.» Ein kindlicher Wunsch, der so unmöglich wie berührend ist. Im weiteren Verlauf tauchen immer wieder Vögel auf – eine Krähe auf dem Fenstersims, Vögel auf den Gleisen, Tauben und Möwen. Sie werden zu einem Symbol für die Vergänglichkeit und für den menschlichen Wunsch, das Schicksal doch noch aufhalten zu können.

Die Sprache des Romans ist schlicht, klar und poetisch zugleich. Besonders eindrücklich ist zudem die Figur eines Krankenpflegers, der Mira im Spital begegnet. Er begleitet Sterbende und spricht abei auch über Gott und das, was vielleicht nach dem Tod bleibt. Diese Fragen beschäftigen die Autorin schon länger. In ihrem früheren Buch Ich glaube, mir fehlt der Glaube setzte sie sich essayistisch mit dem Glauben auseinander. Bis die Vögel nicht mehr sterben ist keine religiöse Geschichte. Aber eine feinfühlige Analyse einer Freundschaft, die das Lebensgefühl unserer Zeit einfängt.

Buchhinweis: Michelle de Oliveira, Bis die Vögel nicht mehr sterben. Pano Verlag (Theologischer Verlag Zürich), 2026.